Integration

Vom Flüchtlingsschiff ins Eigenheim nach Norderstedt

Lusaber und Vagharshak Lalayan sind 1993 aus Armenien nach Deutschland gekommen – und all ihre Hoffnungen wurden erfüllt. Das Abendblatt war zu Besuch bei einer Bilderbuchfamilie.

Norderstedt. Sie fahren mit der U-Bahn-Linie1 an Villen mit Mercedes oder BMW in der Einfahrt vorbei. Ihren wenige Tage alten Sohn Vahagn hält Lusaber Lalayan auf dem Arm. Einen Kinderwagen oder ein Tragetuch hat sie nicht für ihn. Ihr Mann Vagharshak trägt zwei Stofftaschen mit Büchern und Kleinigkeiten darin. Das und ihre Kleidung, die sie an diesem Wintertag anhaben, ist alles, was sie aus ihrer armenischen Heimat mitbringen.

In dem Containerdorf an der Hoisbütteler Straße in Ohlstedt werden sie nun leben. Es ist laut in dem neun Quadratmeter-Zimmer, in dem die junge Familie wohnt, weil die Metallwände so dünn sind. Nebenan sind ihre afrikanischen Nachbarn zu hören. Wenn der 23-jährige Vagharshak Lalayan seine Kleidung waschen muss, zieht er sich nackt aus und wartet im Container, bis seine Frau mit seiner sauberen Kleidung vom Waschen zurückkehrt. Dann ist sie an der Reihe. Sie haben eine Kartoffel auf dem Boden liegen, weit weg vom Babybettchen. Die Kakerlaken mögen Kartoffeln. Jeden Morgen saugt Frau Lalayan die Tiere dann weg.

Das ist jetzt 21 Jahre her. 1993 haben die Lalayans die armenische Hauptstadt Jerewan mit einem Zug verlassen, ihr altes Leben aufgegeben, um in Deutschland ein neues zu beginnen. In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft lebten sie auf dem Wohnschiff „Bibby Stockholm“, die am Altonaer Elbufer mit den Schwesterschiffen „Bibby Altona”, „Bibby Kalmar” und „Bibby Challenge” bis 2006 als zentrale Aufnahmestelle diente. Wenige Tage später kamen sie mit ihrem Neugeborenen nach Ohlstedt. Heute wohnen die Lalayans in einem Einfamilienhaus in einer typischen Einfamilienhaussiedlung in Norderstedt und führen ein Mittelstandsleben. Der offene Kamin heizt das Wohnzimmer, die Rhododendren hinter der Terrassentür lassen angesichts der Minusgrade die Blätter hängen. Auf dem Wohnzimmertisch steht eine Auswahl an Keksen. Die Lalayans haben, so wie 25.000 andere Flüchtlinge in diesen Tagen, auf ein besseres, ein sicheres Leben gehofft. Die Hoffnungen der Lalayans haben sich erfüllt. Sie haben ihren Weg gemacht – vom Leben auf dem Wohnschiff zum Eigenheim und eigener Firma. Vorurteile gegenüber Menschen, die aus einem anderen Land stammen, haben aber auch noch ihre Kinder erfahren, obwohl sie hier geboren sind.

Die Lalayans sagen, sie haben immer die richtigen Menschen getroffen und wie wohl die meisten Flüchtlinge heute auch, sind sie mit einem positiven Grundgefühl gekommen. „Die Einstellung war: Uns wird geholfen werden, es wird besser.“ Aus Armenien sind sie während des Krieges gegen Aserbaidschan als politisch Verfolgte geflohen. Im Containerdorf in Ohlstedt waren es der freundliche Hausmeister oder Klaus aus der Nachbarschaft, der mit seinen Musikern in die Unterkunft kam. Die Musik war das Verbindende, auch wenn die Lalayans damals kaum Deutsch sprachen. Es gab Wochenenden, an denen die Ohlstedter Essen ins Containerdorf brachten und mit den Flüchtlingen an gedeckten Tischen aßen. „Die Deutschen haben eine ausgeprägte Willkommenskultur“, sagt Herr Lalayan und lacht. „Fast schon ein Helfersyndrom.“

