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Frauen auf der Jagd: Kippt die letzte Männerdomäne?

| Lesedauer: 15 Minuten
Yvonne Weiß

Kein Hobby polarisiert so sehr wie die Treibjagd - dennoch ist sie beliebt wie nie: Immer mehr Frauen machen den Jagdschein und greifen zur Flinte. Warum gefällt ihnen das Töten?

Loop. Horrido! Zwei Grad minus, aber die Spur ist heiß. Buddy hat eine Wildschwein-Fährte aufgenommen. Der Labrador läuft durch das Feld, hinter ihm her Nadine Weers. 20 Jahre alt, blond, hübsch, Jägerin. „Noch haben wir die Sau nicht hochgemacht“, sagt sie. Aber gleich. Jede Sekunde könnten die Schweine aus ihren Verstecken kommen. Der Adrenalinpegel steigt. Die Triebe sind geweckt, nicht nur beim Hund. Eine Mischung aus Spannung und Vorfreude umgibt die jungen Jägerinnen, die heute auf der Treibjagd im schleswig-holsteinischen Loop die linke Flanke bilden. Bei dieser Jagdart werden normalerweise Hasen, Kaninchen oder Fasane erlegt, Schwarzwild kommt selten vor, daher ist die Aufregung größer als ohnehin schon. „Highlife in Tüten“, wird Nadine Weers später über diese Situation sagen. Später, nach den Schüssen.

Aber noch ist alles ruhig. Die Ruhe vor dem Tod. 40 Jäger und Treiber sind seit 9 Uhr morgens unterwegs. Sie streifen über die Wiesen und Felder, und von Weitem sieht es aus, als würde die norddeutsche Landschaft in Orange getunkt. Anders als früher sind Jäger heute nicht mehr hauptsächlich grün gekleidet, sondern müssen bei Jagden, an denen mehrere Personen teilnehmen, zur eigenen Sicherheit Signalwesten tragen. Das knallige Orange schreckt das Wild nicht ab, es reagiert auf Bewegung, nicht auf Farben. Auch um ihren Filzhut hat Weers ein orangefarbenes Band mit dekorativen Schweinchen gebunden. Eine Wollmütze wäre bei diesen Temperaturen besser geeignet, die könnte man über die Ohren ziehen. Aber wer ein richtiger Jäger ist, der trägt Hut. Und Weers ist ein richtiger Jäger. Im Grunde sogar einer der besten. Die Abiturientin aus Ellerau wurde im Sommer jüngste deutsche Meisterin im jagdlichen Schießen. Sie kann sich auf den Punkt konzentrieren, ist ehrgeizig und voller Selbstdisziplin: „Ein guter Schütze muss sich im Griff haben.“

Weers und ihre Beretta Flinte: Die coole Frau und das heiße Eisen, gemeinsam werden sie gewinnen. Und gewinnen heißt in diesem Fall töten. „Ich bin stolz darauf, Jäger zu sein, und ich möchte mich nicht dafür verstecken“, sagt Weers, die häufig mit Kritik konfrontiert wird und durch ihr Hobby sogar einige Freunde verloren hat. „Mörderische Blondine“ oder „Bambi-Killerin“ sind nur Beispiele für die Beschimpfungen, die sie einstecken musste, seitdem sie sich fürs Jagen interessiert. Mit 14 nahm ihr Nachbar sie zum ersten Mal mit zur Jagd. Mit 16 machte sie den Jagdschein, und jetzt, mit 20, spricht sie bereits von Routine. Sie weiß, wie man einen Blattschuss abgibt. Sie weiß, wie ein Kesseltreiben funktioniert. Sie weiß, wie man einem Stück Reh die Decke abzieht, und sie weiß, wie man das Jagdhorn bläst. Nadine Weers weiß, wie der Hase läuft.

Rambo-Getue im Wald widerspricht der sogenannten Waidgerechtigkeit

Immer mehr Frauen wissen das. Noch nie haben so viele einen Jagdschein gemacht, das sogenannte grüne Abitur. Ihr Anteil in den Kursen liegt nach einer Umfrage des Deutschen Jagdverbands bereits bei 20 Prozent. Vor 20 Jahren war nur ein Prozent der Jagdscheininhaber Frauen. Geht der Zulauf so weiter, könnte man fast von einem Trend sprechen. Kein Wunder eigentlich. Schließlich ist laut römischer Mythologie die Göttin der Jagd Diana, eine Frau.

