Hamburg

Musikalischer Ausnahmezustand beim Elbjazz-Festival

Die US-amerikanische Jazz-Sängerin Dee Dee Bridgewater

Die US-amerikanische Jazz-Sängerin Dee Dee Bridgewater

Foto: Markus Scholz / dpa

Beim Elbjazz treffen sich auch Zuschauer, die das Genre sonst eher ignorieren, um gemeinsam tollen Konzerten zuzuhören.

Hamburg. Wir leben in einer Stadt, in der unwahrscheinlich vielen Leuten der Jazz herzlich egal ist. Wie kommt es dann, dass an zwei Tagen im Jahr auch unwahrscheinlich viele dieser Leute zu einem Festival pilgern, das sich ausdrücklich dem Jazz widmet? Sicher, Elbjazz, die am Freitag und Sonnabend zum sechsten Mal in Hamburg verabreichte Riesenpackung an improvisierter Musik aller Spielarten und Güteklassen, ist zu einem Volksfest geworden. Dass dieses Fest inzwischen hauptsächlich an einem Kraftort der Wertschöpfung und Identifikation der Stadt gefeiert wird, der die übrigen 363 Tage im Jahr dem Blick der Öffentlichkeit streng verborgen bleibt, trägt beträchtlich zu seiner Attraktivität bei.

Das Werksgelände von Blohm + Voss ist so etwas wie Hamburgs Verbotene Stadt; zum Elbjazz (diesmal auch zur Echo-Jazz-Gala tags zuvor) öffnen sich ihre Pforten, und sie gibt, wenn schon nicht ihre Geheimnisse, so doch ihre enorme, von bulligen Kränen interpunktierte Weitläufigkeit preis. Hier wird die Stadt sich ihrer selbst bewusst.

Und ausgerechnet hier zog für ein kurzes Wochenende das Flair einer alternativen Kirmes mit Musik ein. Aus fantasievoll gestalteten Wagen verkauften unkonventionelle Nahrungsmittelversorger ihre Speisen. Bei diesem sonderbar unwirklichen Fest der kulturellen Unterschiedseinebnung sah man Menschen, die sonst allenfalls hanseatisch blau tragen, mit knalltürkiser Stofftasche, auf der ein pinker Elbjazz-Schriftzug prangt. In diesem Partyaufzug fotografierten sie sich gegenseitig vor der Hafenkulisse. Viele hielten ihre aus Karton zusammengefalteten Outdoor-Sitzhocker mit aufgedruckter Autowerbung fest wie einen Schatz, nicht nur gegen den strammen Wind, sondern auch in der Halle. Dort legten sie zusätzlich ihre Jacke auf einen Stuhl, Achtung, reserviert!, wie am Hotelpool auf Mallorca. Zum Elbjazz gehen, das ist schon sehr Mainstream. Und verrückterweise trotzdem cool.

Doch das mit dem Volksfest ist keinesfalls die ganze Wahrheit. Denn viele dieser unwahrscheinlich vielen Leute, denen der Jazz sonst so herzlich egal ist, hörten sich beim Elbjazz sehr aufmerksam auch Musik an, die man mindestens sperrig nennen kann.

Da stand man dann in der mit vielleicht 1400 Menschen an ihre Einlassgrenze geratenen Maschinenbauhalle von Blohm + Voss, hörte das grandiose Quartett des Klarinettisten Rolf Kühn und kam aus dem Stauen nicht heraus. Was für eine kompromisslos intelligente, erregende Auseinandersetzung mit Form und Freiheit, mit Struktur und Klang fand da zwischen dem 85 Jahre alten Bandleader und seinen Mitstreitern an Bass, Gitarre und Schlagzeug statt! Alter zählte plötzlich überhaupt nicht und gemeinsamer Wagemut und gemeinsames Wollen und Können alles. Und Menschen, von denen man sonst kaum jemanden je in einem Jazzkonzert in Hamburg zu Gesicht bekommen zu haben meint, saßen gebannt da und schienen genau zu verstehen, dass sich da vorn unerhört Gutes ereignet.

La Brass Banda fand sich deplatziert, riss die Leute aber trotzdem mit

Die Umo-Bigband aus Finnland dagegen, die die quirlige Scat-Meisterin Dee Dee Bridgewater bei ihrem New-Orleans-Programm begleitete, rächte sich für den Umstand, dass die Soli alle deren mitgebrachter Trompeter Irvin Mayfield blasen durfte, mit ausgeprägt langweiliger Phrasierung. Der als Songsensation annoncierte Brasilianer Ed Motta brachte Arrangements aus der Mottenkiste der 70er-Jahre, die lustigen bayerischen Punkpartylöwen La Brass Banda fanden selbst, dass sie auf einem Jazzfestival eigentlich etwas deplatziert sind, rissen die Leute aber trotzdem mit. Auch was Erlend Oye beim Elbjazz verloren haben könnte, erschloss sich angesichts seiner komplett jazzfreien Darbietung nicht. Und dass die junge norddeutsche philharmonie bei Wolf Kerscheks „Symphonic Jazz“ in der Riesenhalle nahezu unverstärkt spielen musste, während seine vorzüglichen Jazz-Solisten nah am Mikrofon spielten, führte die Intentionen des Komponisten ad absurdum.

Doch egal, wie top oder mittelmäßig die bestens besuchten Konzerte bei dem mit deutscher Präzision durchgetakteten Festival künstlerisch auch waren: Eine Frage bohrt seit dem Elbjazz-Wochenende wie ein Holzbock im Kopf herum. Wo sind all die Menschen, wenn in der Stadt übers Jahr irgendwo Jazz gespielt wird? Vielleicht ist Hamburg längst die Musikstadt, von der wir dachten, dass sie es erst noch werden müsste, und spart sich die Demonstration dieses Wissens nur für besondere Gelegenheiten wie diese auf.