Verkehr

Taxifahren zum halben Preis in Hamburg

| Lesedauer: 7 Minuten
Bob Geisler

Mit einer spektakulären Rabattaktion im Dezember will der Vermittlungsdienst mytaxi den Markt aufmischen. Taxenverband hält Aktion für illegal. Konkurrenten sprechen von „Effekthascherei“.

Hamburg Ein bisschen nervös ist mytaxi-Chef Niclaus Mewes schon. Alle Computerserver des Hamburger Unternehmens Intelligent Apps mit Sitz an der Großen Elbstraße sind in den vergangenen Tagen noch einmal durchgecheckt worden, die Mitarbeiter im eigenen Callcenter wurden gesondert gebrieft. Die Fahrer, die in der Hansestadt mit der Taxibestell-App zusammenarbeiten, haben schon am Donnerstag eine E-Mail erhalten, in der sie auf ein erhöhtes Aufkommen an Fahrgästen eingestimmt werden. „Vom kommenden Montag an könnte es zu einem heftigen Ansturm kommen“, sagt Mewes.

Der Grund für die Nervosität ist die wohl aufwendigste Rabattaktion, die das Hamburger Taxigewerbe je erlebt hat. Vom 1. bis einschließlich 24. Dezember will mytaxi 50 Prozent der Taxirechnung für alle Fahrten innerhalb der Hansestadt übernehmen. „Eine Fahrt zum Flughafen, die im Schnitt 30 Euro kostet, ist dann schon für 15 Euro zu haben“, sagt Mewes. Eine typische Stadtfahrt im Wert von zehn Euro koste so nur noch fünf.

Voraussetzung für die Teilnahme an der Aktion ist, dass die Passagiere ihre Taxifahrten über die Smartphone-App des Hamburger Unternehmens buchen und bezahlen. Dazu müssen sie auch die bargeldlose Bezahlfunktion innerhalb des Handy-Programms aktivieren, indem sie entweder die Informationen ihres Paypal-Kontos oder ihrer Kreditkarte bei der Registrierung hinterlegen. Am Ende einer Tour wird zunächst der reguläre Fahrpreis angezeigt, dann aber automatisch mit einer Gutschrift in Höhe von 50 Prozent der Kosten verrechnet.

„Mitte 2009 haben wir unser Unternehmen in Hamburg gegründet und hier ist unser Service immer besonders gut angenommen worden“, sagt Mewes. „Daher fühlen wir uns den Hamburgern verpflichtet und wollen ihnen mit der Aktion einmal etwas zurückgeben.“ Gerade in der Vorweihnachtszeit sei es sehr viel angenehmer, sich mit seinen Einkäufen im Taxi nach Hause kutschieren zu lassen als das Gedrängel in Bussen oder Bahnen zu ertragen.

Diese offizielle Begründung lässt sich allerdings rasch unter dem Begriff „Marketing“ abhaken, in Wahrheit geht es dem Hamburger Unternehmen um eine Vergrößerung des eigenen Marktanteils in der Stadt und um den Versuch, die bargeldlose Bezahlfunktion in ihrer App zu bewerben. Diese nutzen bislang nämlich nur etwa 30 Prozent der mytaxi-Kunden, der Großteil bezahlt lieber mit Münzen und Euro-Scheinen. „Wir haben festgestellt, dass die Kunden, die bargeldlos bezahlen, zu unseren loyalsten zählen und den Dienst regelmäßig nutzen“, räumt Mewes auf Nachfrage ein. „Das wollen wir natürlich ausbauen.“

Eine nicht unerhebliche Rolle bei der Rabattaktion dürfte auch der neue Eigentümer von mytaxi spielen. Seit Anfang September befindet sich der Betreiber Intelligent Apps komplett in der Hand der Daimler-Tochter Moovel, ohne deren Finanzkraft die massiven Preisnachlässe in der Hansestadt wohl kaum zu realisieren wären. Der Stuttgarter Autokonzern drückt beim Ausbau des Geschäfts mächtig aufs Tempo. Bis Ende 2014 wolle man mit Moovel und dem Carsharing-Anbieter Car2Go einen Umsatz von 100 Millionen Euro erreichen, hieß es kurz nach der Übernahme.

Der Vorstoß von mytaxi dürfte darüber hinaus dazu dienen, den besonders aggressiv auftretenden Konkurrenten Uber in Schach zu halten. Die Amerikaner hatten bei dem Versuch, Privatleute zu Chauffeuren zu erklären, zwar eine Schlappe vor diversen Gerichten einstecken müssen und können ihren Dienst UberPop daher in der Elbmetropole nur noch zu vergleichsweise schlechten Konditionen für die Fahrer anbieten.

