Konzert

Deichkind mit Jahrmarkt der Wahnsinnigkeiten in der O2-World

Mit dem Konzert in Hamburg endete ihre Tour

Mit dem Konzert in Hamburg endete ihre Tour

Foto: Henning Besser

Der Tourabschluss in Hamburg geriet zu einem wilden Exzess aus Neonfarben, Bürostühlen und natürlich – „Krawall und Remmidemmi“.

Hamburg.  „Meine Augen flimmern / Kann mich nich’ mehr konzentriern“ Das Problem, das Deichkinds „Naschfuchs“ hat, wenn ihm die Süßigkeiten ausgehen, es kommt einem als Zuschauer am Freitag in der rappelvollen O2 World irgendwie bekannt vor: Deichkind feiert Tourabschluss und besser als mit dem Song „Denken Sie groß“ kann man den Jahrmarkt der Wahnsinnigkeiten, den Kryptik Joe, Porky, Ferris und DJ Phono in ihrer Heimat entfesseln, einfach nicht beschreiben. Es leuchtet, es blinkt, es knallt, Publikum und Band wetteifern darum, wer die bekloppteste Neon-Kostümierung trägt und durch alles wabern die Bässe der Songs.

Das Pendel, es schwingt von Gesellschaftskritik zu „Prost“ und wieder zurück, aufs Korn genommen wird so ziemlich alles. Leistungs- und Konsumgesellschaft, Glaube, Liebe, Hoffnung. Im einen Moment ist alles egal, im nächsten herrscht der pure Hedonismus. Dann wieder wähnt man sich im absurden Theater, wenn die versammelte Truppe auf Bürostühlen zu „Bück dich hoch“ über die Bühne fährt, Hüpfburgen, Schlauchboot, Pac-Man und eine unendlich erscheinende Anzahl weiterer Accessoires nach und nach aus dem Hinter- in den Vordergrund und wieder zurück wandern. „Roll das Fass rein“ wird ebenso wörtlich genommen wie „Hauptsache nichts mit Menschen“ umgekehrt zur Polonaise durch die dicht gedrängte Masse Mensch. Und der sinnfreie Kirmes-Techno von „Oma gib Handtasche“, er funktioniert genauso wie die wunderbare Phrasen-Ansammlung des komplett AIS Werbeslogans zusammen gebastelten „Powered by Emotion“.

Die feine Steigerung von entspannt zum wilden Exzess, sie vollzieht sich derweil auch vor der Bühne: Sind es zu Beginn primär diejenigen, die ohnehin zum steil gehen vorbeigekommen sind, die sich mit Plastiktüten, Schminke und anderem Zeug aufgehübscht haben, springt der Funke mit zunehmender Dauer auf so ziemlich alle über. Das mag zum Teil mit dem steigenden Bierkonsum zusammenhängen, doch kann die alkoholinduzierte Enthemmung allein die „Egolution“ hin zu „Krawall und Remmidemmi“ nicht erklären.

Deichkind ist eben doch mehr als eine reine Spaßband, mehr als nur eine vom Feuer des Irrsinns angetriebene Beatmaschine. Zwar fragt man sich, wie viel der durch das Bassgewitter pumpenden Aufrufe zum Widerstand gegen den Status quo letztlich ankommen und hofft in Anbetracht des Datums auf mehr als nur einen oder zwei - immerhin ist ja 1. Mai - aber einige zarte Pflänzlein des Hinterfragens, sie dürften hängen bleiben.

Ein Konzert von Deichkind, das ist Agit-Pop-Zirkus im Sandkasten, die subversive Umkehrung der Gesetze des Musikbusiness, ein Kindergeburtstag mit Kostümzwang. Und ein Riesenspaß.