Fiese Masche

Wie ein Anhalter bundesweit Autofahrer abzockte

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Ein Tramper betrügt Opfer um Hunderte Euro. Als er bei einem Hamburger Autofahrer zum zweiten Mal einsteigt, schnappt die Falle zu.

Wilhelmsburg.  Er spielte den Hilfesuchenden – und nahm seine Opfer gnadenlos aus. Ein 53 Jahre alter Mann aus Baden-Württemberg muss sich vor Gericht verantworten. Seine Masche: Er war als Anhalter unterwegs und gab sich als Kanadier aus, der in einer Notlage sei. So ergaunerte der Mann Beträge von mehreren Hundert Euro. Mittlerweile ist klar: Der Betrüger war bundesweit mit dieser Masche unterwegs.

Geschnappt wurde er erst durch einen bemerkenswerten Zufall, als ihn nämlich ein Autofahrer aus Hamburg, der schon einmal von ihm betrogen worden war, zum zweiten Mal mitnahm. Der Autofahrer erkannte den Betrüger sofort und ließ ihn einsteigen, der Täter hingegen nicht. Er erzählte dem Mann die gleiche Geschichte, um wieder Geld zu bekommen.

Der Anhalter gab sich als Kanadier aus, dem das Gepäck gestohlen worden sei

Im Mai hatte der Autofahrer an der A 2 auf der Raststätte Garbsen Süd bei Hannover einen Anhalter mitgenommen. Der erzählte während der Fahrt nach Hamburg, dass er Kanadier sei und im Nachtzug von München nach Hamburg bestohlen worden sei. Sein Gepäck und auch seine Wertsachen hätten die Diebe mitgenommen. In Hannover habe er Anzeige erstattet. Die Polizei dort habe ihm aber nicht groß weiterhelfen können. Sein Vater hätte für ihn zwar den Rückflug gebucht. Jetzt aber sei er völlig mittellos und müsse die Tage bis dahin überbrücken. Dann bat der Täter um Geld, das er versprach zurückzuzahlen. 300 Euro ergaunerte der Mann auf diese Weise. Danach hörte der Autofahrer nichts mehr von dem Betrüger.

Ende Juni glaubte das Opfer, seinen Augen nicht zu trauen. Wieder stand der angebliche Kanadier auf der Raststätte Garbsen Süd und wollte als Anhalter mitgenommen werden. Dass er eines seiner früheren Opfer vor sich hatte, realisierte der Täter nicht. Der Autofahrer nahm den arglosen Mann erneut mit. Später sagte er bei der Polizei: „Ich wollte wissen, welche Geschichte er diesmal erzählt.“

Doch der Autofahrer hörte nichts Neues. Wieder erzählte der Betrüger die Geschichte des bestohlenen und nun mittellosen Kanadiers. Wieder wollte er sich Geld leihen. Doch diesmal tappte der Täter selbst in die Falle. Der Autofahrer steuerte zielstrebig die Raststätte Stillhorn an. Dort ließ er vom Raststättenpersonal die Polizei alarmieren. Statt Euros gab es für den 53-jährigen Betrüger Handschellen: Als die Polizisten eintrafen, nahmen sie ihn fest. In Hamburg muss sich der 53-Jährige Ende Juli wegen der letzten Tat vor dem Amtsgericht verantworten.

Die Ermittlungen ergaben, dass Roland S. seit Jahren der Polizei bekannt ist. Insgesamt 59 von ihm benutzte Alias-Namen sind bekannt. Ermittler gehen davon aus, dass der Mann, der aus einer Kleinstadt aus dem Schwarzwald stammt, gewerbsmäßig Betrügereien begeht, in den Jahren seine Methoden und sein Auftreten immer mehr perfektioniert hat und von dem erbeuteten Geld lebt. Anfragen bei anderen Länderpolizeien ergaben, dass der Mann aktuell auch in Bayern, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen mit derselben Masche aufgefallen war. Die Polizei geht davon aus, dass es eine große Dunkelziffer gibt, weil sich viele Opfer aus Scham, so hereingelegt worden zu sein, nicht bei der Polizei melden.

„Betrüger sind mit verschiedensten Modi Operandi unterwegs“, sagt Hauptkommissar Andreas Schöpflin. „Dass ein Anhalter Mitfahrgelegenheiten auch als Tatgelegenheit nimmt, ist aber eher selten.“ In den meisten Fällen, bei dem es zu einem direkten Kontakt kommt, versuchen Täter ihre Opfer in deren eigenen vier Wänden zu betrügen. „In dem Fall geben sie sich oft als Handwerker, Heizungsableser oder Mitarbeiter von Banken oder auch als Polizisten aus, um in die Wohnung ihrer Opfer zu gelangen“, so Schöpflin. „Dann versuchen sie selbst Beute zu machen oder geben einem Mittäter, beispielsweise durch eine nur angelehnte Haustür, die Möglichkeit, unbemerkt in die Wohnung zu kommen.“

Die Polizei rät, misstrauisch zu sein und sie bei Verdacht sofort einzuschalten

In anderen Fällen sind Betrüger als „Wanderarbeiter“ unterwegs, die spontan Bauarbeiten anbieten, mal wegen des angeblich beschädigten Daches oder mit dem Angebot, ein Pflaster zu verlegen. „Tatsächlich sofort angefangene Arbeiten dienen nur der Täuschung und werden nicht beendet“, so Schöpflin. Mit dem sogenannten Enkeltrick sind Täter unterwegs, die vorgeben, ein Verwandter in einer Notlage zu sein. Das Geld soll von jemand anderem abgeholt werden. Vor allem ältere Menschen sind, wie auch bei dem „Haustürbetrug“, Ziel dieser Trickdiebe. Sie gelten als „leichte Opfer“, die im Fall einer Festnahme durch altersbedingte Nachteile wie Schwerhörigkeit, einem schlechteren Gedächtnis oder Verlust der Sehkraft auch schlechte Zeugen sind.

„Dem Einfallsreichtum der Täter sind kaum Grenzen gesetzt“, sagt Schöpflin. „Mann sollte ruhig misstrauisch sein und schon bei dem kleinsten Verdacht lieber die Polizei rufen.“