Wichtiger als Almosen waren ihm aber immer Hilfen zur Selbsthilfe. „Man muss den Menschen ihre Würde lassen.“ Und dann war da noch Rosemarie Lehmann, 80, die das junge Ehepaar damals unterstützte – die an die Containertür klopfte und Lusaber Lalayan in die Eltern-Kind-Gruppe der benachbarten Kirchengemeinde einlud. Wenige Monate später überließ Frau Lehmann der Familie ihre Wohnung in Farmsen für drei Monate, während sie selbst auf Kur war. Ihren Mut, fremden Menschen die Wohnung zu überlassen, erklärt Frau Lehmann heute so: „Wir haben nur mit Mimik kommuniziert. Das war so intensiv, dass wir uns in die Herzen geschaut haben.“ Die Freundschaft zu Frau Lehmann besteht immer noch. Eine Zwangseinquartierung von Flüchtlingen, wie sie Günter Grass fordert, können sich die Lalayans nicht vorstellen: „Mit Zwang, das halte ich für schwierig“, sagt der 46-Jährige. Nicht, weil es Flüchtlinge, sondern weil es fremde Menschen seien.

Das Schlimmste war damals wie heute die Warterei. „Es war peinlich, zum Sozialamt gehen zu müssen. Mein eigenes Geld durfte ich ja nicht verdienen.“ Das müsse dringend geändert werden. Vagharshak Lalayan: „Es ist doch egal, wo die Menschen untergebracht sind. Wichtiger ist, dass sie arbeiten dürfen und nicht zum Nichtstun gezwungen sind.“ Mit selbst genähten Ledertaschen und Putzjobs hat der studierte Informatiker versucht, sich und seiner Frau eine Existenz aufzubauen. „Aber die Taschen wollte niemand haben“, sagt er und lacht wieder.

Er erinnert sich daran, wie häufig er in der Schlange vor der Ausländerbehörde an der Amsinckstraße stand und warten musste, um alle drei Monate seine Duldung zu verlängern. „Wenn ich dann die Nummer 639 zog, wusste ich, es dauert wieder länger.“ Meint: viele Stunden. Erst acht Jahre nach ihrer Ankunft war das Asylverfahren beendet, und beide durften bleiben. Sie sind positive Menschen, immer gewesen. Ihnen habe geholfen, dass sie offen geblieben sind für Neues. „Wenn ich nach Deutschland komme, muss ich diese Gesellschaft verstehen wollen, sie akzeptieren und ein Teil dieser Gesellschaft werden wollen“, sagt Vagharshak Lalayan, der sich vor fünf Jahren mit seiner Firma documentXpath selbstständig gemacht hat und Betriebe mit einem von ihm entwickelten Archivierungssystem ausstattet.

Noch immer wundern sich die Lalayans, dass „Menschen mit Migrationshintergrund“ als Problem statt als Bereicherung gesehen werden. Die Grundschullehrerin von Tochter Lilith hatte den Lalayans gesagt: „Ihre Tochter bekommt eine Hauptschulempfehlung. Einer muss ja.“ Die 20-Jährige hat in diesem Jahr Abitur gemacht hat und bereitet sich auf ihr Produktdesign-Studium vor, ihr Bruder Vahagn, 21, studiert Chemie. Selbstverständlich seien die Flüchtlinge, die kommen, keine homogene Gruppe. „Die Flüchtlinge“, die gebe es natürlich nicht. „Sie decken alle Schichten ab. Von Kriminellen, Arbeitern bis zum Hochschulprofessor. Jeder versucht das zu erreichen, was ihn ausmacht“, so Vagharshak Lalayan.