Hamburg

Zöllner soll Tresor mit 130.000 Euro geplündert haben

Während eines WM-Spiels wurde bei Zoll eingebrochen. Vor Gericht steht nun auch ein Ex-Zollbeamter. Oder war es sein Schwiegersohn?

Wandsbek. Bei genauer Betrachtung spitzt sich der Fall auf eine weiße Sektflasche zu – eine Spezial-Edition zum Jahreswechsel 2000. Auf die edle Flasche von Gästen während einer Feier angesprochen, will Andreas B., damals noch Zollbeamter, eine Kombination für einen Tresor in seinem Dienstbüro herausposaunt haben: „31.12.99 war der Stichtag für die Flasche, genauso lautet die Kombination für den Tresor in meinem Büro.“ Er hätte den Fauxpas später seinem Vorgesetzten melden müssen, damit der Code geändert wird. „Zu diesem Fehler stehe ich“, sagt B. mannhaft. Er sei aber davon ausgegangen, dass niemand von diesem Lapsus Notiz genommen habe.

Außer Askin Y., der Partner seiner Tochter. Der müsse die Kombination aufgeschnappt, den Tresor gestohlen und geöffnet haben. Für Andreas B. steht fest: Er selbst war es nicht.

Es ist ein unglaublicher Vorwurf, über den seit Mittwoch das Amtsgericht Wandsbek verhandelt. Die Staatsanwaltschaft hat Andreas B., damals als Zollbeamter zuständig für die Sicherstellung von Drogengeld (sogenannte Vermögensabschöpfung), und Askin Y. wegen schweren Diebstahls angeklagt.

Im Auftrag von Andreas B. soll Askin Y. aus dem Gebäude des Zollfahndungsamts am Bargkoppelweg den mit 130.000 Euro gefüllten Tresor gestohlen haben. Während Askin Y. behauptet, er sei von dem 57-Jährigen „verleitet worden“, bezichtigt B. wiederum Askin Y.: Der wolle mit den Anschuldigungen einen Keil zwischen ihn und seine Tochter treiben. Der Fall ist komplex. Und familiär gesehen dramatisch.

Askin Y. brach während eines Fußball-WM-Spiels ein

Zunächst Askin Y. Ein dicklicher Mann mit lichten Haaren, geschieden, Vater von drei Kindern, seit 2014 Vater eines gemeinsamen Kindes mit der Tochter von Andreas B. Er sei dreimal von seinem Schwiegervater angesprochen worden, ob er nicht „einen Südländer“ kenne, der für ihn in das Gebäude einbrechen wolle.

Schließlich, auch weil 18.000 Euro Schulden drückten, habe er eingewilligt, die Sache selbst durchzuziehen. Der Bruch sei ein Kinderspiel, habe ihm B. versichert, das Gebäude kaum gesichert. Die Räume? Unverschlossen. Und am Tag des Einbruchs werde ohnehin kein Beamter dort sein, denn dann spiele Deutschland bei der Fußball-WM gegen Ghana.

Am 21. Juni schlug Askin Y. im ersten Stock ein Fenster ein, durchwühlte Räume und trat eine Tür ein – wohl um den Eindruck zu erwecken, dass mehrere Täter ungezielt vorgingen. Im Büro von Andreas B. riss er den nur in einer Rigips-Wand verankerten Tresor heraus, warf ihn durchs Fenster, lud ihn in sein Auto, rief B. an und meldete Vollzug: „Das Paket ist gepackt.“

Am Treffpunkt in Barmbek habe B. dann mit dem Code den Tresor geöffnet, und er habe seinen Anteil erhalten: 30.000 Euro. Dabei erspähte Y. womöglich den Code, zumindest konnte er sich Monate später bei der polizeilichen Vernehmung daran erinnern – was ihm jetzt im Gerichtssaal nicht gelingt.

Freundin zeigte Askin Y. an

Mit ausdrucksloser Miene sitzt Andreas B. neben ihm. Ein juveniler Typ mit Pferdeschwanz, Ohrring, Kinnbart und Lederjacke. Dem 57-Jährigen, längst seines Amtes enthoben, sitzen Vertreter des Zollkriminalamtes gegenüber: Die Behörde will sich das Geld von den Angeklagten zurückholen.

Er sei ein angesehener, gewissenhafter Beamter, so B. „Ich riskiere doch nicht meinen Beruf für läppische 100.000 Euro.“ Er habe aber den Fehler begangen, zu offen über die Sicherheitsstandards zu sprechen. Auch da müsse Y. wohl etwas aufgeschnappt haben.

Schließlich die Tochter von An­dreas B., die einzige Zeugin am Mittwoch. Nach der Tat hatte sich Askin Y. nach Italien abgesetzt, wo er die Beute teils „verhurt und versoffen“ haben will. Am Telefon offenbarte er sich seiner Freundin. Sie zeigte ihn an. Zurück in Deutschland wurde Askin Y. verhaftet. Inzwischen hat sie dem Mann, der sie mit der neugeborenen Tochter sitzen ließ, verziehen – ihrem Vater nicht. Von dessen Versuchen, Askin Y. als Handlanger zu gewinnen, habe ihr Y. lange vor dem Einbruch berichtet.