„Wir tun zu wenig für Flüchtlinge“

Foto: A.Laible

Bei der Diskussionsreihe zur Wahl nehmen Schüler des Gymnasiums Bondenwald fünf Politiker in die Mangel.

Niendorf. Sie argumentierten emotional, aber kenntnisreich – und sie schenkten den Politikern nichts. Am Gymnasium Bondenwald in Niendorf stand das Thema Flüchtlingspolitik auf der Agenda, und die 80 Schülerinnen und Schüler hatten in der Aula einiges dazu zu sagen. Es war die zweite Runde der „It’s your choice“-Tour, mit der Jugendliche zur Teilnahme an der Bürgerschaftswahl am 15. Februar motiviert werden sollen.

Fünf Jungpolitiker boten das ganze Spektrum ihres Parteiprogramms auf, um ihre Zuhörer von der Wichtigkeit des Urnengangs zu überzeugen. Dabei zeigte man sich einig darüber, dass es beim Umgang mit Flüchtlingen Reformen geben müsse, der Weg dorthin und der Umfang werden aber nach wie vor ganz unterschiedlich gesehen.

Zaklin Nastic (Linksjugend), warf dem Senat vor, kein Konzept zur Flüchtlingsunterbringung zu haben, während alleine im vergangenen Jahr 3000 Menschen vor Europa ertrunken seien. Ebenso wie ihre vier Politkollegen lobte sie dagegen ausdrücklich das Engagement der Hamburger im Umgang mit Flüchtlingen. Carsten Ovens (Junge Union) stellte dabei aber auch klar: „Wir dürfen die Hilfsbereitschaft der Menschen nicht überfordern.“

„Es gibt viele Idioten in der Politik“, platzte es aus Danial Ilkhanipour heraus

Die Schüler scheuten sich nicht, ihre Ansichten deutlich zu vertreten und den Politikern – wo nötig – ebenso deutlich zu widersprechen. „Wieso herrscht denn bei der Flüchtlingsbetreuung so viel Mangel, wenn sich die Politiker angeblich so toll einig sind?“, wollte Schülerin Luisa verärgert wissen – wofür sie donnernden Applaus bekam. Viel Zustimmung auch für Ricarda, die ausführte: „Wir bauen einen riesigen Zaun, um Flüchtlinge abzuhalten. Wir Europäer schotten uns ab – das ist überheblich.“

Die Podiumsgäste mühten sich erkennbar, die Schüler nicht mit Allgemeinplätzen abzuspeisen, sondern auch zu vermitteln, wo sie beispielsweise regelmäßig an rechtliche Grenzen stoßen. Deutlich wurde dabei auch, dass nicht jeder Hamburger Nachwuchspolitiker für die Flüchtlingspolitik auf Bundesebene verantwortlich gemacht werden kann. „Es gibt viele Idioten in der Politik“, platzte es da aus Danial Ilkhanipour (Jusos) heraus, „von meiner Partei weiß ich das genau.“ Auch Maximilian Bierbaum (Grüne Jugend) und Carsten Ovens machten immer wieder deutlich, dass sie nicht mit den Hardlinern ihrer jeweiligen Partei in einen Topf geworfen werden wollen.

Die lebhafte Diskussion war die zweite von 42 entsprechenden Veranstaltungen, organisiert von der Agentur DSA youngstar. Das Hamburger Abendblatt ist als Medienpartner der Tour mit im Boot.

Auffällig war, dass sich nur Schüler zu Wort meldeten, die von den Politikern viel stärkeres Engagement für die Flüchtlinge forderten. „Wir machen viel zu wenig“, so Christian, „stattdessen wird das Geld für Elbphilharmonie oder den Berliner Flughafen verballert.“ Sollte jemand anderer Meinung gewesen sein, wurde das zumindest nicht ausgesprochen. Ob nicht die Gefahr bestehe, dass bei Reformen auch geschlampt werden könne, wollte Leon wissen. Dazu Carsten Ovens: „Das darf nicht geschehen. Deshalb brauchen wir mehr und besser geschultes Personal, auch in den Behörden.“ Und Barnabas Crocker (Junge Liberale) machte sich für mehr Deutschkurse stark – „das ist dringend erforderlich“.

Und auch die vielen kleinen Scharmützel, die sich die fünf Gäste auf dem Podium lieferten, waren interessant und lehrreich für die Schüler. Als Maximilian Bierbaum dem Senat vorwarf, die Lampedusa-Flüchtlinge loswerden zu wollen, konterte Danial Ilkhanipour: „Es ist frech und unverschämt, wie Sie das Thema instrumentalisieren.“ Und nach einem längeren Wortbeitrag von Carsten Ovens entgegnete Bierbaum süffisant: „Schöne Worte. Ich hoffe, dass nun Taten folgen.“ Besonders zwischen Ilkhanipour und Nastic kam es immer wieder zu heftigen Wortwechseln und gegenseitigem Ins-Wort-Fallen, was von den Schülern mit Gelächter quittiert wurde.

Die Schülerinnen Franziska und Luisa engagieren sich selbst in einem von ihrer Schule mitinitiierten Projekt, das sich um die Betreuung von Flüchtlingen kümmert.

Grafik