Abendblatt-Interview

Senator will an Stadtteilschulen die Inklusion neu ordnen

| Lesedauer: 11 Minuten
Peter Ulrich Meyer, Insa Gall
Rückkehr in eine
vertraute Umgebung:
Schulsenator
Ties Rabe, der von
2006 bis 2011
Deutsch, Geschichte
und Religion
unterrichtete,in
einem Klassenraum
der Ilse-Löwenstein-Schule
in
BarmbekSüd

Rückkehr in eine vertraute Umgebung: Schulsenator Ties Rabe, der von 2006 bis 2011 Deutsch, Geschichte und Religion unterrichtete,in einem Klassenraum der Ilse-Löwenstein-Schule in BarmbekSüd

Foto: Roland Magunia

Schulsenator im Interview: Zahl der Lehrer an Stadtteilschulen künftig abhängig von genauer Zahl förderbedürftiger Kinder.

Hamburg.  Schulsenator Ties Rabe (SPD) wirkt entspannt, als er die Abendblatt-Reporter zum Interview begrüßt. Vielleicht gibt es derzeit nicht den ganz großen Konflikt in der Bildungspolitik, aber es brodelt doch an der einen oder anderen Stelle – etwa bei den Themen Inklusion oder Unterrichtsausfall – an den Schulen.

Hamburger Abendblatt: Herr Rabe, Sie müssen gut verhandelt haben mit den Grünen. „Beim Thema Schule sind wir im Vertrag nicht die grüne Sättigungsbeilage der SPD. Wir sind nicht mal der Salat, sondern höchstens die Petersilie“, sagt die Grünen-Schulpolitikerin Stefanie von Berg. Was ist da passiert?
Ties Rabe: Ich spare mir solche Begriffe für die Gartenarbeit und die Küche auf. Die Grünen wollten die Koalitionsgespräche mit einem Fachthema beginnen, bei dem man sich schnell einig würde. Sie haben sich für Schulpolitik entschieden, und wir waren uns konstruktiv schnell einig. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Das ist aber doch ein sehr klares Urteil, und Frau von Berg hat dem Koalitionsvertrag auch nicht zugestimmt.
Rabe: In demokratischen Parteien muss jeder seine Meinung einbringen, aber am Ende gilt der gemeinsame Beschluss. Ich habe mich mit Frau von Berg getroffen, und ich glaube, das wird eine gute Zusammenarbeit.

Viel ist für die Grünen ja nicht herausgekommen. Beispiel Inklusion: Die Grünen wollten einen Fonds mit 15 Millionen Euro auflegen, um flexibel beim Unterricht mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf reagieren zu können. Im Koalitionsvertrag ist nun nur von 120 zusätzlichen Stellen bis 2019 die Rede, von denen Sie die Hälfte auch schon im Wahlkampf angekündigt hatten.
Rabe: Alle Schulpolitiker – rote wie grüne – wünschen sich mehr Lehrer. Aber wir sind nicht allein auf der Welt. Jetzt regieren wir zusammen eine ganze Stadt und müssen uns fragen: Wo setzen wir Schwerpunkte? Die Schulen haben seit 2010 rund 1600 Lehrerstellen zusätzlich bekommen, mehr als jeder andere Bereich in Hamburg. Und deshalb wurde gemeinsam entschieden – gerade auch von den Grünen –, dass jetzt auch andere Bereiche drankommen, etwa Umwelt und Wissenschaft.

Wie wollen Sie die 120 Stellen für die Inklusion finanzieren?
Rabe: Die Koalitionsverhandlungen haben ergeben, dass wir einen Spielraum von 100 Millionen Euro für alles haben. Das muss man sich sorgfältig angucken. Wir werden sicherlich noch etwas Rückenwind aus der Finanzbehörde bekommen.

Das heißt: Sie finanzieren das nicht durch Umschichtung aus Ihrem Etat?
Rabe: Alle Behörden müssen weiter sparen, aber das sind 120 zusätzliche Stellen.

Kann es überhaupt bei der pauschalen Zuweisung von Lehrern für die Inklusion bleiben? Diese systemische Ressource geht von einem Anteil von vier Prozent Kindern mit Defiziten bei Lernen, Sprache oder emotionaler Entwicklung (LSE) aus, tatsächlich liegt er bei 6,6 Prozent.
Rabe: Deswegen gibt es ja auch 120 zusätzliche Lehrer. Alle Studien zeigen: In sozial benachteiligten Stadtteilen gibt es deutlich mehr förderbedürftige Kinder. Da kleine Kinder fast immer die Grundschule in ihrem Stadtteil besuchen, weisen wir den Grundschulen je nach sozialer Lage ihres Stadtteils unterschiedlich viele zusätzliche Lehrer für die Förderung zu. Das ist vernünftig und bleibt so. Bei den weiterführenden Schulen zeigt sich dagegen, dass viele Schüler ihren Stadtteil verlassen, um ihre Wunschschule zu besuchen. Der Stadtteil einer Stadtteilschule sagt nur noch wenig über ihre Schülerschaft aus. Daher haben SPD und Grüne vereinbart, die zusätzlichen Lehrer für die weiterführenden Schulen nach der genauen Zahl der jeweils angemeldeten förderbedürftigen Schüler zuzuweisen. Das ist zwar sehr viel komplizierter, aber genauer. SPD und Grüne haben vereinbart, in Zukunft die Zuweisung kindgenauer zu machen und nicht mehr pauschal nach Stadtteillage.

