Konkurrenz aus Asien

Elektronikkonzern Philips schrumpft – auch in Hamburg

Vor mehr als zehn Jahren fertigte dieser Mitarbeiter noch Wafer für die Chipproduktion von Philips in Hamburg. Heute gehört die Fabrik nicht mehr zum Unternehmen

Vor mehr als zehn Jahren fertigte dieser Mitarbeiter noch Wafer für die Chipproduktion von Philips in Hamburg. Heute gehört die Fabrik nicht mehr zum Unternehmen

Foto: picture alliance

Unternehmen hat sich in vergangenen Jahrzehnten von zahlreichen Bereichen getrennt. Starke Konkurrenz aus Asien wird zum Problem.

Hamburg. Immer diese Asiaten. Den Philipsianern, wie sich die Mitarbeiter des niederländischen Konzerns selbst nennen, dürfte die Konkurrenz aus Fernost inzwischen so bitter aufstoßen wie der Genuss von Kimchi, der saure Weißkohl, der in Korea traditionell zu jedem Essen dazugehört. Ob Samsung oder LG, Huawei oder Sony, die Elektronikgrößen aus dem Osten sind der Hauptgrund dafür, dass Philips seit Jahrzehnten kaum etwas anderes mit mehr Energie betreibt, als sich von ehemals zukunftsträchtigen Bereichen zu trennen.

Es sind Firmen aus Fernost, die für Philips vor einigen Jahren das Geschäft mit Halbleitern, später mit Fernsehern, mit CD-Playern und zuletzt mit LED-Leuchten unattraktiv gemacht haben. Zum Kerngeschäft des börsennotierten Konzerns gehört heute nur noch die Medizintechnik. Und auch hier stehen starke Unternehmen aus Asien in den Startlöchern, um weltweit Marktanteile zu gewinnen. Das „Gesundschrumpfen“, wie es das Spitzenmanagement oft euphemistisch ausdrückt, liest sich an Zahlen wie ein Sterben auf Raten: Von 1985 bis 1990 kürzte der Konzern die Belegschaft bereits um fast 40.000 auf knapp 300.000 Mitarbeiter. Heute sind noch 112.000 Menschen bei Philips beschäftigt.

„Ein Konzern, der so verschiedene Geschäftsbereiche wie Röntgengeräte, Radios und Glühlampen vereint, braucht für jedes der Produkte auch jeweils ein eigenes Marketing und einen eigenen Vertrieb“, erklärt Wirtschaftsprofessor Karl-Werner Hansmann den Aufwand, den Philips als Mischkonzern früher für die einzelnen Sparten betrieb. „Das lohnt sich nur, wenn alle Bereiche ordentliche Margen erwirtschaften, sonst ist auch die Koordination im Konzern zu teuer“, ergänzt der Hamburger Wissenschaftler.

Nicht nur so unterschiedliche Segmente wie Haushaltselektronik und die Ausstattung von Krankenhäusern vereinte die frühere Philips, sondern auch die Produktion von Chips für die Elek­trotechnik. Damals, in den 1990er-Jahren, wollte der Konzern mit den Halbleitern zum Weltmarktführer aufsteigen. Bis spätestens 2002 sollte dieses Ziel erreicht sein, hießen die ehrgeizigen Pläne. In dieser Zeit beschäftigte Philips in Deutschland noch 28.000 Mitarbeiter, davon in Hamburg gut 6000. „Wir haben Kapazitäten für zehn Jahre“, kündigte der damalige Hamburg-Chef der Chipsparte vollmundig an. Wenige Jahre später geht dieses Geschäft an US-Investoren, für 7,15 Milliarden Euro. Es wird umbenannt in NXP, ein Unternehmen, das heute in Hamburg wieder wächst.

Frans van Houten, der später Vorstandschef der Niederländer wird, gibt in dieser schweren Zeit der Massenentlassungen die Parole für die Zukunft von Philips aus: Nach der Abspaltung müsse sich das Unternehmen nun stärker als bisher „darauf konzentrieren zu wachsen“. Gleichzeitig heißt sein Motto: „Wir müssen Geld verdienen, egal, ob es auf dem Markt gerade gut oder schlecht läuft.“

Doch es kommt wieder anders. Es ist 2005, Philips-Deutschland-Chef Hans-Joachim Kamp freut sich noch über die Wachstumssegmente wie Flachbild-TV-Geräte, DVD-Rekorder und MP3-Player. Philips sei hier mit einem Anteil von 14 Prozent Marktführer, sagt er. Aber der Optimismus für diese Konsumartikel, die in immer größerer Zahl in den Wohnzimmern Einzug halten, währt nicht lange. Es ist 2012. Philips schreibt in der Gruppe zwar wieder Gewinn, hat aber bereits den Abschied von der schwächelnden Unterhaltungselektronik eingeleitet. Der Konzern, der als Erfinder der Musikkassette und des Videorekorders in der Branche bekannt geworden ist, trennt sich von seinem TV-Geschäft und verkauft den Markennamen an Chinesen. Philips steht drauf, Asien ist drin. Und was früher noch Telefunken oder Schneider herstellten, kommt heute allesamt aus Fernost: von Panasonic, Sony oder LG.

