Prozess in Hamburg

Mutter vergiftete dreijährigen Sohn mit Fäkalien

Am 21. September beginnt der Prozess gegen die 30 Jahre alte Mutter des vergifteten Kindes (Symbolbild)

Am 21. September beginnt der Prozess gegen die 30 Jahre alte Mutter des vergifteten Kindes (Symbolbild)

Foto: picture-alliance / maxppp / picture-alliance/dpa

Eine unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidende Frau soll ihrem Kind wiederholt verunreinigte Substanzen gespritzt haben.

Hamburg.  Für die scheinbar aufopfernde Pflege ihres kranken, drei Jahre alten Sohnes gierte sie nach gesellschaftlicher Anerkennung. Dabei war es die 30 Jahre alte Mutter selbst, die ihr Kind krankgemacht und wiederholt vergiftet haben soll – unter anderem mit abgestandenem Blumenwasser. Vom 21. September an steht die Frau vor dem Landgericht, angeklagt wird sie wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht, der Misshandlung von Schutzbefohlenen und gefährlicher Körperverletzung. Von einem Tötungsvorsatz geht die Staatsanwaltschaft bisher nicht aus.

Wie berichtet, leidet die 30-Jährige aus einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Davon Betroffene täuschen eine Krankheit bei Dritten vor oder führen sie künstlich herbei. Meist handelt es sich dabei um Frauen, die die gesellschaftliche Achtung genießen, die ihnen durch ihr überfürsorg­liches Verhalten zuteil wird.

Bereits am 24. April 2014 hatte die Staatsanwaltschaft Anklage in dem Fall erhoben. Doch der frühere Vorsitzende der damit betrauten Großen Strafkammer Sechs, der inzwischen pensionierte Richter Rüdiger Göbel, hatte die Akte monatelang liegen lassen. Grund: Nach Auskunft des Hamburgischen Oberlandesgerichts mussten dem Beschleunigungsprimat unterliegende Haftsachen prioritär verhandelt werden. Die enorme Verzögerung bezeichnete die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach, gegenüber dem Abendblatt indes als „sehr misslich“.

Vorerst sind vier Verhandlungstage anberaumt: am 21., 23., 28. und 30. September. Vor dem Hintergrund der schweren psychischen Erkrankung der Angeklagten sei es möglich, dass die Öffentlichkeit von dem Prozess teilweise oder auch ganz ausgeschlossen werde, sagte Gerichtssprecherin Ruth Hütteroth. Zur Begutachtung der Frau wird an allen Verhandlungstagen ein psychiatrischer Sachverständiger den Prozess verfolgen. Im Raum steht dabei ihre dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie.

Ihr damals drei Jahre alter Sohn war im Juni 2013 wegen einer fieberhaften Entzündung ins Krankenhaus gekommen. Als sich sein Zustand verschlechterte, wurde er auf die Intensivstation des UKE verlegt – ohne, dass ihm seine Mutter von der Seite wich. In unbeobachteten Momenten soll die 30-Jährige ihm verunreinigte Substanzen gespritzt haben, darunter Brackwasser, Fäkalien und Urin. Kaum ging es dem Jungen besser, wiederholte sie die Prozedur. Immer wieder kam der Dreijährige ins UKE, schließlich ordneten die Ärzte sogar eine Chemotherapie an. Als weiterhin kein Behandlungserfolg eintrat, schöpften die Ärzte Verdacht. Bei der Durchsuchung des Krankenzimmers stießen sie auf präparierte Infusionsflaschen. Mit dem Fund konfrontiert soll die Frau nach einem Bericht des „Spiegel“ die Vorwürfe schriftlich teilweise eingeräumt haben: So habe sie ihrem Sohn verdünntes Brackwasser über einen zentralen Venenkatheter zugeführt und eine Beininjektion mit Speichel kontaminiert. Der inzwischen fünf Jahre alte Junge sei stabil, mit Spätfolgen sei aber zu rechnen.

Gerichtlich ist der Mutter jeglicher Kontakt zu ihren insgesamt drei Kindern untersagt. Der Vater, der nicht ahnte, dass seine Frau heimlich den gemeinsamen Sohn vergiftete, hat die Scheidung eingereicht und das alleinige Sorgerecht beantragt. Die Angeklagte lebt inzwischen in Hamburg.