Nacht der Konsulate

Einmal um die Welt – 31 Konsulate in einer Nacht

Der argentinische Generalkonsul, Manuel Angel Fernández Salorio,  in seinem Büro in Hamurg

Der argentinische Generalkonsul, Manuel Angel Fernández Salorio, in seinem Büro in Hamurg

Foto: Roland Magunia

Die Konsuln spazieren von einem Cocktail-Empfang zum nächsten? Von wegen. Besucher erfahren bei der "Langen Nacht der Konsulate" mehr.

Der Mann trägt seine Handschellen wie eine Trophäe vor sich her, als er in Begleitung eines Polizisten das Generalkonsulat betritt. Man darf nicht verraten, was er angestellt hat, aber sein Problem wird in dieser Sekunde zum Fall für Mehmet Fatih Ak. Der Job des Generalkonsuls der Türkei besteht darin, sich um seine Landsleute zu kümmern. 300 bis 400 Türken kommen jeden Tag in die Vertretung ihres Landes in die Tesdorpfstraße 18, zum Glück äußerst selten in Handschellen, aber rund geht es hier dennoch.

Das vierstöckige Gebäude scheint aus allen Nähten zu platzen. Menschen laufen die knarrenden Treppen hoch und runter, telefonieren, beruhigen ihre Kinder – und alle wollen etwas: Ein Visum, einen Pass, die doppelte Staatsbürgerschaft, sich vom Militärdienst befreien lassen, einen Angehörigen finden und, und, und. „Friede zu Hause, Friede in der Welt“ steht auf Türkisch an der Wand hinter Schalter 10, wo gerade zwei Damen auf die Sachbearbeiterin einreden.

Mehmet Fatih Ak wirkt wie das Auge eines Hurrikans. Da, wo er geht und steht, kehrt Ruhe ein. Bauarbeiter tragen riesige Zelte an dem 43-Jährigen vorbei. Sie werden im Garten aufgestellt für die Wahlen zum türkischen Parlament, die bald stattfinden. 83.600 Exil-Türken könnten theoretisch ihre Stimme im Hamburger Generalkonsulat abgeben; Fatih Ak kann eigentlich nur hoffen, dass sie nicht alle erscheinen.

Grillende Deutsche, erkrankte Touristen, Heimatlose ohne Dach über dem Kopf

Die Lage wird sich entspannen, wenn das Generalkonsulat nächstes Jahr umzieht in die Weidestraße, dort gibt es wesentlich mehr Platz. „Eines meiner Ziele in Hamburg ist, den Service für unsere Landsleute zu verbessern, die langen Wartezeiten zu verringern und so eine bessere Atmosphäre zu schaffen“, sagt Fatih Ak. Sein zweites Ziel wird wahrscheinlich weniger leicht umzusetzen sein. „Der Blick der Deutschen nach Osten scheint oft ein pessimistischer zu sein“, sagt er und erklärt seinen Eindruck, dass gelegentlich mit zweierelei Maß gemessen würde, anhand der Demonstrationen am 1. Mai. „Die Steine werfenden Demonstranten in Hamburg werden als ‚Vandalen‘ bezeichnet, die in Istanbul hingegen als ‚Kämpfer für die Freiheit‘.“

Die Lange Nacht der Konsulate am 21. Mai sieht er als Chance für die unterschiedlichen Kulturen, aufeinander zuzugehen, bei türkischen Süßigkeiten über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu sprechen, über Dinge, die man voneinander lernen könne. „Die Deutschen sind tolle Teamplayer und so effektiv. Bei uns will jeder der Chef sein. Dafür wissen wir etwas besser, wie man das Leben genießt“, sagt der Generalkonsul. Aber er bemerkt auch Widersprüchliches: „Ich amüsiere mich über das relaxte Parkverhalten hier. Die Deutschen befolgen jede Regel, aber ihr Auto stellen sie an die verbotensten Orte.“