Den weiblichen Teilnehmern falle es leichter, für die Prüfung zu lernen, sagt Burkhard Bürger, der lange Zeit Kreis-Schießobmann in der Kreisjägerschaft Segeberg war und seit gefühlten Ewigkeiten Jungjäger ausbildet. Sein Fachbuch ist aus dem Jahr 1972, zerlesen liegt es auf dem Pult, von dem aus er seinen Schülern einbläut, jeden Tag den Anschlag mit der Dekowaffe zu üben. „Morgens vor dem Frühstück und abends: üben, üben, üben.“

Wenn Bürger bei einer Jagd feststellt, dass jemand wild und unerfahren im Wald herumballert oder mit Weitschüssen prahlt, dann wird er fuchsteufelswild. Denn Rambo-Getue ist nicht waidgerecht. Unter Waidgerechtigkeit versteht man die ethischen Regeln, nach denen ein Jäger handeln und jagen soll. „Ihr bekommt das Recht und das Privileg, auf lebende Tiere zu schießen. Begegnet diesen Tieren also mit Respekt“, mahnt Bürger seine Klasse, die zu einem Drittel aus Frauen besteht: „Die sind konzentrierter bei der Sache als die Jungs.“ Intensives Lernen erscheint notwendig, denn der Jägerschein kostet genauso viel wie der Führerschein, ist aber doppelt so anspruchsvoll.

Die Fragen klingen für einen Laien wie aus einer fremden Welt: Wann ist die Hauptranzzeit von Marderhund und Waschbär? Was versteht man unter dem Begriff „Blitzsystem“? Auf welche Entfernung ist die Verwendung von Flintenlaufgeschossen auf der Jagd aus zielballistischen Gründen begrenzt? Was gehört zu den typischen Pirsch- und Startfluggreifern?

Die Jägersprache allein ist eine Kunst für sich. Es gibt viele blumige Begriffe und einige Euphemismen, denn vieles wird so formuliert, dass es sich für Außenstehende nicht so brutal anhört. Antragen klingt besser als einen Schuss abgeben, aufbrechen sauberer als die Eingeweide herausnehmen. Die Fachsprache wird allerdings unwissend auch von vielen Nichtjägern benutzt: Lunte riechen, aufs Korn nehmen, durch die Lappen gehen, mit fremden Federn schmücken oder von etwas Wind bekommen – alles Formulierungen aus der Jägersprache.

Die heute gängige Unterscheidung von Hoch- und Niederwild stammt aus dem Mittelalter, als dem Adel die „hohe Jagd“ vorbehalten war, er also Wild erlegen konnte, das besonders geschätzt wurde (vor allem Hirsche). Das Niederwild durfte hingegen auch von anderen Personengruppen bejagt werden.

Lange stellte die Jagd eine feudale Ersatzbeschäftigung und ein Freizeitvergnügen für Blaublüter dar. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand beispielsweise erlegte mehrere Tausend Tiere. Die Queen schießt gerne Fasane und dreht ihnen angeblich eigenhändig den Hals um. Heutige Staatsoberhäupter nutzen das Jagen zur Demonstration ihrer Männlichkeit: unvergessen das Foto von Wladimir Putin als Oben-ohne-Kämpfer. Waidgerecht im Sinne von Burkhardt Bürger sind derartige Angeberposen eher nicht.

Fleisch im Supermarkt wird weniger mit dem Akt des Tötens assoziiert

Die Jungjäger-Ausbildung findet in Rickling auf dem Tannenhof Schönmoor von Monika Schroedter statt. Die 58-Jährige geht seit Jahrzehnten zur Jagd und gibt selbst viele Unterrichtsstunden. „Hier geht es zu unserem Gruselkabinett“, sagt sie lachend und steigt die Treppe hoch zu einem Raum mit ausgestopften Exponaten. Jedes Tier, das im Wald vorkommt, schaut einen hier aus toten Augen an. Bei der Prüfung müsste ein angehender Jäger sie alle bestimmen können, auch wenn es sich nur um Teile der Tiere handelt. In verschiedenen Boxen werden Läufe, Häupter und Flügel aufbewahrt. Zum Test hält sie einen Schädel hoch: „Na, was ist das? Ein Seehund!“ Ein seltenes Stück, denn Seehunde genießen eine ganzjährige Schonzeit, dürfen also nicht geschossen werden.

