Elternwahlrecht

Jeder vierte Gymnasiast ohne Empfehlung

Bei der Anmeldung für die fünften Klassen der weiterführenden Schulen gibt es regionale Unterschiede. AfD sieht „kritische Grenze“ erreicht.

Hamburg. Es ist die vielleicht wichtigste Frage, vor der Eltern und ihre Kinder während der Schulzeit stehen: Welche weiterführende Schule ist die richtige? In Hamburg gilt grundsätzlich das Elternwahlrecht. Das heißt: Die Grundschule spricht eine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums aus – oder eben nicht –, aber die Eltern sind daran nicht gebunden.

Mehr als jeder vierte Schüler besucht die fünfte Klasse eines Gymnasiums, obwohl die Grundschulpädagogen keine entsprechende Empfehlung ausgesprochen haben. Das ist das Ergebnis der Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage des AfD-Bürgerschaftsabgeordneten Alexander Wolf. Der Gesamtanteil nicht gymnasial empfohlener Schüler hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert: Im Schuljahr 2011/12 betrug die Quote 28,2 Prozent, im Jahr darauf 29,6 Prozent und im Schuljahr 2013/14 schließlich 27 Prozent. Zahlen aus dem laufenden Schuljahr liegen noch nicht vor.

Allerdings gibt es regional zum Teil erhebliche Unterschiede. Gymnasien in sozial stabilen Stadtteilen und Schulen mit besonderen Profilen (zum Beispiel musisch oder altsprachlich) haben einen sehr geringen Anteil nicht empfohlener Schüler. Das musisch orientierte Albert-Schweitzer-Gymnasium (Ohlsdorf) hat im vergangenen Schuljahr lediglich neun Prozent Schüler ohne Gymnasialempfehlung aufgenommen. Ähnlich niedrig sind die Werte für die altsprachlichen Gymnasien Christianeum (6,4 Prozent), das Johanneum (12,3 Prozent) und das Wilhelm-Gymnasium (11,3 Prozent).

Auf weit unterdurchschnittliche Werte kommen zudem Standorte in bevorzugten Wohnlagen mit einem hohen Anteil bildungsnaher Elternhäuser: Gymnasium Oberalster (10,3 Prozent), Gymnasium Hochrad (11,8 Prozent) oder das Gymnasium Blankenese mit sieben Prozent. In der Regel weisen die benachbarten Grundschulen dieser Gymnasien einen sehr hohen Anteil gymnasial empfohlener Schüler aus – zum Teil mit mehr als 70 Prozent eines Schülerjahrgangs (siehe Tabelle).

Auf der anderen Seite nehmen Gymnasien in Stadtteilen mit einem niedrigen Sozialindex überdurchschnittlich viele Schüler in ihre fünften Klassen auf, denen keine gymnasiale Karriere vorausgesagt wurde. Am Gymnasium Hamm stellten die nicht empfohlenen Schüler mit 54,4 Prozent im Schuljahr 2013/14 sogar die Mehrheit. Ähnlich hoch war der Anteil dieser Schülergruppe am Kurt-Körber-Gymnasium mit 42 Prozent oder am Gymnasium Allermöhe mit 49,5 Prozent.

„Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich leider bestätigt“, sagt der AfD-Abgeordnete Wolf. „Der Anteil an Schülern ohne Gymnasialempfehlung übersteigt inzwischen eine kritische Grenze.“ Wolf macht das Elternwahlrecht dafür verantwortlich und sieht „Verlierer auf beiden Seiten“. Schüler ohne Empfehlung könnten sich schnell gestresst und überfordert fühlen. „Die leistungsstarken Schüler, die ebenso ein Recht auf Bildung haben, leiden unter einem langsameren Lerntempo und einer geringeren Vertiefung des vermittelten Wissens“, sagt Wolf.

Das Problem wird in der Schulbehörde gesehen. „Wir müssen von den hohen Zahlen nicht empfohlener Schüler herunterkommen“, sagt Sprecher Peter Albrecht. Ein erheblicher Teil der Schüler müsse das Gymnasium am Ende von Klasse sechs wieder verlassen. Zum einen sei es wichtig, die Stadtteilschulen als Alternative, die auch zum Abitur führt, weiterhin zu stärken. Zum anderen müssten Lehrer in den Beratungsgesprächen mit Eltern über die Schullaufbahn verstärkt daraufhin wirken, dass sie „mittelfristige Entscheidungen im Sinne ihrer Kinder“ treffen.