Seit 1844 hat die Türkei bereits eine Vertretung in Hamburg, einem der größten Konsular-Standorte Europas und der Welt. Begründet wurde diese Tradition 1570 mit den Österreichern, die das erste Konsulat in Hamburg eröffneten. Heute gibt es hier 98 konsularische Vertretungen, neben der Türkei zählen China, Iran, Russland, Ägypten und Polen zu den größten. Alle fünf Kontinente sind vertreten. Doyen des Konsularischen Korps ist gegenwärtig Generalkonsul Manuel Fernández Salorio aus Argentinien. Seit fast sechs Jahren lebt der Diplomat nun bereits in der Stadt. Von seinem Büro aus hat er einen der schönsten Blicke Hamburgs: Er schaut direkt auf das Rathaus. Hinter seinem Schreibtisch stehen Modelle von Airbussen und Hamburg Süd Container-Schiffen. Die Kontaktpflege zur Wirtschaft steht ganz oben auf der To- do-Liste eines Konsuls, ebenso wie repräsentative Aufgaben. „Aber mein Job besteht keineswegs nur aus fröhlichen Angelegenheiten“, sagt Salorio. „Wir treffen viele Leute aus allen Lebensbereichen.“ So fuhr er ins Krankenhaus, als eine Touristin erkrankte, er kümmerte sich um die aus Buenos Aires angereiste Mutter eines Argentiniers, der hier beim Joggen kollabiert und gestorben war, er begleitete einen deutsch-argentinischen Obdachlosen zu Hilfseinrichtungen wie das Pik As.

Alles, was überhaupt im Leben passieren kann, wird in einem Konsulat geschehen

Wer bürokratisches, langweiliges Abstempeln hinter den polierten Messingschildern der Konsulate erwartet, wird überrascht sein von den Dramen, die sich hier ereignen. „Alles, was im Leben überhaupt passieren kann, wird in einem Konsulat geschehen“, sagt Salorio. Also auch alles Schöne. Der Generalkonsul zeigt die Bilder eines kleinen Jungen, der die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen möchte. Es zeigt ein Haus, das zwischen zwei Ländern steht, auf denen einmal die argentinische, einmal die deutsche Fahne weht. Der 64-Jährige hat selbst vier Enkelkinder, zwei in Deutschland, zwei in Argentinien. Er pendelt zwischen den Welten, die seiner Meinung nach noch mehr Toleranz benötigen. Deshalb sei eine Öffnung der Konsulate einmal im Jahr für die Öffentlichkeit wichtig, um Leute zu erreichen, die sonst nichts von einem erfahren würden. „Wir sind nicht alle gleich, unsere Unterschiede müssen wir kennen, um sie akzeptieren zu können“, sagt Salorio.

Wie ungleich wir sind, erkennt man schnell, wenn man das klitzekleine Büro für Pass- und Visa-Angelegenheiten des finnischen Honoralkonsu-lats sucht. Es befindet sich in der finnischen Seemannskirche im Portugiesen-Viertel, in der Besucher von Papagei Tskei begrüßt werden. „Terve!“, krächzt der bunte Vogel, der bei guter Laune angeblich Kirchenlieder singt.

Die Seemannskirche hat einige Überraschungen parat: Einen Kiosk, in dem man Rentierfleisch und das finnische Bier Lapin Kulta kaufen kann, ein paar Übernachtungsmöglichkeiten, eine Sprachschule für Kinder, einen Kamin, eine Tischtennisplatte und zwei Saunen, die jeder für acht Euro den Abend mieten kann. Nach der Messe eine Runde Schwitzen und mit dem Dosenbier in der Hand seinen Pass erneuern lassen – hier wird es möglich. „Verrückt? Vielleicht, aber mir ist dieser Ort sehr ans Herz gewachsen“, sagt Hans-Christoph Stadel, finnischer Honorarkonsul. Honorarkonsulate unterscheiden sich von Berufskonsulaten durch die Tatsache, dass die Leiterinnen nicht aus dem diplomatischen Dienst der Entsendestaaten kommen, sprich: Sie werden von niemandem bezahlt. Meistens zahlen sie sogar drauf. Wenn Stadel ein Konzert in der Kirche, einen Fin-Tango-Abend oder eine Feier zum Nationalfeiertag organisiert, dann geschieht das aus seiner Kasse. Doch der Gründungspartner der MCF Corporate Finance GmbH sieht seinen Einsatz auch als Investment in sein Business. Wer mit Finnen Geschäfte macht, muss das Schweigen beherrschen und sollte sich nicht genieren, halbnackt mit Kollegen auf der Saunabank zu hocken.

