Neue Zeitschrift

Urbane Naturburschen sollen nun "Walden" lesen

| Lesedauer: 4 Minuten
Alexander Josefowicz
Die Köpfe hinter „Walden“ vor beinahe echter Naturkulisse: Markus Wolff (Redaktionsleitung), Harald Willenbrock (Redaktionsleitung), Dr. Christoph Kucklick (Herausgeber), Soheil Dastyari (Verlagsgeschäftsführer)

Die Köpfe hinter „Walden“ vor beinahe echter Naturkulisse: Markus Wolff (Redaktionsleitung), Harald Willenbrock (Redaktionsleitung), Dr. Christoph Kucklick (Herausgeber), Soheil Dastyari (Verlagsgeschäftsführer)

Foto: Gruner+Jahr GmbH & Co KG

„Walden“, ein Magazin von Gruner + Jahr, will Männer ins Grüne locken – zumindest für ein paar Stunden. Vorbild: Henry David Thoreau.

Hamburg. Der Großstädter von heute, er wünscht sich tief in seinem von Asphalt und Beton eingezwängten Herzen zurück zum romantischen, einfachen Leben in der Natur. Oder dem, was er dafür hält. Deswegen lässt er sich einen Vollbart stehen, trägt Karohemden und macht eine Paleo-Diät.

Was die Großstädterin tut, der eventuell ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, sei an dieser Stelle geflissentlich ignoriert. Denn das neue Magazin „Walden“, das heute erstmals erscheint, hat eine klar umrissene Zielgruppe: Männer.

Und weil wir alle Kumpels und große Jungs sind, duzt „Walden“ den Leser und geht Jungsfragen wie denen nach dem erfolgreichen Steineflitschen und beeindruckendsten Arschbombe nach; natürlich tragen auch die gezeichneten Männlein, die die korrekte Eintauchhaltung für „Schmale Katze“, „Offenes Brett“ und andere Freibad-Späßchen vormachen, Vollbart.

Für die „Hör mal, wer da hämmert“-Fraktion gibt es einen Erfahrungsbericht vom Kanu im Eigenbau und für den Teilzeit-Digitalverweigerer ein schmales Heftlein zum Mitnehmen, das über Naturphänomene im Wandel der Jahreszeiten wie trällernde Amseln und röhrende Hirsche aufklärt.

Texte, die niemandem wehtun

„Walden“, das ist ein hochpreisiges – 7,50 Euro ruft der Verlag Gruner + Jahr pro Exemplar der 100.000er-Startauflage auf – hochwertiges „conversation piece“, das sich auf dem Küchentisch der „irgendwas mit Medien“-WG auf der Schanze genauso gut macht wie im Stapel zwischen „Beef“ und „Flow“ im Wohnzimmer der gepflegten Vorortresidenz.

Gedruckt ist das Heft natürlich nicht auf glattem Hochglanz-, sondern auf rauhem Papier. Schließlich ist die Natur auch nicht glattgebügelt. Dazu gesellen sich hübsche Bilder, hübsche Zeichnungen, Texte, die niemandem wehtun und im Zweifelsfall das Männerherz erwärmen. Ob man als Leser wirklich auf Wanderschaft geht oder nicht, ist eigentlich egal.

Darum geht es auch gar nicht beim Magazin, das sich vom Titel über das Editorial bis zum „Field Guide“ auf Henry David Thoreau beruft, den amerikanischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der seine zweijährige Auszeit am Walden Pond in einer selbst gezimmerten Blockhütte in Utopieform goss und so zum Ahnherrn aller Alternativen wurde. Schon der trug einen Bart, was ihn vermutlich in den Augen der Redaktion umso sympathischer macht.

Immer mehr Zeitschriftenmacher schielen auf Spezialinteressen

Dass Thoreau die Erfahrungen, die zu „Walden oder Leben in den Wäldern“ führten, nicht etwa mitten in der Wildnis machte, sondern unweit der Ortschaft Concord, passt irgendwie ganz gut zum Magazin, das sich den Autor zum Vorbild genommen hat. Schließlich soll niemand zum Komplett-Ausstieg genötigt werden, sondern nur zur neuen Selbsterfahrung.

Das Ganze gemahnt ein wenig an die Männer-Selbsthilfegruppen und Urschrei-Therapiesitzungen, die vor gut zwei Jahrzehnten mal in Mode waren. Dazu passt dann auch der Artikel, der mit der bangen Frage „Wer hat sich im Laufe der Jahre nicht schon gefragt, warum Eulen keine Penisse haben?“ beginnt und sich auf mehreren Seiten mit unterschiedlichen Ausprägungen der primären Geschlechtsorgane quer durchs Tierreich beschäftigt – der männlichen, wohlgemerkt.

„Spitz ist das neue Breit“, ließ Soheil Dastyari, Verlagsgeschäftsführer bei Gruner + Jahr und ebenfalls irgendwie bei „Walden“ involviert, unlängst verlauten. Themen, die nicht auf die breite Masse, sondern auf die Spezialinteressen schielen, sollen es im Zeitschriftengeschäft richten. Ob die Rechnung im Fall „Walden“ aufgeht, bleibt abzuwarten. Eine zweite Ausgabe wird für den Herbst in Aussicht gestellt, „rechtzeitig zur Baumfäll- und Hüttenbausaison“, wie es in einer Verlagsmitteilung heißt. Wahrscheinlich kommt dann auch endlich der bislang schmerzlich vermisste Artikel über die richtige Pflege des Vollbarts.

Walden“ ist ab Freitag für 7,50 Euro im Zeitschriftenhandel erhältlich

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