Stattdessen ist das Unternehmen nun aber in der Hansestadt mit dem Dienst UberTaxi an den Start gegangen, bei dem es ähnlich wie mytaxi direkt mit den professionellen Taxifahrern zusammenarbeitet. Dieser Dienst sei in Hamburg gut angenommen worden, erklärte ein Uber-Sprecher, ohne konkrete Zahlen zu nennen.

„Das langsame Auftreten von Uber im deutschen Markt scheint den mytaxi-Verantwortlichen schon jetzt schlaflose Nächte zu bereiten“, sagt der Chef des Konkurrenten Hansa Funktaxi, Dirk Schütte. „Wie sonst ist es zu erklären, dass sie bereit sind, Hunderttausende Euro zu verschenken? Kein seriös kalkulierender Unternehmer kann sich so etwas leisten.“

Aus Sicht von Hansa Funktaxi ist die Rabattaktion vor allem „Effekthascherei“, die sich auch schnell zu einem Bumerang entwickeln könne. „Das könnte passieren, wenn Tausende von Hamburgern gleichzeitig ein Taxi bestellen und dann kein Wagen verfügbar ist“, sagt Schütte, der sich selbst mit einem Aufkommen von 14.000 Touren täglich als Marktführer in der Metropolregion sieht.

Der Hamburger Taxenverband stuft die „Wahnsinnsaktion“ von mytaxi gar als illegal ein. „Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb verbietet schlicht solch einen Verdrängungswettbewerb durch 50-Prozent-Rabattaktionen“, sagt der zweite Vorsitzende des Verbands, Clemens Grün. „Es ist kapitalkräftigen Firmen nicht gestattet, durch den Verkauf unterhalb des Einstandspreises andere aus dem Markt zu vertreiben.“ Er kündigte an, die Aktion genau zu beobachten. Juristisch könnten aus seiner Sicht allerdings nur betroffene Einzelunternehmer, aber nicht der Verband tätig werden.

Die Hamburger Wirtschaftsbehörde kann hingegen keinen Verstoß gegen die Richtlinien im Taxigewerbe erkennen. „Wenn die Aktion von mytaxi gesponsert wird, dann haben wir in diesem Fall nichts zu beanstanden“, sagt eine Sprecherin der Behörde.

Auch mytaxi-Betreiber Mewes wähnt sich auf der juristisch sicheren Seite. „Wir haben die Rabattaktion rechtlich prüfen lassen und halten sie für unbedenklich. Letztlich handelt es sich nur um eine Variante anderer Bonusaktionen, die wir auch früher schon angeboten haben.“ Die geltenden Tarife würden von mytaxi nicht umgangen, da zunächst ja der reguläre Fahrpreis gezahlt und quasi zeitgleich mit dem Gutschein verrechnet werde.

Es ist nicht das erste Mal, dass mytaxi mit ungewöhnlichen Aktionen für erhebliche Unruhe in der Taxibranche sorgt. Erst Anfang des Jahres hatte Mewes die eigenen Partner gegen sich aufgebracht, weil er quasi über Nacht das Vergütungsmodell änderte. Statt pauschal 79 Cent sollten die Fahrer nun drei bis 30 Prozent ihres Verdienstes an den Vermittler abgeben. Ein Aufstand mit Demonstrationen in ganz Deutschland waren die Folge.

Mytaxi ruderte daraufhin zurück und verlangt nun bis zu 15 Prozent an Provision, den genauen Wert können die Fahrer selbst festlegen. Etwa 1000 Partner hat mytaxi durch die unbedachte Aktion verloren, die im Laufe des Jahres mühsam wieder zurückgewonnen werden musste.

Heute arbeiten in der Bundesrepublik angeblich wieder gut 18.000 Fahrer mit mytaxi zusammen, etwa so viele wie vor Umstellung des Vergütungsmodells. In Hamburg sollen es 2500 sein, wobei Konkurrenten und der Taxenverband diese Zahl angesichts von gerade einmal 3300 registrierten Fahrzeugen insgesamt in der Hansestadt eindeutig für zu hoch gegriffen halten.

Von der jetzt geplanten Rabattaktion sollen die Fahrer nicht nur durch eine höhere Zahl an Passagieren profitieren. Ihnen wird nach Angaben des Unternehmens bis zum Jahresende ebenfalls die Hälfte der Vermittlungsgebühr erlassen. „So haben alle Seiten etwas davon“, ist Mewes überzeugt. Bei einem Erfolg kann er sich vorstellen, ähnliche Aktionen auch in anderen deutschen Städten zu starten.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg