Flüchtlingshilfe

„Ich kann noch weitere Fuhren gebrauchen“

| Lesedauer: 7 Minuten
Friederike Ulrich

Großer Bedarf bei Flüchtlingsinitiativen für Hilfsgüter der Abendblatt-Leser. Impressionen eines Tages, der alle Erwartungen übertraf.

Hamburg-Altstadt.  Es ist kurz vor 10 Uhr, als die ersten Leser kommen, noch eine Stunde vor dem offiziellen Start: Mit eigenem Pkw fahren einige vor, andere mit Taxis, mit Fahrrädern. Auch zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind sie zum Sitz des Hamburger Abendblatts an den Großen Burstah gekommen, sogar teils mit Rollator. Es sind Studenten, Schüler, Angestellte, Unternehmer, Senioren – Tausende von Bürgern, die dem Aufruf des Abendblatts gefolgt waren, um am Montag Nützliches für Flüchtlinge zu spenden,

Menschenschlangen bilden sich vor dem Haupteingang, eine einmalige Hilfsgemeinschaft formiert sich: Es sind Menschen, die bepackt sind mit Koffern, Taschen, Säcken, Kartons. Sie schieben zum Teil Fahrräder, Kinderwagen vor sich her. Schnell reicht die Warteschlange am Mittag weit auf den Bürgersteig. „Unglaublich“, staunt Polizeibeamter Holger Kuhrau, der Bürgernahe Beamte aus dem Viertel, der mit anderen Polizeikollegen für Ordnung sorgt.

Strafzettel unbürokratisch zurückgenommen

„Hauptsache, der Verkehr fließt“, sagt er, „darauf müssen wir achten.“ Doch am frühen Abend kommt es doch zeitweise zu Rückstaus. Als einmal am Mittag andere Ordnungshüter, die Streife gehen, Strafzettel verteilen wollen, weil Autos kurz zum Ausladen in der zweiten Reihe vor dem Abendblatt-Haus halten, weisen sie kurz die offenbar nicht orientierten „Ticketschreiber“ in die Hilfsaktion ein – die Strafzettel werden danach wieder unbürokratisch zurückgenommen.

Heilerzieherin Nadine Haas, 28 und ihr Lebenspartner Thomas Ertmer, 36, sind mit einem Kinderwagen gekommen, gefüllt bis zum Rand mit Kleidung: Pullover, T-Shirts und mehr. Die Mutter trägt ihr Kleinkind, Jette, acht Wochen alt, eingewickelt in einem Tuch vor der Brust. „Für uns war sofort klar, dass wir helfen müssen, es ist eine Herausforderung für uns alle, zu helfen“, sagt sie und lächelt: „Nur den Kinderwagen brauchen wir noch, für Jette.“ Karl Heinz Pfefferkorn, 80, pensionierter Pastor aus Groß Flottbek, steht geduldig mit mehreren Kartons in der Schlange. Er zählt auf, was er mit­gebracht hat: „Bettwäsche, Handtücher, Zahnpasta, Seife – ich habe immer anderen geholfen“, sagt er.

Bischöfin Fehrs hilft persönlich mit

Am späten Nachmittag kommt auch Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs mit ihren engsten Mitarbeitern zum Redaktionsgebäude und übergibt Fußballschuhe, einen Kinderwagen und Rucksäcke mit Hygieneartikeln für Frauen. Darin befinden sich Waschlappen, Tampons, Deo, Shampoo und Slips. Es sei doch selbstverständlich, den Flüchtlingen zu helfen. Das sei nicht zuletzt ein Gebot der christlichen Nächstenliebe.

Dinge des täglichen Bedarfs hat auch Kriminalkommissarin Alexandra Boll, 34, mitgebracht. „Ich habe erst kurzfristig von der Sammelaktion erfahren, eine wunderbare Sache, wir haben sofort Dinge zusammengesucht, man muss einfach was tun“, sagt die Mutter aus Alsterdorf. Die beiden Schwestern Hannah, Studentin. 20, und Anne Jagbusch, Schülerin, 18, sind mit dem Auto einer Freundin gekommen. „Es ist unsere moralische Pflicht zu helfen, uns geht es hier so gut“, sagt sie, als sie Koffer und Tüten abgibt, voll mit Jacken, Röcken und anderen nützlichen Dingen.

