Hamburg

Ausstellung im Bucerius Kunst Forum: Wasser marsch!

Eine Frau betrachtet im Bucerius Kunstforum das Bild mit dem Titel "Ohne Titel (Drachenkopf)" des Künstlers Robert Longo. Das Bild ist Teil der Ausstellung "Über Wasser - Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson", welche vom 13. Juni bis 20. September 2015 gezeigt wird

Eine Frau betrachtet im Bucerius Kunstforum das Bild mit dem Titel "Ohne Titel (Drachenkopf)" des Künstlers Robert Longo. Das Bild ist Teil der Ausstellung "Über Wasser - Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson", welche vom 13. Juni bis 20. September 2015 gezeigt wird

Foto: Axel Heimken / dpa

Von Monet bis Eliasson: Im Bucerius Kunst Forum vereint eine Ausstellung zum flüssigen Element Meisterwerke der Fotografie und der Malerei.

Hamburg.  Schon vor Betreten des Bucerius Kunst Forums kommen Hamburger und Touristen in den Genuss einer Gratisausstellung, mit der die sechste Triennale der Photographie (Eröffnung: 18. Juni) prominent auf dem Rathausmarkt für Hamburg als Hauptstadt der Photografie wirbt: Auf beleuchteten Glaswürfeln zeigen der portugiesische Künstler Virgilio Ferreira und sein italienisches Pendant Giacomo Brunelli, was ihnen einen ­Monat lang beim Flanieren durch Hamburg interessant vorkam – in einer Art urbaner Ballade.

Der englische Maler William Turner, dessen Namen das Bucerius Kunst Forum im Titel seiner neuen Ausstellung aufnimmt, ist zwar nur mit einem kleinen didaktischen Beitrag vertreten. Dennoch bietet diese erste große Ausstellung zur Triennale der Photographie eine Vielzahl fantastischer Werke, die nicht alle so bekannt sind, wie sie sein sollten.

„Über Wasser“ wagt den Langzeit-Medienvergleich zu einem großen ­Thema in der Kunst. Die Schau bewegt sich zwischen Malerei und Fotografie, vom 19. Jahrhundert bis heute, und verknüpft 92 künstlerische Positionen. Da die Ausstellung in sieben Kapitel gegliedert ist, lässt sie sich je nach Vorliebe beginnen: Besucher mit Neigung zur Dramatik sollten sich im Erdgeschoss erst mal aufwühlen lassen, während Menschen, die das Kontemplative lieben, gut im Obergeschoss starten. Die von Ortrud Westheider und Ulrich Pohlmann gemeinsam kuratierte Ausstellung besticht durch den ausgeklügelten Wechsel der Stimmungen, die diesem nassen, ungreifbaren, wankelmütigen Element innewohnen. Zudem betont Westheider die „politische Dimension“, die Themen wie Massenflucht, Klimawandel und Umweltverschmutzung in den Fokus rücke.

Wer also unten beginnt, wird sogleich umfangen von den Werken vieler berühmter Künstler, die das Thema Welle durchspielen: von Hokusais Farbholzschnitt, einer hochdramatischen Gouache des Dichters Victor ­Hugo, Gustave Courbets unheilvoll ­umbrafarbenen Brandungswogen bis zu einem Schlüsselwerk der frühen Fotografie, einem Meeresbild von Gustave Le Gray. Es stammt von 1856 und ist aus zwei Aufnahmen kombiniert.

Im Zentrum des Raumes wurden auf einer Art kristalliner Block historische Strandansichten verstreut wie Kiesel am Meeressaum. Machtvoll behauptet Gerhard Richters „Seestück“ seine zentrale Stellung inmitten von Mei­sterwerken. Neben ihm Max Beckmanns bündiger Blick auf sehr schräg gestellte, türkisfarbene Wogenwipfel, dann zwei umstürzlerische Wellenbilder von Monet und Renoir. Ringsum sind unter anderem Reflexionen das Thema: Immer im Wechsel miteinander, entfalten Gemälde und Fotografien einen neuen Reiz.

Edward Steichens symbolistische Photogravüre „Der Teich. Mondaufgang“ von 1903 trifft auf Heinrich Kühns piktorialistischen Gummidruck einer venezianischen Brücke. Dann wiederum finden der großartige Alfred Ehrhardt und die kühne Melancholikerin Ilse Bing in Wasserlachen schräg gespiegelte Häuserfassaden. Bei Naoya Hatakeyama werden Farbreflexe im Fluss zu komplett abstrakten Motiven. Und durch technische Bearbeitungen am Rechner hat Andreas Gursky mit seinem Bangkok-Flussbildnis vollends die Grenze zur Malerei eingerissen: mit schwärzlichen, an eine Ölpest erinnernden Schatten ist der Bildgegenstand kaum noch wahrnehmbar, und die politische Botschaft eindeutig.

Absolut beeindruckend in ihrem Forscherdrang, ebenso wie in ihrer fotografischen Präzision sind Peter Keetman und Toni Schneiders, deren Bildkunstwerke in fast allen Kapiteln auftauchen. Ein Verwirrspiel treibt die Künstlerin Li Trieb mit ihren haarfeinen, fotorealistischen Zeichnungen von Wasseroberflächen. Mit dem Notieren der verstrichenen Zeit stehen sie zugleich für Entschleunigung und Vergänglichkeit. Dem Isländer Olafur Eliasson wiederum ist ein surrealer, aber auch gleichnishafter Schabernack gelungen: Im Wechsel der Jahreszeiten fotografierte er einen riesigen Eisklotz in Gestalt eines Jagdbombers, der sich schmelzend langsam verflüchtigt in der immer gleichen Landschaft.

Mit Mann und Maus wird die Zivilisation untergehen, so scheint es

Tropfenbilder, Wasserfälle und Menschen im kühlen Nass vervollständigen diese sehenswerte Ausstellung. Sie reicht von Max Klingers verzweifelter Selbstmörderin bis zu Martin Parrs knallbuntem Panorama eines künstlichen japanischen Tropenparadieses, das ja doch nur ein Hallenbad ist. Gleich daneben muss man den von ­William Klein fotografierten herausfordernden Blicken fülliger Schönheiten in einem Schwitzbad standhalten

Den Schluss bildet das apokalyptisch angehauchte, die große Verdrängungsmasse moderner Konsumgesellschaften einschließende Kapitel ­„Unzähmbares Element“. Mit Mann und Maus wird die Zivilisation untergehen, scheinen viele der versammelten Bilder auszudrücken. Von Joseph Beuys steht hier eine Flasche verseuchten Rheinwassers, Robert Longos Welle türmt sich auf wie bei einem Tsunami, und Pablo Genovés’ schockierende Montage lässt eine barocke Bibliothek in der Flut versinken.

„Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson“ Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt, 13.6. bis 20.9.; www.buceriuskunstforum.de