Obwohl die Präparate eine leicht gruselige Atmosphäre erzeugen, wirkt Schroedter selbst wie eine große Tierliebhaberin. Die dreckigste Feder berührt sie liebevoll und mit einer Sanftheit, die bei einer Jägerin zunächst überrascht. Doch dann wird man darauf hingewiesen, dass ein wesentlicher und gesetzlich verpflichtender Bestandteil der Jagd die Hege und Pflege sind. Die Tiere unterliegen einer besonderen Fürsorge durch den Jäger, der sie beispielsweise in Notzeiten füttert. Es geht keineswegs nur ums Töten. „Von zehnmal rausgehen schieße ich nur einmal“, sagt Schroedter, die als Tierärztin arbeitet und häufig gefragt wird, wie denn ihr Beruf zu ihrem Hobby passe. Sie erklärt dann gerne, dass sie durch ihren Beruf eben wisse, wie es auf einem Schlachthof zugehe. „Die Schweine riechen das Blut ihrer Artgenossen, sie ahnen, dass gleich etwas Schreckliches mit ihnen passiert. Wohingegen das Reh, das ich schieße, bis zu der Sekunde ein glückliches Leben hatte“, sagt Schroedter. „Es ist morgens aufgewacht und durfte anders als in der Massentierhaltung selbst entscheiden, was es frisst und wohin es geht.“

Ob die Deutschen weniger Fleisch essen würden, wenn sie die Tiere selbst jagen müssten? Die Akzeptanz für das Jagen fällt wahrscheinlich deshalb in der breiten Bevölkerung eher gering aus, weil Jagen zur Nahrungsbeschaffung heute nicht mehr notwendig wäre. Das akkurat in Folie eingepackte Fleisch im Supermarkt wird weniger mit dem Akt des Tötens in Verbindung gebracht als das Wildgulasch eines eigenhändig erlegten Stücks. „Dabei handelt es sich um Bio pur“, so Schroedter. Die Jägerin kann sich nichts Schöneres vorstellen, als morgens um 5 Uhr vom Ansitz aus über schneebedeckte Felder zu blicken, dann fühle sie sich der Natur so nah und erlebe eine unglaubliche Ruhe. Die Jagd als meditativer Fluchtpunkt – und als permanenter Neubeginn. „Ich sehe das Leben aufwachen“, sagt Schroedter.

Einige konservative Jäger betrachten die Jungjägerinnen mit Skepsis

Was reizt die Damenwelt noch daran, mitten in der Nacht in Gummistiefeln durch die Gegend zu stromern? Ist Jagen nicht eher ein Hobby für dickbäuchige Männer im Lodenmantel? So weit das Klischee, in dem zusätzlich gerne ein Dackel und eine Buddel Korn auftauchen. „Die Jagd war lange eine Männerdomäne. Gerade die älteren Herrschaften betrachten uns Frauen eher skeptisch“, sagt Denise Tegen aus Schillsdorf, die in Loop ihre erste Treibjagd mitmacht, auf die sie sich „gefreut habe wie ein Kind“.

Bislang war die 25 Jahre alte Bäckerin erfolglos in ihrem Bemühen, einen Begehungsschein für ein Revier zu bekommen. Denn darüber entscheiden die (meist männlichen) Revierinhaber und Hauptpächter, und von denen hörte sie nur: lieber keine Frau. Angeblich sei sie nicht stark genug für die Arbeiten, die im Revier anfallen: umgefallene Bäume aus dem Weg räumen, Kanzeln aufstellen, erlegtes Wild bergen. Doch auch ein Mann schafft es nicht, einen 120-Kilo-Rothirsch ohne Seilwinde alleine auf die Ladefläche eines Autos zu wuchten. Jagen ist Teamarbeit, aber vom gemischten Doppel sind einige konservative Grünröcke nicht überzeugt. Das sei ja fast verständlich, sagt Denise Tegen: „Früher war die Frau dazu da, die Rehkeule zuzubereiten. Jetzt will sie das Reh auch noch schießen.“

