Interview

Fluchtpunkt Hamburg: Kolumbianischer Autor im Exil

Erik Bautista, 40, verfolgter Autor, Filmemacher und Journalist aus Kolumbien, lebt als „Writer in Exile“ mit PEN-Stipendium in Deutschland

Erik Bautista, 40, verfolgter Autor, Filmemacher und Journalist aus Kolumbien, lebt als „Writer in Exile“ mit PEN-Stipendium in Deutschland

Foto: Marcelo Hernandez

Erik Arellana Bautista wird in Kolumbien politisch verfolgt. "Ich war der Vierte auf der Liste. Die Drei vor mir waren schon getötet worden."

Hamburg.  Seit mehr als 60 Jahren tobt in Kolumbien, der Heimat des derzeit in Hamburg lebenden Journalisten Erik Arellana Bautista, ein Bürgerkrieg. Weltweit passieren in Kolumbien die meisten Entführungen und politischen Morde. Nirgendwo auf der Welt, außer in Syrien, gibt es mehr Binnenflüchtlinge, sechs Millionen Kolumbianer sind innerhalb ihres eigenen Landes auf der Flucht. 30.000 Verbrechen – ein Großteil der von den UN beanstandeten Menschenrechtsverletzungen – gehen auf das Konto der Paramilitärs. Sie sind für 42 Prozent der Vertreibungen verantwortlich, Guerillagruppen wie etwa die Farc („Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia“) für 35 Prozent.

Ursprünglich verstanden sich die Guerilleros als bäuerliche Selbstverteidigungsgruppen gegen die Gewalt, die von Großgrundbesitzern und vom Militär ausging. Ihr Ziel war eine revolutionäre Landreform. In den vergangenen Jahren haben sie aber mit unfassbarer Grausamkeit Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen. Paramilitärs und Guerilleros waren gleichermaßen Mitglieder von Terrororganisationen. Neben Guerilla und Paramilitärs tragen auch Polizei und Armee sowie kriminelle Gruppen und die Drogenmafia an den Vertreibungen eine Mitschuld. Die hauptsächlichen Motive liegen in dem Bestreben, Land und Wege zu kontrollieren, über die Drogenhandel und Waffenschmuggel abgewickelt werden.

All dies sollte man im Kopf haben, wenn man Bautista trifft, den kolumbianischen Menschenrechtsaktivisten, Journalisten, Autor und Dokumentarfilmer, der als Stipendiat des „Writers in Exile“-Programms des PEN in Hamburg lebt. Er arbeitet unermüdlich gegen das Vergessen der im bewaffneten kolumbianischen Konflikt Verschleppten und Verschwundenen.

Von 1997 an lebte er zehn Jahre in Deutschland, hier konnte er Audiovisuelle Kommunikation an den Kunsthochschulen in Kassel und Weimar studieren, begann literarisch zu schreiben und Dokumentarfilme zu drehen. Immer wieder kehrte er zu seinem Hauptthema zurück: Die Verschwundenen und der Schmerz ihrer Angehörigen. „Das Verschwindenlassen löscht die Geschichte jedes einzelnen Menschen aus“, schreibt er. 2006 kehrte er nach Kolumbien zurück, um als Journalist und Universitätsdozent in Bogotá zu arbeiten. Es entstanden mehrere künstlerische Arbeiten, wie das audiovisuelle Projekt „Geomalla“ (2011), das Erinnerungsmodule mit aktuellen Ausdrucksformen urbaner Subkulturen in Beziehung setzt. In seinem Gedichtband „Transitos de un hijo al Alba“ (2011) beschäftigt er sich mit dem eigenen Schicksal als Sohn einer Verschwundenen und erzählt die Geschichte eines Volkes ohne Namen.

Erik Arellana Bautista begann damit, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Doch zunehmend geriet die Arbeit seiner Stiftung in Kolumbien unter Druck: Büroräume wurden überwacht, Mitarbeiter belästigt und verfolgt. Seine Privatwohnung wurde im Mai 2013 aufgebrochen und sein Computer mit Informationsmaterial über jene Opfer, die von der Stiftung betreut wurden, wurde gestohlen. Hals über Kopf verließ Bautista sein Zuhause und floh mit internationaler Begleitung nach Deutschland, wo er seitdem lebt.

Abendblatt: Sie sprechen sehr gut Deutsch. Wo haben Sie das gelernt?

Erik Bautista: Vor 16 Jahren in Kassel. Da war ich das erste Mal im Exil. Der Mann meiner Tante war Deutscher. Ich kam zu einer Bekannten nach Düsseldorf, deren Mann Professor an der Uni Kassel war. Er hat mich als Gaststudent für Visuelle Kommunikation und Dokumentarfilm angenommen. Ich hatte in Kolumbien Journalismus studiert.

Warum mussten Sie Kolumbien verlassen?

