Tierische Aktion

Was steckt hinter dem Löwen, der Hamburg unsicher macht?

| Lesedauer: 5 Minuten
Jens Meyer-Odewald

Als die Fotografin den herrenlosen Mischlingshund sah, fiel ihr die Ähnlichkeit mit einem Löwen auf. Sie hat ihn in Hamburg in Szene gesetzt.

Hamburg. Ein Raubtier ist los. Mensch, traust du deinen Augen? Da thront ein Löwe vor einer Wurfbude auf dem Dom, geht im Containerhafen Gassi, sitzt vor dem Alten Elbtunnel oder posiert vor der Reeperbahnpinte „Zur Ritze“. Zur Belohnung gibt’s ein Leckerli von Frauchen, ein paar Streicheleinheiten. Und dann an der Leine brav ab nach Hause. Alles Täuschung? Ein Spaß? Kunst gar?

Von jedem etwas. Denn wenn eine Großstadt fantasievoll auf den Hund kommt, ergeben sich ganz neue Perspektiven. Und wenn das Tier dann noch als Streuner aus Südspanien stammt, eine Löwenmähne trägt und an ungewöhnlichen Orten in Szene gesetzt wird, ist die Überraschung komplett. Natürlich ist eine solche Form unkonventioneller Kunst nur in einer Metropole möglich, in der Großgeist und Toleranz zu Hause sind.

Augen auf also für Tschikko Leopold von Werner, einen Hamburger mit Migrationshintergrund, zeitweise Bewohner eines Seemannsheims, einen Großstadtlöwen der besonderen Art. Der Mischling, eine quicklebendige Melange wohl aus Irish Terrier und Shar-Pei, hat seine Rolle einem Zufall zu verdanken. Und einer jungen Frau, für die Kreativität, spontane Einfälle und Durchsetzungskraft keine Fremdworte sind. Es ist die Geschichte von Julia Marie Werner, einer 33-jährigen Berufsfotografin mit Sinn für das Außergewöhnliche. Andere Wege gehen? Immer gerne! Und eine Nuance schräg darf’s durchaus sein.

Das Faible für die Fotografie wurde in jungen Jahren geweckt: Zur Kommunion erhielt Professorentochter Julia Marie eine Kompaktkamera als Geschenk. Nach dem Abitur zog sie aus ihrer schwäbischen Heimat nach Frankreich, um in einem kleinen Dorf-Café bei Périgueux in Aquitanien zu arbeiten. Die prachtvolle Natur dort intensivierte ihre Liebe zur Fotografie. Wieder daheim schaffte sie nach drei Jahren den Gesellenbrief als Fotografin. Anschließend arbeitete sie als freiberufliche Fotoassistentin, meist an der Seite des Hamburger Fotografen Holger Wild. Spezialgebiet: im Auftrag von Werbeagenturen Automobile in freier Natur gekonnt zu präsentieren.

Vom Mülltonnen-Bello zum Hunde-Model

Bei einem dieser Jobs kam Tschikko ins Spiel – ungeplant. In der exotischen Kulisse Südspaniens setzte das Team einen Audi in Szene. In einer Pause entdeckte Julia Werner einen goldbraunen Hund in der Mülltonne, der sich an den Essensresten gütlich tat. Ein Dorado für einen vierbeinigen Vagabunden ohne Haus, Hof und Herrchen.

„Er hatte einen außerordentlichen Niedlichkeitsfaktor“, erinnert sich Julia Marie Werner an diese Begegnung der tierischen Art. „und etwas von einem Babylöwen.“ Konsequenz: Impfung, Chip, Hundepass. Ganz legal kam der etwa sieben Monate alte Tschikko Leopold von Werner nach Hamburg, dem neuen beruflichen Standort des Frauchens.

Da die Mitbewohner in der WG an der Lübecker Straße indes keine Lust auf einen zusätzlichen Dauergast hatten, musste ein neues Zuhause her. In einem Seemannsheim in Winterhude fand das ungewöhnliche Duo für drei Monate Unterschlupf. Danach führte der weitere Weg in die heute noch von Frau Werner gemietete Altbauwohnung in Eimsbüttel.

Der kecke Tschikko fühlte sich pudelwohl in seiner neuen Umgebung und wusste die Menschheit in der Hansestadt mit seinem tapsigen, fröhlichen Wesen für sich einzunehmen. Eines Tages stellte Julia Marie Werner fest: „Er ist fotogen und posiert für sein Leben gern.“

Eine Mähne für Tschikko aus Stulpe und Wolle

Da der Exil-Spanier nach wie vor einem kleinen Löwen ähnelte, kam der Fotografin und einer Freundin die ungewöhnliche Idee: In einem Ladenlokal auf St. Pauli bastelten beide aus einer Stulpe und Wolle eine Mähne. Und siehe da, Tschikko machte die Verkleidung Spaß. Vermutung: Er fühlt sich wie der König der Löwen. Passt ja zur Hansestadt.

19mal wurde das tierische Kunstobjekt bisher fantasievoll postiert – an allen möglichen und unmöglichen Orten. Ob Wächter am Alten Elbtunnel, Wurfbudenbesitzer oder Chef des Containerterminals: Die Menschen reagierten aufgeschlossen. „Es gab nur positive Erlebnisse“, berichtet Julia Marie Werner. „Hamburg ist eben eine liberale Stadt.“

Zur Vernissage in der Digitalagentur Shift an der Kaiser-Wilhelm-Straße am 26. Februar kamen mehr als 100 Gäste, Tschikko natürlich inklusive. In der schmucken Bürogemeinschaft haben beide einen kleinen Arbeitsplatz. Nun wird noch ein passender, charmanter Raum für eine öffentliche Ausstellung gesucht.

Die Fotos, bis zu 90 x 60 Zentimeter groß, auf Kunstdruckpapier und Alu-Dibond gezogen, auf je 20 Exemplare limitiert, kosten zwischen 250 und 520 Euro. Signatur inklusive – ein Pfotenabdruck des Tschikko Leopold von Werner.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg