Prozess

64-jähriger Hamburger wegen Betrugs vor Gericht

Justitia (Symbolbild)

Justitia (Symbolbild)

Foto: Arne Dedert / dpa

Der Mann wollte einen Leasingvertrag für ein Auto abschließen, obwohl er die Raten nicht zahlen konnte. Vor Gericht spricht er von einem Irrtum.

Neustadt.  Sollte das ein Ablenkungsmanöver werden? Ein Doppelbluff? Für den wahrlich kreativ denkenden Mann mag die Täuschung, die er vornahm, ja eine raffinierte Lösung seiner Probleme gewesen sein. Doch man muss kein ausgemachter Pragmatiker sein, um die angeblich zwingende Logik seiner Winkelzüge anzuzweifeln. Wie viel Aufwand jemand betreibt, um etwas eben nicht zu bekommen! Kein klares Ablehnen, kein deutliches Nein. Stattdessen: Tricks bei einem Haufen Papierkram, phantasievoll verändert, mit gewissen Mühen verbunden – und das alles wegen eines Autos, das er angeblich ums Verrecken nicht haben wollte. „Ich hatte nur vor“, behauptet der Mann unbeirrt, „diesen Wagen nicht nehmen zu müssen.“ Macht das alles einen Sinn?

Der Angeklagte Oliver N. (Name geändert) gibt sich jedenfalls alle Mühe, seine Story vom Autoerwerb wider Willen glaubwürdig rüberzubringen, offener Blick und unterstreichende Gesten inklusive. Dem Hamburger wird versuchter Betrug vorgeworfen, weil er laut Ermittlungen im Herbst einen Leasingvertrag für ein Auto abschließen wollte, obwohl er gewusst habe, dass er die Raten von fast 385 Euro nicht zahlen konnte. Auch dass der 64-Jährige dafür seinen Einkommensnachweis gefälscht habe, wirft ihm die Anklage vor. Doch das inkriminierende Dokument wurde als Fälschung erkannt, der Leasingvertrag nicht abgeschlossen. Stattdessen ging Oliver N. einen Kaufvertrag für den Transporter ein, mit einem Bankkredit, für den er 300 Euro im Monat abstottert.

„Ich habe einen Leasingvertrag unterschrieben, obwohl ich den Wagen nicht haben wollte“, sagt der hagere Mann mit dem zotteligen Haar. „Und ich habe den Kaufvertrag unterschrieben, obwohl ich ihn nicht kaufen wollte.“ Der Amtsrichter, der der Schilderung des Angeklagten aufmerksam gelauscht hat, hat in seinem Berufsleben schon viele phantasievolle und sogar unglaubliche Storys gehört. Doch angesichts dieser skurrilen Geschichte staunt auch er: „Ich bin geplättet.“

Angeklager saß wegen Totschlags im Gefängnis

Ob er schon einmal mit der Polizei zu tun gehabt habe, möchte er von dem so mitteilsamen Angeklagten wissen. Ja, er habe im Gefängnis gesessen, wegen Totschlags, erzählt Oliver N., von 1981 an. „Das war so eine Dreiecksbeziehung“, zwei Männer und eine Frau. „Ich habe die Frau getötet“, erzählt er freimütig und wie nebenbei. Knapp neuneinhalb Jahre war er deshalb in Haft. Im Knast vollendete er seine Ausbildung zum Maurer – und führte anschließend nahezu ein Vierteljahrhundert ein gesetzestreues Leben. Bis jetzt.

Er habe schließlich nur „um des lieben Friedens willen“ das Auto genommen, fährt der Angeklagte eifrig fort. „Das ist typisch für mich. Ich habe mein Leben lang Gefälligkeiten getan. Ich wollte die Verträge sowieso kündigen.“ Ein Auto zu haben mache für ihn ja auch gar keinen Sinn, setzt der 64-Jährige noch eins drauf. „Ich bin am Ende meines Arbeitslebens“, er werde eine Art Bauleiter mit zusätzlicher Hausmeistertätigkeit werden und bekomme eine Dienstwohnung. „Mein Arbeitsweg beträgt 40 bis 50 Meter.“ Und von einer Fälschung könne „allenfalls objektiv“ die Rede sein. „Subjektiv“, trumpft der Mann auf, „war sie das nicht.“ Jedenfalls alles andere als eine gelungene Täuschung. „Wesentliche Angaben“ hätten gefehlt, sagt eine Zeugin, unter anderem habe Oliver N. brutto und netto verwechselt. „Mathe ist wohl nicht so Ihre Stärke?“ fragt der Amtsrichter den Angeklagten. „Doch“, lächelt der. „Das war immer mein Lieblingsfach.“ Vor allem jedoch hat nicht in erster Linie Oliver N. von dem Autokauf profitiert, sondern der Mitarbeiter des Autohauses, der den Bankkredit vermittelte. „Ich habe aber schon lange vor, den Wagen wieder zu verkaufen“, wirft der 64-Jährige ein. „Ich bin nur noch nicht dazu gekommen.“

Weil der Schwindel mit dem Leasingvertrag sofort aufgeflogen ist, deshalb kein echter Schaden entstand und Oliver N. auch fleißig seinen Kredit bei der Bank abzahlt, sehen Staatsanwältin und Richter die Schuld des Angeklagten im unteren Bereich an. Der Fall wird gegen Zahlung einer Geldauflage von 300 Euro eingestellt. Das nun fällige Geld könne er zügig berappen, bietet Oliver N. zuvorkommend an „Ich habe da noch einen 500-Euro-Schein zu Hause rumliegen.“