Hamburg

40 Fälle von Zwangsprostitution im Jahr

Jana Koch-Krawczak, Ralph Meyer und Cinderella von Dungern

Jana Koch-Krawczak, Ralph Meyer und Cinderella von Dungern

Foto: Michael Rauhe

Vor allem der Straßenstrich in St. Georg ist laut Landeskriminalamt betroffen. Polizeiakademie zeigt eine Ausstellung zum Thema.

Hamburg.  Ein Kind hat mit Kreide seinen Traum auf den Asphalt geschrieben. „Wenn ich groß bin, dann werde ich Prinzessin“, steht da in leicht schiefer Schreibschrift, daneben gemalt ist eine mit Steinen besetzte Krone. Dass aus dem Traum nichts werden soll, hat jemand anderes bestimmt und das Wort „Prinzessin“ durchgestrichen und es durch „Zwangsprostituierte“ ersetzt. Die Jury des Designwettbewerbs „Melde Menschenhandel“ der Stiftung Broken Hearts hat die Reihe „Kinderträume“, zu der das Plakat gehört, mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Zusammen mit weiteren Beiträgen hängt es in der Akademie der Polizei.

Cinderella von Dungern, Gründerin der Stiftung, die auf Menschenhandel aufmerksam machen will, findet das Siegerplakat treffend. „Menschenhandel ist für Täter ein interessantes Geschäftsmodell: null Risiko und attraktive Rendite“, sagt von Dungern. Dass sie mit solchen Aussagen provoziert, ist wohl Absicht. Es geht ihr darum, aufzuklären, nicht nur über Zwangsprostitution, auch über Kinderarbeit, Organhandel und andere Formen des Menschenhandels.

Das Landeskriminalamt hat im vergangenen Jahr 40 Verfahren von Menschenhandel bearbeitet, bei denen die sexuelle Ausbeutung im Vordergrund stand. Diese auf den ersten Blick niedrig erscheinende Zahl zeigt den Durchschnitt auf. Tatsächliche Fallzahlen sind schwer zu ermitteln. „Die Dunkelziffer ist definitiv deutlich höher“, sagt Polizeipräsident Ralf Martin Meyer.­ Jörn Blicke ist als Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität beim LKA auch für die Aufklärung solcher Fälle zuständig. „Die meisten Ermittlungen in Sachen Zwangsprostitution haben wir auf dem Straßenstrich in St. Georg, danach kommen sogenannte Model-Wohnungen“, sagt Blicke.

34 von 40 Verfahren konnten laut Meyer im vergangenen Jahr aufgeklärt werden. Dass Menschenhandel überhaupt zur Anzeige gebracht wird, ist selten. Die Opfer sind eingesperrt, werden bedroht, haben keinen Kontakt zu Menschen, die helfen könnten. „Es handelt sich meist um junge Frauen zwischen 16 und 22 Jahren, die der Täter emotional von sich abhängig macht“, sagt Meyer. Von Dungern spricht vom „Stockholm-Syndrom“: Das Opfer entwickelt ein positiv emotionales Verhältnis zum Täter. Das macht es schwer, ihn anzuzeigen.

Hilfe bekommen Opfer in Hamburg unter anderem in der Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel „Kofra“. Die 1999 gegründete Organisation und deren Dachverband KOK unterstützen betroffene Frauen und informieren sie über ihre Rechte. Auch die Hilfsorganisationen sprechen von einer hohen Dunkelziffer.

Viele Opfer kommen aus Bulgarien oder Rumänien, aber längst nicht alle werden aus dem Ausland nach Deutschland verschleppt oder gelockt. Etwa die Hälfte der Frauen stammt aus Deutschland, laut Polizeipräsident Meyer aus allen gesellschaftlichen Schichten. „Die Nationalität der Täter korrespondiert normalerweise mit der der Opfer“, sagt Blicke. Meist käme auf ein Opfer auch ein Täter. In Hamburg machten Deutsche im vergangenen Jahr rund ein Drittel der Täter aus. Sie lernten ihre Opfer meist in Clubs oder bei Feiern kennen. Die zweitgrößte Tätergruppe komme aus Bulgarien. Blicke: „Bei ihnen ist es häufig so, dass Täter und Opfer sich kennen, sie haben also zum Beispiel eine familiäre Verbindung oder kommen aus demselben Ort.“

Die Ausstellung ist noch bis Freitag, 27. März, wochentags von 8 bis 15 Uhr in den Räumen der Polizeiakademie (Braamkamp 3 b) zu sehen.