Live-Art-Festival

"Hamamness" – Kampnagel wird zum Badehaus

| Lesedauer: 4 Minuten
Tom R. Schulz
Hamamness im Rahmen des Live Art Festivals. Foto: TRS

Hamamness im Rahmen des Live Art Festivals. Foto: TRS

Foto: TRS

Ein voll funktionsfähiges türkisches Hamam aus aufblasbarem Kunststoff ist das Herzstück des Live Art Festivals auf Kampnagel.

Hamburg.  Das Ganze hat was von einer Fata Morgana. In der Tiefschwärze der größten Halle von Kampnagel, der K6, tut sich vor dem Besucher von „Hamamness“ zuerst ein flimmerndes orientalisches Mosaik auf, projiziert von einem Beamer. Eine Oase im Theaterdunkel, die Verheißung von etwas ganz anderem. Und ganz anders als der handelsübliche Performancebesuch ist dieses Erlebnis zum Preis einer Kinokarte auf jeden Fall. Die englische Endung -ness im Wort Hamamness legt es nahe: Hier wird das Sein im Hamam zum Seinszustand an sich. Denn in diesem temporären Lebensraum der Kunst soll Erkenntnis auf Wellness treffen, ästhetische Reibung auf porentiefe Reinigung. Oder, wie es im herrlich verblasenen Diskursdeutsch des Programmhefts heißt: „Willkommen in der osmonischen Gemeinschaft. Postidentitäres Pre-Enactment zur Aufweichung kultureller Verpanzerungen.“

Am Eingang gibt es für den kulturell Verpanzerten erstmal ein Gläschen warmes Wasser mit frischer Minze. Dann entledigt er sich in einer Kabine seiner Kleidung bis auf die Unterwäsche oder Badebekleidung, tut alles in eine gelbe Plastikkiste von der Post und vertraut seine Habe den freundlichen Mitwirkenden der Wiener Performancegruppe God’s Entertainment an. Gewandet in ein Peştemal genanntes, um die Hüften geschlungenes Tuch, betritt er sodann in freudiger Erwartung das Hamam, eine waschechte Wunderwelt aus aufgeblasenem PVC.

140 Quadratmeter groß ist dieses türkische Badehaus auf Zeit, das seine Existenz der lebhaften und tatkräftigen Fantasie der Kampnagel-Dramaturgin Nadine Jessen verdankt. Zweieinhalb Jahre spann, plante, tüftelte sie mit einer Schar von Freunden an ihrer ­irgendwie ziemlich wundervollen Idee, ehe daraus vor allem mit Hilfe des in Hamburg lebenden türkischen Gastronoms und Künstlers Ergün Yagbasan (er betreibt das Lokal Peacetanbul in der Karolinenstraße) und den Urban-Design-Studenten der HafenCity Universität um Professor Bernd Kniess ­unversehens das Herzstück des diesjährigen Live-Art-Festivals wurde.

Das Hamam besteht aus drei inein­ander übergehenden Kammern, in denen drei unterschiedliche Raumtemperaturen herrschen. Der erste ist eine Art Ruheraum – vorausgesetzt, man zählt intensives Diskutieren und Austauschen von Positionen zu Kunst und Leben und Politik und Gender und ­Islam und Europa oder auch nur das Zuhören bei diesem Austausch zu den ruhigen Aktivitäten. Die erste Kammer ist, wenn man so will, der Raum für den Geist. Für Körper und Seele muss man tiefer hinein in den Hamam.

Doch in Hamamness ist alles im Fluss, nicht nur das Wasser, das liebreizende Herrschaften einem gelegentlich mit Büscheln aus Minzstängeln auf die Haut patschen oder von Ahornzweigen über die Anwesenden herabregnen lassen. So lagerten beim Besuch des Abendblatt-Reporters in der ersten Kammer auf kreuz und quer ausgebreiteten Orientteppichen recht diskursfern nur ein paar spärlich bekleidete Epheben, die aussahen, als hätte Jeff Koons sie hier drapiert. Ob sie zum ­performierenden Personal oder zu den Besuchern gehörten, sah man ihnen nicht an, wie es ja überhaupt das Wesen solcher Veranstaltungen ist, dass die Grenzen zwischen Zuschauer und ­Akteur sich verwischen.

Unverkennbar Akteur ist Laher. Er kommt aus Ungarn und arbeitet normalerweise im Hamam an der Feldstraße. Sehnsüchtig warten Menschen auf dem großen, warmen Stein in der Mitte der hintersten Kammer darauf, dass Laher sie wortlos auf seine Liege einlädt und ihre verpanzerten Leiber mit luftigen Seifenkissen und einer Massage aufweicht. Das macht er ganz herrlich, nur die Liege ist steinhart. Und nicht jeder kommt in den Genuss.

An anderen Tagen soll hier mehr Performance-Lametta sein, mehr Debatte, mehr Inszenierung und vor allem mehr spontane theatrale Intervention der an Live Art beteiligten Künstler. Heute verlangt nur das etwas enervierende Gemaunze eines sonderbaren Künstlerpärchens dem Besucher postidentitäre Gleichmut ab. Ein Mann und eine Frau mit tierischen Schwänzen zwischen den Beinen enacten lasziv auf allen Vieren ausdauernd irgendwas Diskursives über Mensch und Tier. Bis auf die Schwänze haben sie nichts an.

„Hamamness“, Kampnagel, noch bis Sa, 13.6., 18 bis 22 Uhr, Eintritt 12 Euro, ermäßigt 8 Euro

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