Rothenburgsort

Jugendliche aus fünf Ländern forschen zu Nazimorden

70. Jahrestag: Gedenkfeier für Kinder vom Bullenhuser Damm

Rothenburgsort. 50 Jugendliche aus Frankreich, Italien, Polen, den Niederlanden und Deutschland haben sich am Freitag in Hamburg zu einem Workshop in der Gedenkstätte für die Kinder vom Bullenhuser Damm getroffen. Sie werden über ihre Recherchen in den Heimatländern der 20 jüdischen Kinder berichten, die SS-Männer wenige Tage vor Kriegsende im Keller einer ehemaligen Schule ermordeten.

Ein SS-Arzt hatte die Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis zehn Jahren im November 1944 von Auschwitz in das KZ Neuengamme bringen lassen, um an ihnen medizinische Versuche mit Tuberkulose-Erregern zu machen. Kurz vor der Einnahme Hamburgs durch britische Truppen sollten die Spuren dieses Verbrechens beseitigt werden. Zusammen mit den Kindern mussten in der Nacht zum 21. April 1945 ihre vier Betreuer aus den Niederlanden und Frankreich sowie 24 sowjetische Kriegsgefangene sterben.

Wie die KZ-Gedenkstätte Neuengamme mitteilte, werden die Jugendlichen zusammen mit Ytzhak Reichenbaum, dessen Bruder Eduard eines der ermordeten Kinder war, ihre Projekte auf der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des NS-Verbrechens am Montag präsentieren. Zu der Gedenkfeier werden am Bullenhuser Damm einige Angehörige der ermordeten Kinder aus Israel, Frankreich, Italien und den USA erwartet.

Die heutige Gedenkstätte verdankt ihre Existenz ganz wesentlich den Bemühungen des Journalisten Günther Schwarberg (1926–2008). Er griff 1979 den Mord an den Kindern in einer Artikelserie für den „Stern“ auf. Dank seiner hartnäckigen Recherchen wurden die Namen und viele biografische Details der Opfer bekannt. Zusammen mit Angehörigen der Opfer gründete er die Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm. Die städtische KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die den Gedenkort in Rothenburgsort schließlich übernahm, ließ die Kellerräume der seit 1987 geschlossenen Schule neu gestalten. Seit 2011 gibt es eine Ausstellung, die sich vor allem an junge Besucher wendet. In einem Kreis angeordnet liegen farbig gestaltete symbolische Koffer mit Informationen über die ermordeten Kinder und Bildern aus ihren Familien. „Wir zeigen sie bewusst nicht als Opfer“, sagt Groschek.

Von den fast 5700 Besuchern der Gedenkstätte waren im vergangenen Jahr mehr als 3000 Jugendliche. An den 125 Führungen nahmen vor allem Schulklassen teil. Manche Schüler kämen „wahnsinnig gut vorbereitet“, andere hätten noch nie etwas vom Holocaust gehört, berichtet Nicole Heinicke von der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm. Der Gang in die kahlen, weiß getünchten Taträume sei für jeden Besucher aufwühlend. „Mehr Emotion braucht man nicht.“