Das ist eine Abkehr von der systemischen Ressource, also der pauschalen Zuweisung zusätzlicher Stellen an die Schulen.
Rabe: Jein. Es bleibt dabei, dass wir den Schulen diese zusätzlichen Lehrkräfte zur freien Verfügung geben, das heißt, dass die Schulen diese Lehrkräfte je nach Bedarf einsetzen können. Neu aber ist, dass die Zahl der zusätzlichen Lehrkräfte nicht mehr von der sozialen Lage des Stadtteils abhängt, sondern von der genau ermittelten Zahl förderbedürftiger Kinder an der Schule, weil wir in Zukunft alle Kinder der Jahrgänge drei und vier einer sorgfältigen Prüfung unterziehen werden. Das kann in einem Jahr viel und im nächsten Jahr wenig sein. Für die allermeisten Schulen wird das neue Verfahren deutliche Verbesserungen bringen.

Was ist daran noch systemisch?
Rabe: Ein Beispiel: Eine Schule mit zehn förderbedürftigen Kindern bekommt fast einen Lehrer zusätzlich – pauschal. In welchem Umfang der Lehrer bei den einzelnen Kindern eingesetzt wird, entscheidet die Schule.

Ein ehrgeiziges Ziel der Koalition ist, den Anteil der Gymnasiallehrer an den Fachlehrern der Stadtteilschulen auf 50 Prozent zu erhöhen. Wie ist das zu schaffen?
Rabe: Wir müssen und wollen uns in Hamburg ordentlich anstrengen, um unsere Schülerinnen und Schüler für die kommenden bundeseinheitlichen Abschlussprüfungen fit zu machen, zum Beispiel für das erste bundeseinheitliche Abitur 2017, aber auch für die anderen Abschlüsse werden bundesweit einheitliche Standards eingeführt werden. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass Hamburgs Schüler im Bundesmaßstab richtig gute Leistungen bringen. Das wollen wir schaffen – und das können wir auch schaffen. Dazu zählt zum Beispiel eine gute Mischung von verschiedenen Lehrkräften an den Stadtteilschulen. Im Moment liegt der Anteil der Gymnasiallehrer bei knapp 40 Prozent, aber sehr unterschiedlich verteilt. Es gibt Schulen mit weniger als zehn Prozent und andere mit mehr als 60 Prozent. Deshalb wollen wir hier ein klares Ziel vorgeben.

Wie kann man die Quote und die Verteilung hinbekommen?
Rabe: Wir werden schlicht mehr Gymnasiallehrer einstellen. Das geht. Wir haben zurzeit so viele Bewerber für das Referendariat, dass wir nur Studenten mit einem Notendurchschnitt von 1,0 und 1,1 aufnehmen. Es gibt also genug erstklassige Bewerber. Und die Stadtteilschulen bilden seit Jahren mehr Referendare aus als andere Schulen. So sichern sie ihren eigenen Nachwuchs.

Mit einigen Schulen gibt es Streit, weil sie Stellen abbauen müssen, da sie ihr Budget überzogen haben. Jetzt beklagen die Schulen, dass ihre Vertretungsreserve nicht mehr ausreicht.
Rabe: Das ist Quatsch. Die Zahl der Vertretungsstunden für die Schulen ist seit Jahren gleich. Aber in Hamburg können Schulleiter im Rahmen der selbstverwalteten Schulen auch mal einige Lehrer mehr einstellen, wenn sie das in den Folgejahren wieder ausgleichen. In anderen Ländern ist das strikt verboten. Im Rahmen einer Prüfung haben wir jetzt gesehen, dass einzelne Schulen ihr Budget seit Jahren überziehen. Das ist ungerecht gegenüber denjenigen, die das gut machen. Wer drei Jahre überzogen hat, muss ausgleichen. Mit Einsparung hat das nichts zu tun, sondern mit Selbstverantwortung und Klarheit.

