GIGA-Institut

Von Oxford nach Hamburg um die Welt zu verstehen

Amrita Narlikar berät mit ihrem Insitut unter anderem die Bundesregierung in Fragen der Außenpolitik

Amrita Narlikar berät mit ihrem Insitut unter anderem die Bundesregierung in Fragen der Außenpolitik

Foto: Charlie Gray

Amrita Narlikar leitet jetzt ein halbes Jahr das sozialwissenschaftliche GIGA-Forschungsinstitut und hat sich in Hamburg verliebt.

Hamburg. „Ich liebe Hamburg“, sagt Amrita Narlikar spontan. „Man hat mich so warmherzig empfangen, dass ich mich schon jetzt mit Stadt und Menschen verbunden fühle.“ Seit Oktober ist die zierliche, aber dynamische Inderin Präsidentin des renommierten sozialwissenschaftlichen GIGA-Forschungsinstituts an der Alster, das unter anderem die Bundesregierung in Fragen der Außenpolitik berät.

Die vergangenen 18 Jahre lang lebte Professor Dr. Narlikar in Großbritannien, forschte in Oxford und Cambridge, jenen efeuumrankten Hochaltären des britischen Geisteslebens. „Wenn man den Namen Hamburg hört, denkt man an Hafen“, sagt sie. „Hört man Oxford und Cambridge, denkt man sofort an akademische Zentren. Das ist bei Hamburg - noch - nicht so.“

Und genau das will Amrita Narlikar ändern. „Das GIGA ist auf dem richtigen Weg“, sagt die Professorin, zu deren Fachgebieten internationale Verhandlungen gehören. „Das Institut genießt große Anerkennung in der internationalen akademischen Welt; und nun möchte ich es eine Stufe weiter bringen. Derzeit wird auf den verschiedenen Fachgebieten gute Detailarbeit geleistet. Aber manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Man hat einzelne Aspekte im Blick, aber nicht mehr das Ganze.“

Als man sie gefragt habe, was sie aus GIGA machen wolle – ob es so etwas werden solle wie eine neue „Harvard Kennedy School Of Government“ - da habe sie geantwortet: „Rom ist damit gescheitert, ein neues Athen werden zu wollen. Wir wollen nicht andere kopieren - wir wollen ein „giga GIGA“ werden, wir wollen DAS Zentrum für Forschungsexzellenz werden, das dazu beiträgt, die Weltregionen Afrika, Asien, Lateinamerika und Nahost zu verstehen. Ich möchte meine Mitarbeiter zu zwei Dingen ermutigen. Erstens: Wie kann meine Arbeit beitragen zu unserem Verständnis von der Welt? Zweitens: Was bedeutet das für die Welt der Politik?“

Das GIGA sei das einzige Institut, „wo wir herausfinden können, was nicht nur der Westen, sondern der so genannte „Rest der Welt“ denkt und wo Verhandlungsspielräume liegen. Unsere Theorien basieren zumeist auf den Erfahrungen der EU oder der USA - und dann stellen wir erstaunt fest, dass sie in China oder Indien nicht funktionieren.“

"Wir müssen internationaler werden"

Dieses Problem läge auch vielen Blockaden in Verhandlungen zugrunde. „Wir müssen internationaler werden“, fordert Amrita Narlikar, „und das bedeutet auch, unsere Ergebnisse in den besten Publikationen der Welt zu veröffentlichen.“ Die GIGA-Präsidentin kündigt an: „Als Teil dieser Strategie der Internationalisierung werden wir eine Serie von Veranstaltungen starten, auf denen die besten Experten der Welt auf ihren Gebieten hier sprechen werden. Wir bringen sie an das GIGA, nach Hamburg, nicht nur, um ihr Wissen mit uns Forschern zu teilen, sondern auch mit der Öffentlichkeit. Zudem planen wir Konferenzen mit Top-Leuten der internationalen Wissenschaft, um über praktische Lösungen für politische Probleme zu reden. Wir wollen verschiedene Denkansätze miteinander verbinden.“

In Cambridge war Amrita Narlikar Gründungsdirektorin des kleineren Center for Rising Powers. „Jetzt aber führe ich zum ersten Mal ein ganzes Institut, das sehr viel größer ist. In Cambridge habe ich geforscht, meine Bücher geschrieben und mit einzelnen Kollegen zu tun gehabt. Hier aber arbeiten alle 160 Mitarbeiter des GIGA zusammen, um praktische Lösungen zu finden. Und das passt wunderbar zu den zentralen Frage, die ich stelle: Wie gehen wir mit den unterschiedlichen Visionen der Weltmächte für eine Weltordnung um? Wie erreichen wir Lösungen am Verhandlungstisch?“ Das GIGA sei das einzige Institut, dass praktische Antworten auf solche Fragen anbieten könne.

Traditionen spielen inihrer Familie eine große Rolle

Professor Dr. Narlikar stammt aus einer alten Akademikerfamilie. Ihre Bindungen seien sehr eng. Ihre Eltern – der renommierte indische Physiker und Experte für Nano- und Suprarleitertechnologie, Prof. Dr. Anand V. Narlikar, und die Autorin Dr. Aruna Narlikar – begleiteten ihr einziges Kind nach Hamburg. Sie kennen Deutschland von vielen akademischen Treffen. Auch Amrita Narlikars Hund Don kam mit an die Elbe.

Traditionen spielen für die Familie eine große Rolle. Mit ihrer Großmutter korrespondierte Narlikar in Sanskrit; der mehr als 3000 Jahre alten indischen Hochsprache. Und um indische Verhandlungstraditionen besser verstehen zu lernen, schrieb sie mit ihrer Mutter ein Buch über moderne Lehren aus dem gewaltigen, Jahrtausende alten Epos Mahabharata, das in Indien jeder kennt. Es geht darin um Krieg und Frieden – und eben um gescheiterte Verhandlungen. „Man kann aus dem Mahabharata zum Beispiel etwas lernen über das unterschiedliche Verhältnis der Nationen zur Zeit. Wenn Amerikaner Verhandlungen führen, planen sie drei Tage ein, in denen die Dinge geklärt werden müssen. In Indien gilt eine solche zeitliche Fixierung als unziemliche Hast – man sagt dort, wenn eine Lösung nicht erreicht wurde, dann war die Zeit dafür einfach noch nicht reif.“