Ohlsdorf

Ohlsdorf – weniger Friedhof, mehr Park

Zahl der Bestattungen sinkt: Stadt will nur noch ein Viertel der Fläche für neue Gräber nutzen. Drei Millionen Euro für Ideenwettbewerb und Umgestaltung

Ohlsdorf.  Die Zahlen sind dramatisch, das Ziel ist ehrgeizig: Weil es in Hamburg immer weniger Sargbeisetzungen gibt, steht der Friedhof Ohlsdorf als weltgrößter Parkfriedhof vor einer bedeutenden Umwandlung.

Und die beginnt jetzt: In den kommenden vier Jahren plant die Umweltbehörde zusammen mit den Ham­burger Friedhöfen umfassende Maßnahmen, um „Ohlsdorf 2050“ zu entwickeln. Für einen Ideenwettbewerb, einen internationalen wissenschaftlichen Austausch und konkrete Vorhaben wie die Instandsetzung des Sielnetzes stehen insgesamt drei Millionen Euro zur Verfügung. Zwei Millionen davon kommen vom Bund, eine Million von der Stadt.

In Ohlsdorf besteht akuter Handlungsbedarf. Auf der fast 400 Hektar großen Fläche wird schon heute bereits die Hälfte als Parklandschaft genutzt, rund 200 Hektar stehen noch für Beisetzungen zur Verfügung. Diese Fläche aber wird sich halbieren.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Zahl der Beisetzungen hat sich in der Hansestadt seit 1995 als Folge von immer weniger Sterbefällen um 22 Prozent verringert – und der Anteil der Sargbeisetzungen ist von 40 auf fast 25 Prozent zurückgegangen. Gab es 1995 noch 7293 Beisetzungen, sank die Zahl 2014 auf nur noch 4202 Begräbnisse in Ohlsdorf. Folge: riesige Flächen, die umgenutzt werden müssen.

Erschwerend kommt hinzu, dass es in Hamburg kaum noch Großfamilien gibt. Mehr als die Hälfte der Haushalte in der Hansestadt bestehen aus nur einer Person.

Und: Auch die Ansprüche an die Grabstätten haben sich gravierend geändert. Es werden immer weniger Wahlgräber verlängert, bestehende verkleinert und große Familiengrabstätten kaum noch nachgefragt. Beisetzungen auf See oder in Friedwäldern nehmen zu, ebenso die Zahl der Urnenbegräbnisse. Und es gibt immer weniger Abschiede mit einer Trauerfeier, Kapellen bleiben entsprechend ungenutzt. Schon jetzt sind von den zwölf Kapellen in Ohlsdorf vier nicht mehr in Betrieb.

Die Folge dieser demografischen und gesellschaftlichen Entwicklung: „Um den Friedhof weiterhin attraktiv und wirtschaftlich betreiben zu können“, sagt Michael Pollmann (Grüne), Staatsrat der Umweltbehörde, „ist eine Konzentration der Grabstätten auf bestimmte Flächen notwendig.“ Und gleichzeitig muss die Frage beantwortet werden: Was macht die Stadt mit den frei werdenden Flächen in einer Größenordnung von 100 Hektar? Und wie kann man die denkmalgeschützten Kapellen anders und wirtschaftlich nutzen?

Hier sind nicht nur internationale Experten gefragt, die im Sommer kommenden Jahres zu einem großen Kongress nach Hamburg kommen werden. Es geht der Behörde und dem Friedhof bei diesem sensiblen Thema auch um Bürgerbeteiligung. „Wir wollen bei der Entwicklung des Friedhofs als Ort der Gedenkkultur und Naturraum die Anwohner und Angehörigen an diesem wichtigen Entwicklungsprozess beteiligen“, sagt Pollmann. „Die zu entwerfenden Modelle müssen die Aspekte des Denkmalschutzes, der Naturentwicklung und des Friedhofswesens im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten in Einklang bringen.“

Bestes Beispiel für eine sinnvolle Umgestaltung ist die Wildbienen-Blumenwiese, die vor vier Wochen auf dem Ohlsdorfer Friedhof eingerichtet worden ist. Das Großprojekt zum Wildbienenschutz soll dazu beitragen, dass in der Hansestadt die Anzahl von 300 bis 400 Wildbienenarten in den kommenden fünf Jahren verdoppelt wird.

Das Ziel lautet, den Betrieb dieser wunderschönen Parklandschaft im Herzen der Stadt langfristig zu sichern, auch wenn die Einnahmen aus dem Friedhofsgeschäft mehr und mehr zurückgehen. Derzeit sind noch 250 Mitarbeiter auf dem Friedhof beschäftigt.

„Die Umgestaltung verlangt einen sensiblen Umgang mit der Trauer- und Erinnerungskultur“, sagt Pollmann. Trotzdem wird es keine Denkverbote geben. Dass es so weit kommen wird wie in Kopenhagen, wo auf dem Friedhof auch gegrillt werden darf, glaubt Pollmann nicht. Aber denkbar sind zahlreiche künstlerische und kulturelle Projekte.

Können ungenutzte Friedhofs­kapellen künftig als Café oder als Kita genutzt werden? Als Konzertsaal oder als Büroräume für Werbeagenturen?

Können freie Flächen auf dem Friedhof in einigen Jahren als Orte der Meditation oder auch für sportliche Betätigungen wie Yoga oder Tai-Chi genutzt werden? „Schwerpunkt bei den Planungen sind breit angelegte Beteiligungsverfahren“, sagt Pollmann. Für 2016 ist ein erster Dialog mit den Bürgern geplant.

Schon seit Längerem öffnet sich der Friedhof für Touristen und kulturelle Veranstaltungen. Bis zu 30.000 Besucher kommen pro Jahr, fast zehnmal so viele wie noch vor 20 Jahren. Sie besuchen die Gräber von Prominenten wie Hans Albers oder Wolfgang Borchert, Ida Ehre oder Carl Hagenbeck. Sie bestaunen die Paaranlage oder den Garten der Frauen, kommen zu Lesungen und Filmvorführungen.

Oder sie sind Gast des Ohlsdorfer Friedensfestes, das in diesem Jahr bereits zum siebten Mal auf dem Friedhof stattfindet. Noch bis zum 2. August wird mit Filmen und Lesungen, Podiumsdiskussionen und geführten Fahrradwanderungen der Opfer des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus gedacht und an Verfolgung und Widerstand erinnert.

Schon jetzt sind Veranstaltungen mit Film und Musik in Ohlsdorf möglich, ohne dass es bisher auch nur eine einzige Beschwerde von Besuchern gegeben hätte. Bei der künftigen Aufteilung des Ohlsdorfer Friedhofs in Park- und Friedhofsflächen gilt: Auch Grabstätten, die im Parkbereich liegen, können natürlich verlängert werden. Lediglich Neuvergaben von Grabstätten sind dort nicht mehr möglich.

Diese sollen im Friedhofsbereich konzentriert werden. Dort gibt es schon heute genug Platz – am Wasser und unter Bäumen, an Straßen und in sonnigen Bereichen. Die Konzentration der Gräber aber ist alternativlos – damit der größte Parkfriedhof der Welt überleben kann.