Gerade in China wächst die Konkurrenz für Philips rasant

Zukunftsfelder für Philips sieht die Konzernspitze in dieser Zeit nur noch in der Medizin- und Lichttechnik. 2010 schwärmt der damalige Hamburger Verantwortliche für das Deutschlandgeschäft im Abendblatt für das neueste Thema: Andreas Wente ist überzeugt, der Konzern müsse seine Kraft nun auf die LED-Technologie konzentrieren. Das Licht werde anders als bei Glühlampen energiesparend erzeugt und könne an alle möglichen Situationen angepasst werden: mit warmen Farben für Wohnbereiche, mit kompakten Abmessungen für Fahrzeuge, variabel zu schalten in Krankenhäusern.

Anfang dieses Jahres dann der nächste Paukenschlag: Philips spaltet die Lichtsparte ab. Einen Bereich mit langer Historie. Ausgerechnet das Geschäft, welches das Unternehmen vor mehr als 100 Jahren groß gemacht hat. Eine der Begründungen: Wettbewerber aus Fernost dringen in den Markt, von denen Philips oder die ebenfalls lange um schwarze Zahlen ringende Osram vor nicht allzu langer Zeit noch gar nichts wussten. Dazu gehören Everlight aus Taiwan, Seoul Semiconductor aus Korea oder MLS Lighting aus China. Sie haben Lichtlösungen parat, die günstiger und nicht wirklich schlechter sind als Produkte „made in Europe“.

Diese „exotischen“ Firmen investieren in die Entwicklung und bringen die Neuheiten schnell auf den Markt. Weltweit. Wie stark die neuen Wettbewerber heute auch bei den Innovationen sind, zeigt ein Blick auf die Patente. Samsung führt derzeit die Rangliste der Unternehmen mit den meisten Patentanmeldungen weltweit an. Zwar folgt Philips auf Platz zwei. Aber unter den besten fünf Firmen folgen LG aus Südkorea und Huawei aus China, einem Land, das bis vor Kurzem noch als Hochburg der Kopien verschrien war.

„Wer die Forschung vernachlässigt, begräbt das ganze Unternehmen“, warnt Wirtschaftsprofessor Hansmann heimische Betriebe davor, sich auf Faktoren wie Image und Erfahrung auszuruhen. Das Know-how gehe verloren, und besonders anfällig für eine solche Strategie seien börsennotierte Unternehmen – wie Philips. Das Planen in Quartalen, wie es der Kapitalmarkt fordere, verstelle oft den Blick auf langfristige Chancen. Sich in schwachen Phasen von Segmenten zu trennen, sei bei Aktiengesellschaften wie Philips eher üblich als bei vielen Familienfirmen, die in Generationen denken. Beispiel Siemens AG: Der DAX-Konzern hatte sich in der Vergangenheit von der Computer- und Mobilfunksparte, dem Kernkraftgeschäft und den Hausgeräten getrennt.

Viele Analysten blicken skeptisch auf die Zahlen der Zukunft

Die Abspaltung der einzelnen Geschäftsfelder geht einher mit einem kontinuierlichen Aderlass bei den Mitarbeitern. So ist Philips in den 90er-Jahren am Standort seiner Deutschland-Zentrale in Hamburg noch einer der größten Arbeitgeber der Stadt mit 6000 Beschäftigten. Zur Jahrtausendwende zählt der Konzern an Elbe und Alster noch 5000 Mitarbeiter. Inzwischen ist die Belegschaft hier auf 3400 Frauen und Männer geschrumpft.

Die Trennung vom Lichtgeschäft wird in den nächsten Monaten dazu führen, dass noch einmal mehrere Hundert Fachkräfte nicht mehr zum Kern des Unternehmens gehören. Sie werden in eine eigene Gesellschaft ausgelagert, die an einen Investor oder an die Börse gehen soll.

Zugleich stehen die Margen auch in der Medizintechnik unter Druck: Denn auch im Geschäft mit Kardiologie, Notfallmedizin und Gesundheitsversorgung, auf das sich Philips jetzt konzentriert, geben die Asiaten Gas: United Imaging aus China und wiederum Samsung drängen in den Markt und locken weltweit Spezialisten mit hohen Gehältern an.

Analyst Olivier Esnou von der Investmentbank Exane BNP Paribas kürzte daher gerade die diesjährigen Gewinnschätzungen für Philips-Aktien um 16 Prozent. Auch die britische Investmentbank Barclays sieht Philips vor äußerst schwierigen Zeiten: Umsatz- und Ergebniswachstum seien unattraktiv, schrieb gerade Analyst David Vos. Im Gesundheitsmarkt dürften nach 2015 die strukturellen Herausforderungen in China und USA größer werden.

Um hier wettbewerbsfähig zu bleiben, schaut Philips erneut nach Hamburg. Immerhin wurde hier schon vor Jahrzehnten mit dem Kauf einer Röntgenfirma der Grundstein für die Medizintechnik der Niederländer gelegt. „Hamburg ist dabei nach den Niederlanden der wichtigste Forschungsstandort des Konzerns“, sagte der neue Deutschland-Chef Peter Vullinghs kürzlich im Interview mit dem Abendblatt. „Diese Kompetenz wollen wir nutzen – und ausbauen“, sagt der Holländer. Fragt sich, wie lange diese verheißungsvolle Ankündigung gilt.