Was Stadel vor seiner Berufung unterschätzte, war der zeitliche Aufwand, der mit dem Posten verbunden ist. Gerade im November, wenn Tonnen von Produkten für den Weihnachtsbasar angeliefert werden, gibt es Abende, an denen Stadel sehr spät nach Hause kommt. Ruft dann auch noch eine Polizeiwache an, weil ein Finne betrunken im Puff randaliert hat, fragt Stadel sich schon, wozu die Ehre? Weil es eben auch Spaß macht, sich in diesem riesigen Netzwerk zu bewegen.

Denn neben dem 55-Jährigen, der sich selbst als „Young Kid on the Konsul-Block“ bezeichnet, kommen bei den regelmäßigen Treffen des Konsularkorps im Anglo-German Club unschätzbare Erfahrungen im Handel und mit der globalisierten Welt zusammen. Teekaufmann Olav C. Ellerbrock übt sein Amt als Honorarkonsul von Sri Lanka zum Beispiel seit mehr als 40 Jahren aus.

Es gibt verschiedene Cliquen innerhalb des Korps, das zurzeit sehr aktiv ist, was viele Mitglieder Staatsrat Wolfgang Schmidt zuschreiben. Er kümmert sich um zahlreiche gemeinsame Veranstaltungen und den Kontakt zu Politik, und er war es auch, der sich die Lange Nacht der Konsulate vor vier Jahren ausdachte: „Wir haben diese verborgenen Schätze, diese Perlen, die müssen wir doch zumindest einmal im Jahr den Hamburgern präsentieren.“

Zum einen, um den Hamburgern einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen. Zum anderen, um Standortsicherung zu betreiben bzw. die Konsulate möglichst eng an die Stadt zu
binden. „Die Anzahl der Ländervertretungen drückt auch die Internationalität einer Stadt aus“, sagt Schmidt. Gerade bei anstehenden Projekten wie der Olympiabewerbung spielt die internationale Bekanntheit eine große Rolle. Umso wichtiger also, dass die Japaner ihr Konsulat nun zu einem Generalkonsulat hochstufen und die Franzosen am Standort festhalten, obwohl sie zwischenzeitlich über eine Schließung nachgedacht hatten.

Modenschau in Mexiko, Fotoshooting in Korea, Tanzen in Indonesien

Die Programme, die die einzelnen Konsulate sich für den 21. Mai ausgedacht haben, sind sehr unterschiedlich. In Italien wandelt der Besucher auf Dantes Spuren, in der Mongolei begibt er sich in eine Jurte, in Mexiko sieht er eine Modenschau, in Korea nimmt er am Fotoshooting teil, im Iran kostet er persische Spezialitäten und Indonesien bittet zum Tanz. Sylvia Arifin, Generalkonsulin der Republik Indonesien, wird ein traditionelles Gewand tragen und den Besuchern die Gamelan-Musik erklären.

Wer an dem Abend keine Zeit hat, kann übrigens jederzeit sonst kommen. Das Generalkonsulat in der Bebelallee 15 bietet mehrmals pro Woche kostenfreie Tanz- und Sprachkurse an, nicht nur für die 3400 Indonesier, die in Norddeutschland leben.

Sylvia Arifin arbeitet erst seit Oktober 2014 in Hamburg, scheint aber jetzt schon restlos begeistert: „Die Leute hier sind so dynamisch und hilfsbereit. Meine Mittagspause verbringe ich immer um die Ecke im Haynspark, und das Wichtigste habe ich als Neu-Hamburgerin schnell gelernt: Immer eine Jacke dabei haben, denn die Stadt kennt vier Jahreszeiten an einem einzigen Tag.“