Hamburg

Karriere-Chance für Kreative

Sind die Kakaomuster auf dem Caffè-Latte-Milchschaum Kunst, und steckt im Zubereiten von frischem Ingwer-Minze-Tee der Schlüssel zu einer besseren Welt? Mal ganz im Ernst: Sind wir wirklich schon so weit, diesen Blödsinn glauben zu wollen? Das sind so Fragen, die man sich angesichts von Job-Aushängen in Ottensen stellen kann. Die Gegend ums Mercado ist seit Jahren hip, sie wird seit Jahren immer teurer und beliebter. Nicht alle dort freut das, vorsichtig ausgedrückt.

U30-Rollkoffer-Touristen mit Schlumpfmützen oder Kaltmamselldutt sind jetzt tägliches Los, und wo früher türkische Gemüsehändler mit Gemüse handelten, gibt es heute abwechselnd Besserverdiener-Boutiquen, Billigfriseure und Heißgetränk-Anbieter, die mit leicht verrumpeltem Mobiliar und Hipster-Tapeten wohlige Heimeligkeit inszenieren. Es kann also kein Zufall sein, dass zwei konkurrierende Lokale an der Ottenser Hauptstraße, wenige Meter voneinander entfernt, Mitarbeiter suchen, die eines gemeinsam haben – ihre wichtigste Qualifikation: „Kreativ“ sollen sie sein. Ganz wichtig ist das. Nicht fleißig, nicht ehrlich, nicht gut gekämmt, nicht bestens ausgebildet. Bei der einen Adresse darf man – in dieser Reihenfolge – gern auch motiviert und zuverlässig sein, bei der anderen winkt, mit Ironie satt unterfüttert, die Berufsbezeichnung „Milchschaumdesigner“.

„Kreativ“ scheint, so gesehen, nur eine andere Formulierung für „schlecht bezahlt und leidensfähig“ zu sein. Denn das Aufbringen von Kakaomustern ist weder eine kreative, freudig auszuführende Tätigkeit, wie sie der Missbrauch dieses Wortes frohgemut suggeriert. In einer Stadt wie Hamburg, die immer betont, wie wichtig ihr die „Kreativwirtschaft“ ist, und damit etliche, sehr unterschiedliche Berufssparten meint, die alle mehr (oder weniger) was mit Medien anstellen, sind diese Stellenanzeigen entlarvend ehrlich und frustrierend unverblümt. Ihr Tonfall signalisiert unausgesprochen, dass es Gewinner gibt und Verlierer im Rennen um die tollsten Ideen. Schnell angelernte Barista-Imitate bedienen ihresgleichen.

Wer nicht mithält, findet sich, egal wie viele schicke Praktika und coole Auslandsaufenthalte er auch vorweisen kann, auf der Kakaomusterstreuer-Seite des Tresens wieder. Wer gewinnt, darf sich beim Ex-Agenturkollegen oder der Ex-Kommilitonin das Kakaomuster wünschen und sich beschweren, wenn die Sojamilch aus ist.