Betreuung

Hamburger Kita-Krise hilft der Aktion Kinderparadies

Gisela Zerbe, ausgebildete Erzieherin, betreut seit über 20 Jahren Kinder auf dem Spielplatz Ordulfstraße in Niendorf

Gisela Zerbe, ausgebildete Erzieherin, betreut seit über 20 Jahren Kinder auf dem Spielplatz Ordulfstraße in Niendorf

Foto: Aktion Kinderparadies

Der Verein betreut Jungen und Mädchen auf Spielplätzen in Hamburg und will mit Naturpädagogik neue Wege gehen.

Hamburg. Viele Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen, hat die Aktion Kinderparadies e. V. nicht. Aber derzeit erinnern sich doch wieder etliche Eltern, die vom Streik der städtischen Kitas betroffen sind, an die betreuten Spielplätze, die es in allen Bezirken gibt. „Wir leben von Mund-zu-Mund-Propaganda. Es kommt vor, dass wir voll belegt sind“, sagt Elisabeth Wierich, Geschäftsführerin und pädagogische Leiterin des gemeinnützigen Vereins, der seit 1952 aktiv ist.

Sie gibt aber zu bedenken, dass die Spielplätze gerade für kleine Kinder keine Lösung ist, die von heute auf morgen funktioniert. „Auch bei uns brauchen sie eine Eingewöhnung.“ Bei älteren Kindern sei die kürzer als bei den Krippenkindern. Und auch wenn die betreuten Spielplätze im Augenblick vom Streik der städtischen Kitas profitieren, stellt Wierich klar: „Wir erklären uns ausdrücklich mit den streikenden Pädagogen solidarisch.“

Das Prinzip der betreuten Spielplätze ist einfach: Eltern können ihre Kinder auf den Spielplätzen betreuen lassen, pro Stunde zahlen sie dafür 1,50 Euro. Die ehrenamtlichen Betreuerinnen haben nach Angaben von Wierich meist pädagogische Qualifikationen als Tagesmütter, Erzieherin oder sozialpädagogische Assistentin und werden regelmäßig fortgebildet. Sie erhalten für ihre Tätigkeit lediglich eine Aufwandsentschädigung.

Seit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz hat sich die Arbeit des Vereins deutlich gewandelt. „Das ehemalige Kerngeschäft, die Betreuung der Drei- bis Sechsjährigen, ist ganz weggefallen“, sagt Wierich. Denn diese Kinder besuchen in der Mehrzahl eine Kita. Inzwischen sind die Kinder auf den betreuten Spielplätzen üblicherweise zwischen eineinhalb und drei Jahre alt.

Durch den massiven Ausbau an Krippenplätzen hat der Verein aber deutliche Einbußen hinnehmen müssen. Nach Angaben von Wierich, die seit 24 Jahren als einzige Festangestellte für die Aktion Kinderparadies arbeitet – wenn auch in Teilzeit –, gab es 2009 noch 38 betreute Spielplätze, inzwischen sind es nur noch 18, wobei vor allem jene in Altona und Winterhude stark frequentiert sind. Etwa 120 Kinder werden insgesamt pro Tag betreut, in Hochphasen waren es nach Angaben der Geschäftsführerin bis zu 1000 pro Tag.

Die Stadt fördert den Verein, der jedes Jahr 90.000 bis 100.000 Euro an Ausgaben hat, mit 70.000 Euro. Mit Sponsorengeldern, Spenden und Mitgliedsbeiträgen versucht Wierich, von Jahr zu Jahr über die Runden zu kommen. „Unsere Idee lebt“, sagt sie. „Wir setzen uns weiter für alle Eltern in Hamburg ein, die in den ersten zwei Lebensjahren ihres Kindes eine Unterstützung und Alternative zu den bekannten Einrichtungen suchen. Darüber hinaus sind bei uns alle Familien willkommen, die schon ältere Kinder haben und auf einen Kitaplatz warten oder eine kurzfristige Betreuung für ihr Kind suchen.“

Weil sich viele Eltern Naturkindergärten wünschten, möchte der Verein künftig neue Wege gehen und ein zusätzliches Angebot schaffen. Wierich erklärt ihre Vision. „Wir würden gern unser Konzept der ,Stadtkinder im Grünen‘ mit professionellen Pädagogen und Naturpädagogen realisieren.“ Besonders die waldnahen Plätze würden sich anbieten, dafür seien auch nur wenige bauliche Veränderungen der bestehenden Spiel- und Wetterschutzhäuser nötig. Denn schon jetzt ist das Konzept, dass die Kinder draußen spielen und nur zum Aufwärmen auch mal ins Haus gehen – oder weil eine Windel gewechselt werden muss. Nach Angaben von Wierich liegen diese Konzepte in den Bezirken Wandsbek und Nord vor und werden dort geprüft – seit zwei Jahren. „Uns würde eine klare Aussage genügen“, sagt Wierich. Um planen zu können.

Dann könnten Eltern für das Angebot auch einen Kita-Gutschein beantragen. Denn während die fünfstündige Betreuung plus Essen in einer Kita für Eltern kostenfrei ist, müssen die „Kunden“ der Aktion Kinderparadies für jede Stunde bezahlen. Wierich würde ihren ehrenamtlichen Betreuern auch gern eine feste Aufwandsentschädigung von zehn Euro pro Stunde bezahlen, doch ohne zusätzliche Hilfe der Stadt geht das nicht.

„Die Betreuung auf Spielplätzen durch die Aktion Kinderparadies (AKip) ist ein besonderes Angebot der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und nicht Teil des Kita-Gutscheinsystems“, sagt Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde. Die Vorteile dieses Angebots für die Eltern lägen darin, dass die Betreuung kurzfristig und ohne Bewilligungsverfahren genutzt werden könne, kein Betreuungsvertrag mit Bindungen und Kündigungsfristen abzuschließen sei und die Familien innerhalb der Öffnungszeiten frei wählen könnten, wann ihr Kind wie lange auf welchem Kinderspielplatz betreut werden kann. Die Behörde könne die Zuwendungsmittel nicht weiter erhöhen, ohne Einsparungen bei anderen, ebenso förderungswürdigen Angeboten vorzunehmen, so Schweitzer weiter.

Elisabeth Wierich will trotzdem nicht aufgeben: „Die Aktion Kinderparadies liegt als Schatztruhe in den Händen der Stadt. Diese braucht die Truhe nur zu öffnen.“