Bautista: Amnesty International hat mir eine Liste mit Namen von Mitarbeitern von Menschenrechtsorganisationen gezeigt, die umgebracht werden würden. Ich war der Vierte auf dieser Liste. Die drei vor mir waren schon getötet worden.

Warum standen Sie auf der Liste?

Bautista: Weil ich mich mit der Organisation „Asfaddes“ für verschwundene Menschen engagiert habe. Viele Oppositionelle und Menschenrechtsaktivisten in Kolumbien sind umgebracht worden. Von der Regierung. Das Militär ist auch involviert. Wir haben das dokumentiert. „Asfaddes“ war damals die einzige dieser Organisationen. Inzwischen gibt es 18 Menschenrechtsorganisationen.

Nach sieben Jahren kehrten Sie zurück nach Kolumbien?

Bautista: Ja. Aber ich wurde weiter bedroht und bin wieder nach Deutschland gegangen, an die Bauhaus-Universität in Weimar. Danach habe ich acht Jahre in Kolumbien gelebt. Ich wollte kein Exilant mehr sein.

Hatten Sie Angst?

Bautista: Ja. Wir haben einen Verein unter dem Namen meiner Mutter gegründet und haben mehrere Morddrohungen bekommen. Wir haben mehrmals die Wohnung gewechselt. Mein Telefon wurde abgehört, meine Wohnung fotografiert. Andere Mitglieder unseres Vereins haben Bodyguards. Meine Mutter war aktiv in der Gewerkschaftsbewegung. Eines Tages ist sie von neun Männern in Zivil aus unserem Zuhause abgeholt worden. Sie wurde gefoltert, vergewaltigt und an einen geheimen Ort gebracht, wo sie als Namenlose ermordet wurde. All das hat uns später ein Militär erzählt, im Austausch gegen persönlichen Schutz, den er suchte. Wir haben die Leiche meiner Mutter gefunden und einen Strafprozess gegen die Verantwortlichen bei der UNO geführt und gewonnen. Aber in Kolumbien gab es einen Prozess und der am Tod meiner Mutter verantwortliche Militär ist weiter im Dienst. Der Strafprozess dort ist immer noch – nach 27 Jahren – in der ersten Phase.

Wie sind Sie geflohen?

Bautista: Mit Hilfe der Deutschen Botschaft. Unsere Organisation hatte 2012 den Preis der Botschaft für Menschenrechte gewonnen. Wir wollten nur kurz das Land verlassen. Aber unser Büro signalisiert mir immer wieder, dass es besser wäre, hier zu bleiben, weil es in Bogotá zu gefährlich ist. Ich bin jetzt seit einem Jahr in Hamburg und darf noch ein Jahr bleiben.

Was arbeiten Sie?

Bautista: Ich habe zwei Bücher geschrieben, einen Gedichtband und eine autobiografische Erzählung über politisch Verfolgte. Ich schreibe hier als Journalist über Kolumbien und dort über Deutschland. Ich schreibe über die Menschenrechtssituation.

Wie leben Menschenrechtsaktivisten in Kolumbien?

Bautista: Im vergangenen Jahr wurden 50 Aktivisten umgebracht. Die Guerilla richten Massaker an. In Kolumbien leben 44 Millionen Menschen. 20 Millionen von ihnen haben nichts zu essen, leben im Elend. Man hat keine Rechte. Mehr als sieben Millionen Opfer sind in den vergangenen 40 Jahren als Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen anerkannt worden. Kürzlich haben wir einen Bericht erhalten, aus dem hervorgeht, wie Frauen systematisch missbraucht werden. Offiziell ist Kolumbien demokratisch. Aber es ist komplizierter. Seit 200 Jahren werden wir von Mitgliedern aus nur 20 Familien regiert.

Hat sich in den vergangenen Jahren etwas verbessert?

Bautista: Nein. Die Regierung schließt jetzt Verträge mit multinationalen Konzernen, in denen alle Schätze Kolumbiens verkauft werden. Der größte Fluss Kolumbiens gehört jetzt China. Sie wollen einen Kanal zwischen dem Atlantik und dem Pazifik bauen. 5000 Kinder kolumbianischer Ureinwohner sind gestorben, weil sie kein Wasser mehr haben. Kolumbien ist reich an Bodenschätzen. Aber alles davon ist ins Ausland verkauft worden.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Stiftung?

Bautista: Ja. Ein Mitarbeiter hat vor einem Monat eine Morddrohung bekommen.

Was ist das Grundübel in Kolumbien?

Bautista: Die Korruption. Das größte Problem in Kolumbien ist, dass es kein Interesse an Gerechtigkeit und Wiedergutmachung gibt. Und die Militarisierung des Alltags muss aufhören. Wir haben schon zu lange Krieg. Durch Waffen werden keine Konflikte gelöst.

Haben Sie einen Traum?

Bautista: Ja. Zurück nach Kolumbien zu gehen, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Der nächsten Generation zu zeigen, dass Hass keinen Sinn hat.