Wenn Autofahrer die SMS sehen, aber nicht den Lastwagen

Experten: Handy erhöht das Unfallrisiko teils um das 23-Fache

Hamburg.

Twittern, Chatten oder Telefonieren wird nicht als Unfallgrund in die Statistik aufgenommen. Deshalb ist kaum zu ermitteln, wie viele Menschen jährlich in Hamburg verunglücken, weil ein Autofahrer durch sein Smartphone abgelenkt war. Zudem sei die Beweislage sehr schwierig, sagt der Chef der Verkehrsdirektion der Polizei, Ulf Schröder. „An einem Unfall Beteiligte würden wohl niemals zugeben: Ich habe nicht auf die Straße, sondern auf mein Handy geschaut“, sagt auch ADAC-Sprecher Christian Hieff. Die Nutzung der Geräte im Straßenverkehr ist klar geregelt: Autofahrern droht, wenn sie nur das Handy in die Hand nehmen, ein Bußgeld von 60 Euro, ein Punkt in Flensburg und nach Unfällen eine Kostenübernahme. Bei Radfahrern wird ein Verwarngeld von 25 Euro fällig.

Stark erhöht ist das Unfallrisiko vor allem beim Schreiben am Steuer – um das 23-Fache. Telefonieren erhöht die Gefahr, einen Unfall zu bauen, zwar auch, aber „nur“ um den Faktor fünf. Dabei können die Folgen einer nur Sekunden dauernden Ablenkung dramatisch sein: So verunglückte im September ein Fahranfänger, 19, bei Buchholz tödlich, weil er an seinem Handy herumgespielt haben soll. Ebenso wie die Busfahrerin, 60, die im Januar 2013 an einer Kreuzung der Bramfelder Straße einen Unfall mit mehreren Schwerverletzten verursachte. Aber nicht nur Rad- und Autofahrer, auch Fußgänger begeben sich in Gefahr. Verkehrsforscher Michael Schreckenberg berichtet von einer Schülerin, die auf ihr Smartphone starrend einen Bahnübergang übersah und von einer Straßenbahn erfasst wurde. Sie überlebte knapp. Auf Sylt war ein Jogger im April an einem Bahnübergang von einem Zug getötet worden – zuvor soll er mit seinem Handy beschäftigt gewesen sein.

Schreckenberg entwickelt mit Informatikstudenten in Duisburg, Essen und Dortmund ein Frühwarnsystem, das der „Handy-Mania“ auf Gehwegen Rechnung trägt. Eine bei Autofahrern und Fußgängern auf dem Smartphone installierte App könnte Alarm geben, wenn ein Unglück droht – etwa wenn ein abgelenkter Fußgänger bei Rot über die Straße will. Verboten ist die Handynutzung für Fußgänger nicht, sie kommt im Bußgeldkatalog gar nicht vor.

Andere Länder sind da schon ein Stück weiter: In Großbritannien werden Menschen durch Plakate an Bushaltestellen, auf denen steht „Er sah die SMS, aber nicht den Lastwagen“ gewarnt. In den USA experimentieren Behörden mit „sprechenden Bussen“, die unachtsame Fußgänger beim Abbiegen per Lautsprecher mit den Worten aufschrecken: „Fußgänger, der Bus biegt ab!“