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Hermann-Hesse-Schatz auf Dachboden entdeckt

Hermann Hesse Koffer Fundstücke

Hermann Hesse Koffer Fundstücke

Foto: Marc Autenrieth

Auktionshaus versteigert jetzt die Aquarelle und Briefe aus dem Nachlass des Harburger Lehrers. Ein Märchen soll 15.000 Euro wert sein.

Neustadt. Die Enkelin des Harburger Studienrates Walter Schadow (1884-1970) hat auf ihrem Dachboden einen sensationellen Fund gemacht: Sie öffnete den verstaubten, bislang kaum beachteten Lederkoffer ihres verstorbenen Großvaters und entdeckte darin Originalzeichnungen und Briefe des Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877-1962).

Darunter war neben 50 persönlichen Briefen das Originalmanuskript des Hesse-Märchens „Piktors Verwandlungen“ – eine fantasiereiche, fröhliche Story über die Metamorphosen des Lebens. Unter der mit Blumen bekränzten handschriftlichen Widmung „Für Frau Nora Schadow“ ist das Werk liebevoll illustriert.

Die Schätze aus dem Lederkoffer kommen jetzt in Hamburg unter den Hammer. Das Auktionshaus Ketterer Kunst versteigert am Montag und Dienstag mehr als 60 Aquarelle, Postkarten, illustrierte Briefe und Privatdrucke aus der Schreib- und Malwerkstatt des Schriftstellers. Die Einzelstücke stammen allesamt aus dem Nachlass der Harburger Gymnasialdirektors Walter Schadow und seiner Frau Nora (1896-1979).

„Mit dieser außergewöhnlichen Trouvaille kommt eine ganz wunderbare Sammlung zum Aufruf“, sagt der Hamburger Ketterer-Kunstexperte Enno Nagel vom Auktionshaus für Wertvolle Bücher. Der Schätzpreis für „Piktors Verwandlungen“ liegt bei 15.000 Euro. Das Interesse an der Auktion sei groß, heißt es in der Branche. Die Nachfrage steige täglich. „Wir blicken daher optimistisch auf die Auktion und erwarten deutliche Steigerungen, die die Wertschätzung für die einzigartige Dokumentation im Schaffen Hermann Hesses unterstreichen“, sagt Nagel.

Walter Schadow hatte selbst einen berühmten Vorfahren

Hermann Hesse, der mit seinen Romanen „Steppenwolf“, „Siddharta“ und „Glasperlenspiel“ Weltruhm erlangte, hatte im Alter von 39 Jahren mit dem Malen begonnen. Es war sein Psychiater, der ihm während des Ersten Weltkrieges den Rat gab, seine Träume mit Pinsel und Zeichenstift zu verarbeiten. Seitdem war Hesse nicht nur einer schreibender, sondern – ähnlich wie Günter Grass – ein zeichnender und malender Künstler. Vor allem im Tessin, seit 1919 die neue Heimat, fand er seine Inspirationen. Wie der Stader Kunstexperte Sebastian Möllers sagt, entwickelte Hesse rasch eine Neigung zu Naturdarstellungen. Er malte Landschaften, aber auch Interieurs und arbeitete am liebsten im Freien.

Der Nobelpreisträger bekannte einmal: „Das Malen ist wunderschön, es macht einen froher und duldsamer. Man hat nachher nicht wie beim Schreiben schwarze Finger, sondern rote und blaue.“

Außerdem schrieb der Literat viele Briefe – von den 18.000 noch erhaltenen auch an Walter und Nora Schadow in Harburg. Weil Hesse Deutschland nach der „Machtergreifung“ der Nazis nicht mehr besuchte, stellten die Brieffreundschaften eine Brücke zur früheren Heimat dar. Wie die Freundschaft zwischen den beiden Norddeutschen und Hermann Hesse entstand, ist nicht genau bekannt. Doch sie dürften einander in ihren pazifistischen und humanistischen Anschauungen verbunden gewesen sein. Walter Schadow, der im Dritten Reich nicht mehr als Direktor des Gymnasiums Harburg arbeiten durfte, war übrigens ein Urenkel jenes Bildhauers Johann Gottfried Schadow, der die Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin entworfen hatte. Und seine Frau Nora malte selbst, trotz nachlassender Sehkraft. Weshalb Hermann Hesse sie in Briefen und Postkarten gelegentlich aufmunterte. Nach der NS-Zeit arbeitete Schadow als Schulleiter in Uetersen.

Bevor die Koffersammlung kommende Woche versteigert wird, war sie im vergangenen Jahr im Kunsthaus Stade zu sehen. Museumsdirektor Sebastian Möllers sagt, Hesses Bilder zeugten von einer sensiblen Wahrnehmen der Natur. Mit dem bildnerischen Schaffen sei es dem Schriftsteller gelungen, Schreibkrisen und Selbstzweifel zu überwinden. Versteigert werden nun unter anderem ein Original-Aquarell von 1959 zum Schätzpreis von 1000 Euro, aber auch Porträtfotos mit Signatur (ab 500 Euro).

Die bedeutenden Einzelstücke wie das Manuskript „Piktors Verwandlungen“ und die mit Aquarellen illustrierten Gedichte werden einzeln angeboten. „Die Sammlung mit mehr als 50 Briefen und Karten wird jedoch als eine Losnummer versteigert“, sagt Enno Nagel vom Ketterer-Auktionshaus für Wertvolle Bücher am Holstenwall 5 (Neustadt), einem der ältesten Handelsunternehmen der Stadt. Die Briefe kommen auf Wunsch der Schadow-Nachkommen unter den Hammer und sind eine Quelle für weitere Forschungen über Hermann Hesse.