Wie hoch sind denn die Schulden der Schulen insgesamt?
Rabe: Sie stehen unter dem Strich mit einer großen Summe im Plus, weil viele Schulen vorausschauend wirtschaften und Reserven bilden für den Fall, dass mehrere Lehrer für längere Zeit erkranken. Insgesamt sind in dem Topf zehn bis 15 Millionen Euro. Der Rechnungshof mahnt regelmäßig, dass wir diese gewaltige Summe abschöpfen sollen. Aber ich verteidige die Eigenverantwortung von Schulleitern, die sich für schlechte Zeiten etwas zurücklegen, mit Zähnen und Klauen. Aber dieses vernünftige System funktioniert nur, wenn sich alle dann auch wirklich an die Spielregeln halten. Und da geht es nicht, wenn einige immer mehr Schulden auftürmen.

Stichwort Unterrichtsausfall: Sie haben gesagt, Ihr Ziel sei es, dass auch die weiterführenden Schulen verlässlich werden, also dort grundsätzlich kein Unterricht mehr ausfällt. Was ist daraus geworden?
Rabe: Wenn wir unsere Schulen fit machen wollen für bundeseinheitliche Abschlussprüfungen, müssen wir den Unterrichtsausfall bekämpfen. Die Vertretungsmittel von fast zehn Prozent sind dafür ein wichtiger Beitrag. Aber es geht auch um gute Organisation. Wir haben deshalb – bundesweit vermutlich einmalig – in jeder Schule ein Computerprogramm eingeführt, das die Planung des Stundenplans erleichtert und Schule und Schulbehörde verlässlich anzeigt, wie viel Unterricht ausfällt. Die meisten Grundschulen schaffen es, Kinder während der Unterrichtszeit sicher zu beschulen und nicht nach Hause zu schicken. Darauf wollen wir aufbauen, auch wenn das bei den weiterführenden Schulen schwieriger ist.

Wieso das?
Rabe: Stadtteilschulen und Gymnasien haben viele zusätzliche Aufgaben. Als Beispiel die Abiturprüfungen: Wenn drei Lehrer einen Abiturienten prüfen, fällt in drei Klassen Unterricht aus. Aber wir wollen es mit den weiterführenden Schulen zusammen schaffen, den Unterrichtsausfall, der gegenwärtig bei 2,5 Prozent liegt, spürbar zu senken.

An vielen Schulen kommt es nicht nur beim Abitur, sondern auch in der normalen Schulzeit häufiger vor, dass die ersten oder letzten Stunden ausfallen.
Rabe: Das wollen wir ändern. Einige Pilotschulen mit tüchtigen Schulleitungen – Gymnasien und Stadtteilschulen – haben gerade den Versuch unternommen, den Unterrichtsausfall erheblich zu reduzieren. Ihre Erfahrungen werden zurzeit ausgewertet. Daraus entwickeln wir Eckpunkte, die wir noch vor den Sommerferien vorstellen wollen.

Sie haben sich vorgenommen, die Rechtschreibung zu verbessern. Wie wollen Sie sicherstellen, dass alle Kinder am Ende der vierten Klasse den 700 Worte umfassenden Basiswortschatz beherrschen?
Rabe: Bessere Rechtschreibung, besserer Matheunterricht, bessere Begabtenförderung – das alles sind Bausteine für bessere fachliche Leistungen an unseren Schulen. Das ist ein klarer Schwerpunkt unserer Schulpolitik. Am Anfang muss man die richtigen Akzente setzen: Deshalb sagen wir den Deutschlehrern sehr klar: Rechtschreibung ist wichtig! Eine solche Ansage gab es nicht immer. Wir haben zudem ein Handbuch für bessere Rechtschreibung und den Basiswortschatz entwickelt. Und wir bieten Weiterbildung für die Fachleiter Deutsch jeder Schule an.

Wollen Sie sich in Zukunft auf Bundesebene bildungspolitisch engagieren?
Rabe: Ja. Ich bin am Rande der letzten Kultusministerkonferenz von den Ministern der SPD-geführten Länder als deren Koordinator gewählt worden und vertrete die von SPD, Grünen und Linken geführten Landesministerien auf Bundesebene. Da geht es um viele Fragen, die mit Bundesbildungsministerin Wanka und der SPD-Bundestagsfraktion besprochen werden müssen.

Um welche Themen geht es Ihnen?
Rabe: Ich will die bundeseinheitlichen Abschlussprüfungen an den Schulen voranbringen. Und ich nehme die Frage sehr ernst, wie sich Schulen und Hochschulen im Umgang mit digitalen Medien aufstellen und wie das Unterrichtsfach Informatik an Schulen gestärkt werden kann. Unsere Welt verändert sich in dieser Hinsicht mit dramatischer Geschwindigkeit, die Schulen müssen diese Aufgabe in den Blick nehmen.

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