Hamburg

Betriebsunfall oder linke Tour? Der Sturz der Dora Heyenn

Als die Bürgerschaft am Montag dieser Woche zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammenkam, stand eine Frau im Mittelpunkt: Dora Heyenn. Im lilafarbenen Hosenanzug und mit geradem Rücken stand die 65-Jährige im Plenarsaal und wurde von Abgeordneten fast aller Fraktionen geradezu bestürmt. Am vorangegangenen Wochenende war die Galionsfigur der Linken von den eigenen Leuten in beispielloser Art gestürzt worden. Dietrich Wersich (CDU) tröstete, Grünen-Chefin Katharina Fegebank und ihr Fraktionschef Jens Kerstan umarmten sie. Selbst Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) kam auf die geschasste Fraktionschefin zu. „Es gibt Dinge, die tut man nicht“, soll er ihr gesagt haben.

Der Umgang der Linken mit Heyenn ist für Außenstehende verstörend. Als Spitzenkandidatin fuhr sie für ihre Partei das beste Hamburger Ergebnis ein. Mit ihr an der Spitze erreichten die Linken 8,5 Prozent. Das sind 2,1 Prozentpunkte mehr als vor vier Jahren. Aber anders als in anderen Parteien ist Erfolg bei den Linken kein Garant für Zusammenhalt – und für Posten erst recht nicht. Das hat Heyenn nun bitter erfahren müssen.

Der Wechsel in anderen Fraktionsspitzen hat in der Regel einen komplett gegenteiligen Grund. So mussten etwa die beiden CDU-Fraktionschefs Frank Schira und Dietrich Wersich ihre Posten nach den krachenden Wahlniederlagen 2011 und in diesem Jahr räumen. Auch in der SPD gingen die Wechsel mit den Niederlagen einher. Zunächst versuchten es die Sozialdemoraten 2001 mit dem glücklosen Uwe Grund. 2004 musste sein Nachfolger – der Partei-Linke Walter Zuckerer – dem forschen Michael Neumann Platz machen, der überraschend gegen den Arrivierten antrat und gewann.

Heyenn habe im Wahlkampf zu sehr im Vordergrund gestanden

Bei den Linken waren es die bisherigen Fraktionsvize Christiane Schneider und Norbert Hackbusch, die kurz nach dem Wahlsieg die Idee einer Doppelspitze in der Fraktion aus dem Hut zauberten. Sie warfen Heyenn vor, zu sehr im Vordergrund gestanden zu haben. Es habe eine „höchst einseitige Personalisierung“ im Wahlkampf gegeben. Zudem sei es an der Zeit für einen Generationswechsel.

Allein dieser unabgesprochene Vorstoß kränkte Heyenn zutiefst. Gerade erst waren die auf dem Nominierungsparteitag erlittenen Wunden einigermaßen verheilt. Anfang November hatten die Linken sie mit nur 55 Prozent Zustimmung zur Spitzenkandidatin ernannt. Jetzt sollte sie ein Teil der neuen Doppelspitze werden. Wie vier Monate zuvor biss Heyenn die Zähne zusammen und trat an. Doch das Ergebnis war niederschmetternd. Fünf Abgeordnete stimmten mit Ja, drei mit Nein und drei weitere enthielten sich. Da nur die absolute Mehrheit zählt, fehlte eine Stimme. Auf eine weitere Abstimmung wollte Heyenn es dann nicht mehr ankommen lassen.

Auf den Mitgliederversammlungen in Mitte und Altona hat Hackbusch später eingeräumt, bei der Abstimmung einen Fehler gemacht zu haben. Er habe sich enthalten und nicht für Heyenn abgestimmt. Mit der Enthaltung habe er ihr bedeuten wollen, künftig mit einer „gewissen Demut“ zu agieren. Dass derart viele Abgeordnete gegen sie stimmen würden, habe er nicht erwartet. Eine Abstimmung quasi als Betriebsunfall.

Dora Heyenn mag daran nicht glauben. „Das war kein Versehen, das war Absicht. Man muss für seine Taten auch die Verantwortung übernehmen“, sagte sie im Interview mit dem Abendblatt. Und selbst Hackbuschs Mitstreiterin Christiane Schneider befindet: „Das ist ein dummer politischer Fehler. Wenn man jemanden wählen will, dann muss man ihn auch wählen“ Sie selbst habe für Heyenn gestimmt.

Dass es mit dem Fraktionsvorsitz für Heyenn eng werden würde, zeichnete sich schon auf dem Parteitag im November ab. Die pensionierte Chemie-Lehrerin agiere bisweilen „oberlehrerhaft und monarchisch“. Als Beispiel dafür galt ihre Aussage, nach der Hälfte der Legislaturperiode, den Vorsitz abgeben zu wollen. „Man wählt und übergibt nicht“, lautete die Kritik. Auch wenn Heyenn nach außen gut aufgetreten sei, so habe sie es intern nicht verstanden, zu integrieren und eine Gruppe zu formen. Damals traten erstmals interne Streitigkeiten öffentlich zu Tage. Dass die Linken auch den Kampf mit den Ellenbogen beherrschen, zeigte sich in der Kampfkandidatur von Heike Sudmann, die Kersten Artus von einem aussichtsreichen Listenplatz verdrängte. Auch Sudmann steht hinter der Doppelspitzen-Idee.

Am Montag erklärte Heyenn ihren Austritt aus der Linksfraktion

Aus Heyenns Umfeld ist zu hören, dass es Ziel gewesen sei, sie so sehr zu reizen, dass sie ihr Mandat abgibt. Man habe sie also komplett loswerden wollen. Diesen Gefallen wollte sie den Umstürzlern aber nicht machen. Doch weiter zusammenarbeiten, das konnte sie auch nicht mehr und erklärte noch am Montag in der Bürgerschaft ihren Ausstieg aus der Fraktion.

Das Entsetzen über Heyenns Sturz herrscht in Teilen der Fraktion immer noch vor. „Das macht fassungslos. Den Akteuren war nicht klar, in welche Nöte uns das bringt und wie sehr unser Ansehen darunter leidet“, sagt ein Linker. Dass nun Cansu Özdemir und Sabine Boeddinghaus die Fraktion führen sollen, sorgt bei ihm für Kopfschütteln. „Wie die beiden gegen SPD-Fraktionschef Andreas Dressel bestehen wollen, will ich mal sehen.“