Jenfelder Moorpark

Zeltstadt für Flüchtlinge: Die ersten ziehen ein

Bewohner erfahren viel Unterstützung von Nachbarn und Helfern aus anderen Stadtteilen. Einige Anwohner fühlen sich aber überrumpelt.

Hamburg. Als um 14.30 Uhr die ersten Flüchtlingsfamilien durch den kleinen Kastanienweg zu ihrer neuen Unterkunft gehen, wird es auf den Wiesen vor der Wohnsiedlung im Jenfelder Moorpark plötzlich ganz ruhig.

Auf der einen Seite sitzt eine Gruppe von etwa 30 Nachbarn. Sie haben sich vor ihren Häusern an der Jenfelder Straße auf Decken ausgebreitet, trinken Kaffee aus Thermoskannen. Auf der andere Seite sitzt eine Gruppe von etwa 20 Unterstützern. Sie haben Grillzubehör dabei, trinken Bier aus Dosen. Sie alle haben gewartet auf die Ankunft der Flüchtlinge. Verunsicherte Anwohner, die nicht wissen, wie sie mit ihren neuen Nachbarn umgehen sollen. Und Linksalternative, die einen Aufmarsch von Rechten befürchten. Am Ende ist es vor allem eins: ein friedlicher Empfang.

Am vergangenen Donnerstag sah das noch anders aus. Als die Nachbarn erfuhren, dass hier auf der Wiese des Jenfelder Moorparks innerhalb eines Tages eine Flüchtlingsunterkunft mit 50 Zelten für 800 Menschen entsteht, schlugen die Wellen des Widerstands hoch. Die Anwohner blockierten die Zufahrt zur Wiese. Einzelne Nachbarn riefen in Kameras, dass man diese Menschen hier nicht haben wolle. Bilder, die sich in den Sozialen Netzwerken in Windeseile verbreiteten. Facebooknutzer beschimpften die Nachbarn am Moorpark als Nazis. Schnell wurde Jenfeld ein Synonym für Ablehnung und Fremdenfeindlichkeit. Ein Bild, das die Menschen nicht akzeptieren wollen. Uwe Kollruß, 43, war in den vergangenen Tagen dabei, als die Emotionen hochkochten. Er ist bemüht zu erklären, warum man die Flüchtlinge hier nicht mit offenen Armen empfangen hat. „Wir wurden überrumpelt“, sagt Kollruß, seit 20 Jahren Anwohner der Jenfelder Straße. Erst als der Gitterzaun vor einer Woche um die etwa zwei Fußballfelder große Wiese gezogen wurde, habe man auf Nachfrage erfahren, was hier passiert. Noch immer ist er sauer auf den Senat. „Die Politik hat versagt“, sagt er. Warum er so sauer ist? „Wir werden in ein falsches Licht gestellt. Schauen Sie sich doch das Zeltlager an. Das ist doch keine menschenwürdige Unterbringung.“

Kollruß und seine Nachbarn haben Ängste und Fragen. Viele Fragen. Werden die Flüchtlinge ihnen die Nachtruhe nehmen? Warum sind es so viele? Und überhaupt, können die nicht woanders wohnen? „250 Meter weiter steht eine riesige Kaserne leer. Warum nutzt die Stadt nicht diese Einrichtung?“, fragt Uwe Kollruß. „Stattdessen nimmt man uns unser Erholungsgebiet. Auch die Kriegsflüchtlinge werden sich hier nicht erholen können. Es ist doch viel zu eng“, sagt Kollruß.

Die Stimmung am Mittwoch ist zunächst noch angespannt. Doch das ändert sich im Laufe des Tages. Um 17 Uhr bringt der Bus die nächsten 60 Flüchtlinge nach Jenfeld. Noch immer werden sie skeptisch beäugt von ihren neuen Nachbarn. Aber es bleibt ruhig. Im Gegenteil. Die Gruppe der Unterstützer ist mittlerweile auf 50 gewachsen. Sie empfangen die Flüchtlinge mit Musik und Transparenten. „Refugees welcome“, steht darauf. Flüchtlinge willkommen. „I love you“, ruft ein junger Mann ihnen entgegen, als er sein neues Zuhause bezieht.

Eine Frau aus Wandsbek ist mit ihrem Fahrrad gekommen, bringt Decken und Hygieneartikel, die sie den Sicherheitsmitarbeitern vor dem Lager übergibt. Dass die Stimmung in Jenfeld deutlich besser geworden ist, liegt auch an Achim Friedmann. Der 53 Jahre alte Nachbar wohnt in der Hochhaussiedlung gegenüber an der Kreuzburger Straße. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Flüchtlingen in Jenfeld ein friedliches Leben zu ermöglichen. Er spricht mit besorgten Nachbarn, kümmert sich um Hilfsgüter, kommuniziert mit „Fördern und Wohnen“, dem Betreiber des Flüchtlingslagers.

„Diese Menschen brauchen jede Unterstützung“, sagt Friedmann. Er hat 35 Jahre bei der Bundeswehr gearbeitet. Seit einem Unfall ist er berufsunfähig. Er weiß, wie es sich anfühlt, hilflos zu sein: „Es geht um Menschlichkeit. Ich bin stolz auf unseren Bürgermeister, dass er die Flüchtlinge mit offenen Armen empfängt.“

Im Jenfelder Moorpark tut das nicht jeder. Ein Nachbar, der die Ankunft der Menschen im Hintergrund beobachtet, droht sogar, „dass es noch knallen“ werde. Er sagt das nur leise, zu seinen Freunden. Am Abend ziehen sie sich zurück. Sie sind in der Minderheit. Die Unterstützer bleiben. Sie sitzen noch immer auf der kleinen Wiese vor dem Eingang der Zeltunterkunft, spielen Gitarre und grillen. Hinter dem Sichtschutz, der am Mittag rund um den Zaun befestigt wurde, sieht man Flüchtlinge Fußball spielen. Sie sind angekommen. Und auch willkommen. Das benachbarte Jugendzentrum Jenfeld hat ihnen bereits angeboten, ihre Einrichtung zu nutzen. „Die Stimmung hat sich beruhigt, wir sind auf einem guten Weg“, sagt Torsten Niehus, der Leiter des Jugendzentrums.

Am Abend sitzen bereits die ersten Flüchtlinge mit den Nachbarn zusammen. Ein junger Mann aus Syrien, der nicht namentlich genannt werden möchte, erzählt von seiner Flucht. Über die Türkei, Griechenland und Italien kam er nach Deutschland. „Der Empfang war sehr freundlich. Wir haben zwar keine Privatsphäre hier, aber alles ist besser als in Syrien“, sagt er.