Interview

Vattenfall-Vorstand: „Die Energiewende hat kein Konzept“

Gunnar Groebler ist im Vorstand von Vattenfall für den Bereich erneuerbare Energien zuständig. Sein Ressort ist in Hamburg angesiedelt

Gunnar Groebler ist im Vorstand von Vattenfall für den Bereich erneuerbare Energien zuständig. Sein Ressort ist in Hamburg angesiedelt

Foto: Michael Rauhe

Gunnar Groebler spricht über die Ertragslage des Kohlekraftwerks Moorburg, die Zukunft der Windkraft und den Standort Hamburg.

Hamburg.  Der staatliche schwedische Energiekonzern Vattenfall, das führende Versorgungsunternehmen in Norddeutschland, steht vor großen Veränderungen: Seine ostdeutschen Braunkohletagebaue und -kraftwerke will Vattenfall bis zum Jahresende verkaufen. Das internationale Geschäft mit der Windkraft wiederum wurde in einem neuen Vorstandsressort mit Sitz in Hamburg zum 1. April deutlich aufgewertet. Das Abendblatt sprach mit dem langjährigen Vattenfall-Manager Gunnar Groebler, 43, der nun Vorstand für die Windkraftsparte im Konzern ist, über die Energiewende in Deutschland, die Neuausrichtung seines Unternehmens und über Hamburgs Bedeutung für die Windenergie.

Hamburger Abendblatt: Herr Groebler, welches erste wichtige Ziel haben Sie sich als neues Mitglied des Vattenfall-Vorstands gesetzt?

Gunnar Groebler: Die Energiewirtschaft insgesamt steckt mitten in einer großen Transformation, auch Vattenfall selbst. Mich freut, dass die Windkraft durch die neue Geschäftsstruktur im Kern von Vattenfall angekommen ist. Sie ist zweifellos das Wachstumsfeld für den Konzern. Wir rücken in den strategischen Fokus des Unternehmens. Dazu möchte ich beitragen.

Welche Rolle spielt Ihr neues Ressort für das Geschäft mit der Windkraft?

Groebler: Mit der Zusammenführung der bisher getrennten Windkraftsparten für Skandinavien und Kontinentaleuropa haben wir jetzt eine schlagkräftige Mannschaft von 550 Mitarbeitern und insgesamt 1800 Megawatt installierter Windkraftleistung. Weitere 1000 Megawatt Leistung sind im Bau. Damit können wir etwas bewegen und profitabel wachsen. Das ist das vorrangige Ziel.

Der E.on-Konzern, einer Ihrer wichtigsten Konkurrenten, wird aufgeteilt in ein Unternehmen für klassische Technologien wie Kohle- und Atomkraft und ein weiteres für erneuerbare Energien und die Energiewende. Das eine steht für Gegenwart und Vergangenheit, das andere für Gegenwart und Zukunft. Sind Sie und Ihre Mannschaft die Zukunft für Vattenfall?

Groebler: Ganz klar ist die Windkraft eines der zentralen Zukunftsfelder für Vattenfall. Unser Unternehmen wird die Transformation am Energiemarkt aktiv mitgestalten, und dazu gehört die Windkraft.

Was macht Ihnen Sorgen bei der Energiewende? Bis hin zur Bundeskanzlerin gibt es derzeit viel Skepsis, ob das Großprojekt in der richtigen Bahn und Geschwindigkeit verläuft.

Groebler: Die Energiewende in Deutschland hat kein Konzept aus einem Guss. An verschiedenen Stellen werden die Dinge in guter Absicht vorangebracht, aber es fehlt das verbindende Element. Der Netzausbau ist dafür ein wichtiges Beispiel. Und es spielen sehr viele Partikularinteressen eine Rolle, die einer volkswirtschaftlich optimalen Energiewende im Weg stehen. Mit der Debatte um die künftige Nutzung der Kohlekraft ist die Energiewende im Zentrum unserer Wirtschaft angekommen – auch mit Blick auf sehr viele Arbeitsplätze, die an Kohlekraftwerken und der Kohleförderung in Deutschland immer noch hängen. Die Konflikte um die Energiewende sind lösbar, aber wir müssen auch den Mut haben, auszusprechen, dass manches einfach mehr Zeit braucht.

Das kürzlich gestartete Vattenfall-Kohlekraftwerk Moorburg steht stellvertretend für den Konflikt zwischen erneuerbaren und konventionellen Energietechnologien. Schon vor dem Start musste Ihr Unternehmen rund eine Milliarde Euro auf das Kraftwerk abschreiben. Wie soll Moorburg, angesichts eines hohen Aufkommens an Windstrom im Norden, je erfolgreich arbeiten?

Groebler: Moorburg wurde seit Mitte der 2000er-Jahre in einem komplett anderen Energiemarkt geplant und realisiert. Trotz der nun veränderten Bedingungen braucht Hamburg mit seinem sehr großen Strombedarf einen Stabilisator wie Moorburg. Richtig ist aber auch: Für alle Kohlekraftwerke dieser Art ist der Markt wegen des Vorrangs der erneuerbaren Energien im Netz sehr schwierig geworden. Wir sind trotzdem sicher, dass wir Moorburg sinnvoll betreiben können. Aber ein Selbstläufer, wie in den alten Zeiten am Energiemarkt, ist das Kraftwerk nicht.

Ihr neues Vorstandsressort für die Windkraft bei Vattenfall ist in Hamburg angesiedelt. Was bedeutet dieses Signal für den Standort?

Groebler: Unser Geschäft umfasst fünf Länder. Hamburg ist eines der europäischen Zentren für die Windkraft. Hier haben Hersteller von Windturbinen ihre Zentralen, es gibt ein großes Netzwerk von Windkraft-Zulieferern und natürlich eine bedeutende maritime Wirtschaft, die wichtig für die Offshore-Windkraft ist. Deshalb bietet sich der Standort für den Auf- und Ausbau unserer neuen Sparte an.

Wann werden die erneuerbaren Energien voll wettbewerbsfähig und nicht mehr auf Subventionen aus den Umlagen der Stromverbraucher angewiesen sein?

Groebler: Die Gesellschaft erwartet – völlig zu Recht –, dass wir aus der Förderung der erneuerbaren Energien herauskommen. Die Vergütungen, die es heute gibt, können nur eine Anschubfinanzierung sein, aber nie ein Dauerzustand werden. Künftige Regelungen – wie womöglich Ausschreibungsmodelle, bei denen die Anbieter mit den geringsten Kosten den Zuschlag für ein Projekt erhalten – können sicher dazu beitragen, die Kosten deutlich zu senken. Entscheidend wird aber vor allem der Beitrag sein, den alle beteiligten Unternehmen dabei leisten.