Hamburg – Drehscheibe für Pestizid-Mafia

Illegale Pflanzenschutzmittel werden massenhaft über den Hafen nach Europa geschmuggelt. Polizei spricht von organisierter Kriminalität.

Hamburg. Zehn Tonnen gefälschter Pestizide haben Mitarbeiter des Pflanzenschutzamtes im Hamburger Hafen sichergestellt. Der Erfolg ist kein Einzelfall. Das Geschäft mit den gefährlichen Stoffen boomt. Allein in diesem Jahr wurden in Hamburg zwölf Container mit insgesamt 196 Tonnen illegal gehandelter Pflanzenschutzmittel sichergestellt. Den Wert beziffern die Behörden mit 15 Millionen Euro. Die Hintermänner beim Handel mit verbotenen Pestiziden stammen Europol zufolge aus der organisierten Kriminalität. Und Hamburg ist die Drehscheibe des Handels.

Es ist die starke Anbindung an China, die den Hamburger Hafen für den Umschlag von illegalen Pflanzenschutzmitteln prädestiniert. Sie kommen meistens aus Südostasien. Oft ist China das Herstellungsland, in dem die Markenprodukte gefälscht werden. Für die Täter ist es ein hochgradig lukratives Geschäft, vergleichbar mit dem Drogen- oder Zigarettenschmuggel. „Im Herstellungsland kann man gefälschte Pflanzenschutzmittel für 200.000 Dollar erwerben, die in der EU als Originalprodukt einen Marktwert von zwei Millionen Euro haben“, weiß Gregor Hilfert vom Pflanzenschutzamt Hamburg.

Der Weg nach Hamburg ist klassisch. Per Schiff kommen die Stoffe in Containern aus Übersee. Von hier aus werden sie verteilt. Offizielle Abnehmer sind Firmen in ganz Europa. Sie entpuppen sich oft als Briefkastenfirmen, die keine Genehmigung für den Handel mit den giftigen Stoffen haben. Vermutlich über verschiedene Ebenen, wie beim Drogenhandel, gelangen die gefälschten Pestizide an die Endabnehmer. „Wir haben Mengen sichergestellt, mit denen man 100.000 Hektar Fläche hätte behandeln können“, sagt Hilfert. Das entspricht der Größe des Bodensees.

Was in den gefälschten Pestiziden drin ist, ist oft für Mensch und Tier gefährlich. „Die Grundstoffe sind oft identisch mit denen von Originalprodukten“, sagt Hilfert. Das Problem sind die Beistoffe, wie Lösungsmittel, die bis zu 50 Prozent des Pflanzenschutzmittels ausmachen können. „Hier werden die für die Originalprodukte verwandten Stoffe gegen billigere Substanzen ausgetauscht“, sagt Hilfert. Die sind nicht nur billig, sondern oft auch so giftig, dass sie später in Nahrungsmitteln zu finden sind, die aus den mit illegalen Pestiziden behandelten Pflanzen hergestellt wurden.

Für die Täter ist es nicht nur ein lukratives, sondern auch ein relativ gefahrloses Geschäft. In Deutschland drohen ihnen Haftstrafen von maximal drei Jahren. In anderen Ländern werden solche Delikte als Ordnungswidrigkeit geahndet. Die Gefahr „aufzufliegen“ ist so klein wie beim Drogen- oder Zigarettenschmuggel. Keine Behörde ist in der Lage, die rund neun Millionen Container, die jährlich in Hamburg umgeschlagen werden, zu überprüfen. Wie Zoll oder Kripo überprüft das Pflanzenschutzamt gezielt Container, die zuvor per EDV herausgefiltert wurden.

Erstmals rückte der Handel mit illegalen Pflanzenschutzmitteln 2009 in das Bewusstsein der Hamburger Behörden. Damals hatten die Fahnder am Leinpfad zunächst 300 Kilogramm verbotener Pestizide in der Garage eines Kaufmannes gefunden. Am Ende der Ermittlungen ging man davon aus, dass mehr als 200 Anwenderbetriebe, insbesondere aus dem Gartenbaugewerbe, illegale Pflanzenschutzmittel gekauft und versprüht haben. Der Fall galt damals als der „größte Schlag gegen den illegalen Handel mit Pflanzenschutzmitteln in Deutschland“.

Die Motive der Abnehmer sind unterschiedlich. Oft ist es Profitmaximierung. Ganze Händlernetzwerke sind nach den Erkenntnissen der Behörden involviert, bevor dem Endabnehmer die illegalen Produkte zum „halben Preis“ angeboten werden. In anderen Fällen, wenn es sich um in der EU verbotene Pestizide handelt, wollen die Anwender den Stoff haben, der in dem Pflanzenschutzmittel enthalten ist. Das Motiv ist einfach. Manche Schädlinge haben Resistenzen gegen speziell abgestimmte, erlaubte Pestizide entwickelt. In anderen Fällen ist es schlicht einfacher, „Chemiebomben“ einzusetzen, die jegliches Getier auf den besprühten Pflanzen abtöten. Ein Beispiel dafür ist E605, eine hochtoxische Chemikalie, die den Beinamen „Schwiegermuttergift“ hat, weil es so oft für Morde verwendet wurde, dass die Abgabe der Substanz nur gegen Vorlage des Personalausweises zulässig war. Seit 2002 ist E605, das mit chemischen Kampfstoffen wie Sarin verwandt ist, in der EU verboten.