Farmsen-Berne

Rentnerpaar stirbt bei Brand: Suizid nach Wohnungskündigung?

Am Morgen schlagen Flammen aus der Wohnung im sechsten Stock eines Hochhauses am Buchnerweg. Feuerwehr kann Mieter nur tot bergen.

Hamburg. Bei einem Wohnungsbrand in einem Hochhauskomplex am Buchnerweg in Farmsen-Berne sind am Freitagmorgen zwei Menschen gestorben. Das Feuer war aus bislang unbekannter Ursache in einer Wohnung im sechsten Stock in der Wohnung eines älteren Ehepaars ausgebrochen. Die Feuerwehr konnte den 83-Jährigen und seine 85-jährige Frau nur noch tot bergen. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Brisant wird der schreckliche Fall, weil das Ehepaar in einem Spiegel-TV-Bericht vor drei Wochen einen Suizid angekündigt hatte. Nach 47 Jahren hatte ihnen die Genossenschaft BDS fristlos gekündigt. Sie hatten daraufhin einen Anwalt eingeschaltet, um die Kündigung abzuwehren. In dem Interview hatte der Ehemann gesagt, dass ihm die ganzen Belastungen zu viel seien. Wörtlich sagte er: "Ich könnte jetzt einen Herzinfarkt kriegen und fall um. Was ist dann mit meiner Frau? Sie kann sich alleine nicht helfen, sie ist auf mich angewiesen. Das ist einer der Gründe, warum ich mir ganz klar überlegt habe, dass, wenn wir hier raus müssen, dann machen wir das so, dass wir woanders hingehen, wo uns keiner kriegen kann. Das ist Suizid, ganz einfach.“

Bauarbeiter hatte den Brand am Morgen entdeckt

Ein Bauarbeiter hatte am Freitag kurz nach sieben Uhr den Brand entdeckt und die Feuerwehr alarmiert. "Die Einsatzkräfte konnten die beiden Bewohner der Wohnung nur noch tot bergen", sagte Feuerwehrsprecher Thorsten Grams. Zunächst waren drei Personen vermisst worden. Das habe sich aber nicht bewahrheitet, so Grams. Die Feuerwehr war mit 34 Einsatzkräften vor Ort. Gegen 8.30 Uhr war der Brand gelöscht.

Der Rechtsanwalt des Ehepaars, Udo Smetan, bestätigte gegenüber Abendblatt.de, dass er am Morgen über den Tod seiner Mandanten informiert worden sei. Über Details wollte er sich nicht äußern.

Wohnungsgenossenschaft hatte sozialpsychiatrischen Dienst informiert

Auch die Wohnungsgenossenschaft BDS, zu der der Wohnkomplex gehört, ist am Morgen informiert worden. "Wir sind zutiefst erschüttert", sagte eine Sprecherin. Den Spiegel-TV-Bericht habe man im April gesehen und danach den sozialpsychiatrischen Dienst eingeschaltet. Nicht zum ersten Mal: Bereits vor der Ausstrahlung habe sich die Genossenschaft um psychologische Unterstützung für das Ehepaar bemüht. Über die Hintergründe gibt es derzeit noch keine Informationen. Noch am Freitagmorgen kam Olaf Klie, Vorstand der Genossenschaft, an den Buchnerweg. Gegenüber Abendblatt.de sagte er, dass man sich erst vor wenigen Tagen mit dem Ehepaar geeinigt hätte. Seinen Angaben zufolge waren sie bereit, auszuziehen.

Nach Abendblatt-Informationen hatte die Frau in der Nacht einen Unfall in der Wohnung. Sie soll aus dem Bett gefallen sein und sich dabei verletzt haben. Ob dies mit dem Brand in Zusammenhang steht, ist unklar. An der Wohnungstür des Ehepaares stand von außen geschrieben: "BDS Mörder".

Wie der Mieterverein zu Hamburg mitteilte, sei das Ehepaar dort Mitglied gewesen. Geschäftsführer Siegmund Chychla sagte, dass man versucht habe, vorgerichtlich zu vermitteln - allerdings ohne Erfolg.

Hochhauskomplex wird gerade saniert

Das 20-Parteien-Hochhaus aus dem Jahr 1967 wird derzeit im bewohnten Zustand energetisch saniert und ist komplett eingerüstet. Unter anderem wird die Fassade gedämmt, neue Fenster und Balkonanlagen errichtet und die gesamte Haustechnik wird erneuert. Während der Sanierungszeit müssen sich die Mieter nach Angaben der Wohnungsgenossenschaft BDS auf Einschränkungen einstellen. Bäder und Küchen können nicht genutzt werden.

Polizei: Ermitteln in alle Richtungen

Die Polizei sollte noch am Vormittag die Ermittlungen aufnehmen, sobald das Gebäude begehbar ist. "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagte Polizeisprecher Andreas Schöpflin. Nach seinen Angaben wurde auch ein Brief gefunden, der jetzt untersucht werde.

Suizide nehmen im Alter zu

Unabhängig von den möglichen Hintergründen des aktuellen Falles ist belegt, dass die Selbstmordraten im Alter deutlich zunehmen. "Ab etwa 70 Jahren steigen die Suizidfälle deutlich an", so Dr. Reinhard Lindner, Oberarzt für Gerontopsychosomatik im Albertinen-Haus in Schnelsen. Besonders Männer seien betroffen. Gründe für die bis zu fünf Mal höhere Selbstmordrate im Alter seien der zunehmende Verlust körperlicher Fähigkeiten und der Verlust von Menschen im Umfeld. "Es ist zum einen das Gefühl, allein zu sein und zum anderen das Gefühl, dass die Einschläge näher kommen und auch man selber betroffen sein könnte", so Lindner. Er betont jedoch auch, dass die Empfindungen sehr unterschiedlich sind und längst nicht alle betroffen seien.

Grundsätzlich gebe es in Deutschland das Problem, dass alte Menschen oft wenig Wertschätzung erfahren, was zu einem Gefühl von Ohnmacht, Angst und Wertlosigkeit führen kann. "In Kulturen, in denen das Alter mehr Anerkennung erfährt, sind die Selbstmordraten deutlich geringer", so Lindner weiter. Wichtig ist es ihm, zu betonen, dass es durchaus Hilfsangebote gibt (etwa über www.suizidprophylaxe.de). Problematisch sei es aber, dass alte Menschen oft Hemmungen haben, diese anzunehmen, weil sie Angst vor einer Stigmatisierung haben.