Hamburg

Jugendkriminalität nimmt wieder zu

20 Prozent mehr minderjährige Verdächtige, zehn Prozent mehr Gewalttäter. CDU: „Senat nimmt Problem nicht ernst genug“

Hamburg.  Aus der Schulaula schrillt Musik, der Abiturscherz läuft, als alles aus dem Ruder gerät. Im Gedränge an einer Hamburger Stadtteilschule stoßen im April zwei Zehntklässler aneinander. „Hurensohn“, schallt es kurz, dann sind Schreie zu hören. Ein Dutzend Schüler verkeilt sich ineinander, sie treten und schlagen sich. Die Sirene des Rettungswagens beendet alle Feierlichkeiten. Zwei Schüler tragen Platzwunden davon. „Wir sind keine Problemschule“, sagt eine Lehrerin. „Dieses ,Was guckst du‘ ist wieder im Kommen.“

Nach Jahren des Rückgangs stellen Behörden wieder einen deutlichen Anstieg der Kinder- und Jugendkriminalität fest. Im Jahr 2014 registrierte die Polizei insgesamt 9319 minderjährige Tatverdächtige – ein Anstieg von rund 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

„Langfristig haben wir eine positive Entwicklung“, sagt Reinhold Thiede, Jugendbeauftragter der Polizei. Im Jahr 2005 wurden jährlich etwa ein Fünftel mehr junge Menschen bei Straftaten verdächtigt. „Aber die neuen Zahlen alarmieren uns. Wir prüfen, unsere Maßnahmen anzupassen“, sagt Thiede. Denn die minderjährigen Straftäter verhalten sich anders als früher. So stieg die Zahl der wegen Gewaltdelikten verdächtigten Kinder (483 Fälle) und Jugendlichen (910 Fälle) um jeweils mehr als zehn Prozent an – die Zahl der Beschimpfungen und Bedrohungen stieg aber fast doppelt so stark. Dazwischen liegt der Anstieg bei den mutmaßlichen Taschendieben, hier zählte die Polizei 13 bis 15 Prozent mehr Verdächtige unter 18 Jahren.

Reinhold Thiede über das Vorgehen der Straftäter: „Das aggressive Abziehen kommt immer noch vor. Aber während die Raubfälle über lange Zeiträume zurückgehen, nehmen die einfachen Körperverletzungsdelikte deutlich zu.“ Gerade in besser situierten Stadtteilen ist Diebstahl inzwischen außerdem oft häufiger als bloße Gewalt. „Die Straftäter versuchen häufig zunächst, das Eigentum des anderen auf subtile Weise zu bekommen “, sagt der Jugendbeauftragte.

Extrem viele Meldungen über Vorfällean Grund- und Stadtteilschulen

Ein Sprecher der Schulbehörde bestätigt, dass sich die Vorfälle an Gymnasien von denen in anderen Schulformen deutlich unterscheiden. Die letzte Auswertung der Vorfälle ergab, dass im Schuljahr 2013/2014 in Hamburg 196 Übergriffe von Gymnasien gemeldet wurden – an Stadtteilschulen (726 Taten) und an Grundschulen (647 Fälle) kam es demnach wesentlich häufiger zu Straftaten, darunter auch Gewaltdelikte. Dies hängt mit dem Meldeverhalten der Schulen zusammen: In Grundschulen werden nach Erfahrung der Behörden auch Vorfälle gemeldet, die von Mittelstufenlehrern als harmlose Rauferei abgetan und nur intern behandelt würden.

Die Behörde rief die Schulen wiederholt dazu auf, sich an dem Meldeverfahren zu beteiligen. Die Zahl der bei der Behörde bekannten Übergriffe hat sich in der Folge seit 2009 fast vervierfacht. Dieser hohe Anstieg sei aber nicht nur der besseren Erfassung geschuldet, wie Schulsenator Ties Rabe (SPD) vermutet. „Der Anstieg der Zahlen kann auf eine Zunahme von Gewalt in Schulen hinweisen“, sagte Rabe.

Für das laufende Schuljahr hat die Behörde noch keine Daten veröffentlicht. Die Vorfälle würden erst im Herbst ausgewertet, wie es in der Antwort auf eine Anfrage der CDU-Abgeordneten Karin Prien heißt. Die Fragestellerin sieht darin einen Beleg, dass der Senat das Thema kaum ernst nehme. „Dazu passt, dass Präventionsprojekte eher zurückgefahren als ausgebaut wurden“, sagt Prien.

Der Senat hat eine Expertenkommission mit Vertretern der Schulen und Polizei eingesetzt, die Vorschläge gegen die Gewalt an Schulen entwickelte. Auf Abendblatt-Anfrage konnte die Schulbehörde jedoch weder den Inhalt noch einen Zeitraum für die Umsetzung der Änderungen nennen.

Um der Jugendgewalt besser begegnen zu können, will die Polizei häufiger Präventionskurse in Schulen, etwa während des Programms „Cop4U“ anbieten. „Die Absicht ist, in jeder Schulklasse zwei Doppelstunden durchzuführen“, sagte der Polizeibeauftragte Thiede.

Der Deutsche Lehrerverband in Hamburg rechnet damit, dass es nur Änderungen am Meldesystem geben wird. „Durch das Meldesystem wird sichergestellt, dass die Behörde auf Fragen auch antworten kann“, sagt der Vorsitzende Helge Pepperling. Die Schulen müssten aber selbst agieren, um eine Zunahme der Gewalt zu verhindern. „Insgesamt ist Hamburg aber seit Jahren auf einem guten Weg.“

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