Internist Dr. Janos Olah ist mit seiner Frau Annegret vor Ort, um Kleidung und andere Dinge zu spenden. Auf dem Kofferraum seines Autos wuchtet er die Kisten und Tüten heraus. „Ich bin vor 58 Jahren aus Ungarn gekommen, ich kenne die Situation von Flüchtlingen, wenn man nichts hat“, sagt er. Renate Tangermann, 74, ist mit einem Taxi zum Großen Burstah gekommen, aus Ahrensburg, mit fünf Paketen Bettwäsche. „Mein Mann ist im März gestorben, wir hatten eine Segelyacht mit acht Betten. Ich habe aufgeräumt, und man kann nun damit einen guten Zweck erfüllen, das macht einen froh“, sagt sie. Spenderin Daniela Tibi, 31, bringt die Motivation vieler Helfer auf den Punkt: „Man muss als Stadt einen Willkommensgruß schicken.“

Derweil startet der erste Lastwagen mit den Hilfsgütern zur Flüchtlingsinitiative der Luthergemeinde in Altona, die sich unweit der Zentralen Aufnahmestelle Schnackenburgallee befindet. Er wird von vier Abendblatt-Mitarbeitern begleitet, die vor Ort beim Entladen mit anpacken.

„Der Bedarf ist riesig“

Dass die Spendenaktion nicht ohne Hilfe der rund 250 Mitarbeiter vonstattengehen konnte, war von Anfang an klar gewesen, deshalb hatte sich jeder für mindestens eine 30-Minuten-Schicht gemeldet. Am Ende waren aber doch etliche den ganzen Tag im Einsatz, um die Spendenflut bewältigen zu können. In der Zentralen Erstaufnahme an der Schnackenburgallee sind in den vergangenen Tagen mehr als 700 Neuankömmlinge hinzugekommen. „Unsere Kleiderständer sind leer, doch der Bedarf ist riesig“, sagt Einrichtungsleiterin Bettina Buhr dankbar, als sie die erste von insgesamt drei Lkw-Ladungen entgegennimmt. Sie ist seit 21 Monaten ehrenamtliche Flüchtlingshelferin – „seit ich im Oktober 2013 von der Luthergemeinde gefragt wurde, ob ich Lust habe, mich ein halbes Jahr lang um etwa 300 Flüchtlinge zu kümmern“, sagt sie und lacht.

Damals war noch nicht abzusehen, welche Flüchtlingsströme Hamburg noch erreichen würden. Mittlerweile ist die Zahl ihrer Schützlinge auf 2200 angestiegen. Einige von ihnen, darunter auch Frauen und Kinder, halten sich beim Eintreffen der ersten Spendenfuhre auf dem Hof der Einrichtung auf und verfolgen das Entladen mit großen Augen. Freundlich, aber energisch, muss Bettina Buhr sie wegschicken, um beim Ausladen freie Bahn zu haben. Vor der Ausgabe müssen die Spenden sortiert werden, damit das Verteilen zügig vorangeht. „Früher haben wir Pakete zusammengestellt, heute haben wir eher Kaufhauscharakter, und die Menschen holen sich, was sie brauchen“, sagt die energische blonde Frau mit den Tattoos auf dem Arm. Während sie, unterstützt von weiteren Ehrenamtlichen, dem Abendblatt-Team und ihren Kindern Simon und Stina, Taschen und Kartons entgegennimmt, klingelt ihr Telefon. Ungerührt geht sie ran – und hilft, mit dem Handy ans Ohr geklemmt, weiter beim Abladen des Wagens. „Ich kann noch zwei weitere Fuhren gebrauchen“, sagt sie zum Abschied. „Hab extra einen Schuppen für euch freigeräumt.“ Auch in Wilhelmsburg, Jenfeld und Harburg waren die Spenden willkommen. „Wir sind Ihnen so dankbar für diese große Unterstützung“, sagte Andrea Zwengel von der Flüchtlingshilfe Binnenhafen, die die Bewohner des Flüchtlingsschiffes „Transit“ unterstützt.

Noch bis zum Abend herrscht dichter Andrang vor dem Abendblatt-Gebäude, alle Mitarbeiter haben viel zu tun, die Sachen zu sichten und für die Lkw zu packen. „Es ist eine Aktion, bei der alle Mitarbeiter mitmachen können, das ist wunderbar“, sagt Maike Schiller, Leiterin des Abendblatt-Kulturressorts. Verlagsgeschäftsführer Frank Mahlberg ist beeindruckt, dankt allen Spendern: „Die Sammelaktion zeigt, was man als Medium bewirken kann, vor allem aber, was unsere Leser alles auf die Beine stellen können, um zu helfen – eine einzigartige Resonanz.“

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