Auf der anderen Seite gibt es natürlich Waidmänner, die die wachsende Zahl an Jägerinnen durchaus begrüßen. Klaus-Hinnerk Baasch, Präsident des Landesjagdverbands Schleswig-Holstein, ist der Ansicht, dass Frauen einen ausgeprägten Fürsorgeinstinkt und dadurch ein anderes Verantwortungsbewusstsein den Tieren und der Natur gegenüber haben: „Sie haben nicht diese Ich-bin-der-Größte-Attitüde, die ich bei einigen Jägern noch ab und zu sehe.“ Die Jagdlust als ein Streben nach Macht? Für den typischen Jungjäger trifft sie als Motivation nicht zu. In einer DJV-Umfrage gaben 87 Prozent der Befragten an, dass sie vor allem gerne in der Natur seien. Für die männlichen Befragten zählt auch der Appetit auf Wildbret, während Frauen über ihren Hund zur Jagd kommen. Als weitere Gründe werden Familientraditionen, das Interesse an Waffen und der angewandte Naturschutz angegeben. „Natürlich ist mir die Natur wichtig, aber es geht genauso darum, Beute zu machen“, sagt Martje Meyer. „Das sollte man nicht abstreiten, nur weil man die Reaktionen fürchtet.“ Die 17 Jahre alte Jägerin weiß um die Krux ihrer Leidenschaft. Ständig muss sich ein Jäger erklären, weil sein Tun für viele so unerklärlich ist. Jedes Mal, wenn er die Büchse schultert, lässt sich eine bleischwere Portion Rechtfertigung auf seinen Schultern nieder. Unter der kann man zusammenbrechen oder sie tapfer tragen, wie die Schülerin es tut: „Jagen ist ein Urtrieb, den spürt nur keiner mehr, weil es Dinge wie Chicken McNuggets gibt.“ Erstaunlich, wie viel Kraft aus dieser zarten Frau spricht. Sie macht gerade Abitur und begleitet ihren Vater so häufig wie möglich ins Revier. Allein darf sie aufgrund ihres Alters noch nicht jagen. Andere Teenager haben in ihrem Zimmer Poster von Stars an den Wänden, über dem Bett der Neumünsteranerin hängen die von ihr geschossenen Trophäen.

An ihr erstes Mal mit 16 kann sie sich gut erinnern. Sie hat geweint, als der Rehbock durch ihren Schuss getötet wurde. „In meinem Kopf tobte ein Gefühlschaos“, sagt Meyer. „Auf der einen Seite dachte ich: Was hast du getan? Auf der anderen fühlte ich den Stolz über die Beute.“ Ihr ganzes Leben habe sich durch ihre Passion verändert, erzählt sie. Anstatt in die Disco gehe sie jetzt lieber in den Wald, die Haare sind kürzer, die Kleidung gedeckter. Schluss mit Pink! 1000 Euro kostet Meyer die jährliche Mitgliedschaft im Jagdrevier; ihre Wunschwaffe (ein Geradezugrepetierer) das Fünffache. Jagen ist ein kostspieliges Hobby, doch die Sehnsucht nach Natur, Authentischem und Ursprünglichem scheint für viele den Preis wert.

Es geht sogar noch jünger als Martje Meyer. Jägerin Katharina Strümpell aus der Nähe von Buxtehude nimmt ihre Kinder mit auf den Ansitz. Die fünf Jahre alte Tochter und der vierjährige Sohn unterscheiden problemlos einen Fuchs von einem Dachs oder eine Eiche von einem Ahorn. „Das gehört für mich zur Allgemeinbildung“, sagt Strümpell. Jagen als Naturkundeunterricht. „Andere Kinder wissen alle Automarken, meine lernen die Verbundenheit zur Natur.“ Strümpell erzählt, dass ihr der Jagdschein nie geschadet habe. Gerade Männern gegenüber könne man damit durchaus Eindruck machen.

Zurück zur Treibjagd nach Loop. Nadine Weers blickt umher, auf einmal rasen zwei Sauen an ihr vorbei. Es fallen Schüsse, die Sauen sind tot. Nadine hat nicht geschossen, es war ihr Nachbar. Das Adrenalin geht runter. Ausatmen. Trieb befriedigt? „Den Jagdtrieb hat jeder in sich, der geht nicht weg“, sagt Nadine Weers. „Der kleine Unterschied ist nur: Andere jagen Autos oder Schuhe. Ich Tiere.“

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