Hamburg

Gefährliche und heilende Erinnerungen

Vor 600 Jahren, am 6. Juli 1415, wurde er zum Tod verurteilt und vor den Augen der Öffentlichkeit auf dem Scheiterhaufen verbrannt: ein Christenmensch, ein Priester, der neu die Radikalität eines wahrhaftigen Christenglaubens entdeckt und eine breite Bewegung gerade unter den einfachen Gläubigen in Gang gebracht hat.

Der Priester Jan Hus wollte das Evangelium wörtlich nehmen, eine Kirche reformieren, die sich in der Entfaltung ihrer Pracht zu verirren drohte und den einfachen Menschen vorenthielt, was Christus allen zusagt, die volle Teilhabe am Geschenk des Glaubens, für die Laien wie für die Priester. Die Menschen haben Jan Hus in ihren Herzen verstanden, anders als die gelehrten Theologen, die ihn als Ketzer anklagten. In Konstanz am Bodensee wurde sein Leib zur brennenden Fackel, einem Fanal, das bis heute weit leuchtet.

Wie geht unsere Kirche mit den Opfern ihrer Geschichte um? Viele erheben Anklage und decken in aller Schärfe alles Dunkle auf. Eine Kriminalgeschichte des Christentums kann Bände füllen. Ich sage: Wir dürfen uns nicht herausreden und auf andere zeigen, die ihre blutige Vergangenheit und Gegenwart verantworten müssen. Nein, für Christen unter dem Anspruch des gewaltlosen Jesus gelten besondere Maßstäbe. So sehr wir für die ungezählten lichtvollen Zeugnisse und Erfahrungen danken, so sehr schulden wir den Menschen, insbesondere den Opfern, die Wahrheit über Unrecht und Gewalt.

Ein gutes und notwendiges Wort kommt von Papst Johannes Paul II. Der große Papst aus Polen hatte sich die „Heilung der Erinnerungen“, die Reinigung des Gedächtnisses zur Aufgabe gemacht. Im Jahr 2000 hat er das große Schuldbekenntnis für die Christenheit vor aller Welt abgelegt. Zutiefst bedauert er das böse Geschehen um Jan Hus. Er würdigt ihn als glaubwürdigen Priester und aufrechten Christen. Er wünscht, dass sein Lebenszeugnis zur Versöhnung in der Kirche und unter den Völkern beiträgt.

Jan Hus hat bitteres Unrecht durch die Kirche erlitten. Die Reform der Kirche bleibt immer neu nötig. Priester und Laien bilden gemeinsam das Volk Gottes, den Leib Christi. Es gibt verschiedene Bevollmächtigungen in der Kirche, aber immer auf der Basis einer grundlegenden Gemeinsamkeit.

Das Lebensopfer von Jan Hus hat viele Früchte getragen. Heute ruft Jan Hus besonders zur Versöhnung in einer Verschiedenheit auf, die dem Ganzen verpflichtet ist und über keinen Menschen hinweggeht.

wbjaschke@erzbistum-hamburg.de