Zeitgeschichte

Als Hamburger Auswanderer zu Kaffeebaronen wurden

Die Schweizer Wissenschaftlerin Christiane Berth hat die Geschichte von Hamburger Auswanderern erforscht. Viele von ihnen zog es im 19. Jahrhundert nach Lateinamerika. Kaufmänner wurden zu Kaffeekönigen.

Rotherbaum. Kaffee ist das beliebteste Getränk der Deutschen. Im Durchschnitt trinkt jeder Deutsche pro Jahr 149 Liter – so viel, wie in eine Badewanne passt. Dass der Hamburger Hafen zu den weltweit wichtigsten Umschlagplätzen für Rohkaffee gehört, ist auch jenen hanseatischen Kaufleuten wie Erwin-Paul Dieseldorff zu verdanken, die im 19. Jahrhundert nach Zentralamerika auswanderten. Sie kurbelten auf den Kaffeeplantagen in Guatemala, Mexiko oder Costa Rica den Anbau und schließlich den Export des Kaffees in ihre Heimat an und legten damit die Basis für den Handel, der bis heute blüht.

Die Schweizer Wissenschaftlerin Christiane Berth, ehemals Mitarbeiterin an der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte, hat sich in mehreren Studien mit diesem Thema befasst. Jetzt erschien im University Press Verlag Hamburg ihr umfangreicher Band „Biografien und Netzwerke im Kaffeehandel zwischen Deutschland und Zentralamerika 1920– 1959“ (560 Seiten, 39,80Euro).

Zu den vier Millionen Deutschen, die zwischen 1850 und 1913 über den Hamburger Hafen nach Übersee auswanderten, gehörte auch der Jude Erwin-Paul Dieseldorff (1866–1940). Der Tropenlandwirt und Maya-Forscher aus Hamburg ließ sich in Guatemala nieder und legte Kaffeeplantagen an. „In den folgenden Jahren baute er einen riesigen Finca-Komplex auf, exportierte Kaffee und unterhielt einen Laden in Coban“, schreibt die Wissenschaftlerin.

Mitglieder der Bankiersfamilie Nottebohm wanderten auch aus

Ende des 19. Jahrhunderts wanderten auch Mitglieder der Hamburger Bankiersfamilie Nottebohm nach Guatemala aus, die bald zu den größten Bohnen-Exporteuren des Landes zählen sollten. Derweil gründete der deutsche Tropenlandwirt Arthur Edelmann in Mexiko seine Finca Hamburgo. Die Regierung des lateinamerikanischen Landes hatte ihn und weitere Jungunternehmer eingeladen, ihr Glück in Übersee zu suchen und dort neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Ähnlich freundlich waren die Kontakte zwischen dem Deutschen Reich und Guatemala. Ein von Reichskanzler Otto von Bismarck mit der guatemaltekischen Regierung vereinbartes Abkommen garantierte den deutschen Einwanderern günstige Konditionen beim Landkauf. Um den Import der begehrten Bohne zügig zu gewährleisten, betrieb die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) eine direkte Schiffsverbindung von der Elbe nach Zentralamerika. Der Anbau auf den deutschen Plantagen boomte.

Wie Christiane Berth schreibt, wurden 1862 allein in Guatemala bereits 5,5 Millionen Kaffeepflanzen gezählt. Der Hamburger Auswanderer Helmuth Schmolck schwärmte: „Diese Kaffeelandwirtschaft ist nichts anderes als eine Großindustrie im Grünen. Gott ließ den Kaffee wachsen und der Mensch in seiner unersättlichen Arbeitswut machte aus einem lieblich blühenden Gesträuch eine Fabrik.“

So gelangte lateinamerikanischer Rohkaffee in steigenden Mengen nach Hamburg und Bremen. „Bis Ende des 19. Jahrhunderts“, betont Christiane Berth, „stieg Hamburg zum wichtigsten europäischen Einfuhrhafen für Kaffee aus Brasilien, Costa Rica, Guatemala und Westindien auf.“

Um die Arbeit noch besser zu koordinieren, schlossen sich die Hamburger Händler im „Verein der am Caffeehandel betheiligten Firmen“ zusammen. In der Speicherstadt wurde die Ware tonnenweise gelagert; hier machten die rund 200 Vereinsmitglieder ihre Geschäfte. Allein im Jahr 1913 importierten die Händler über den Hamburger Hafen mehr als 210.000 Tonnen Rohkaffee – der vorläufige Höhepunkt. Denn wenig später begann mit der Weltwirtschaftskrise und der Machtergreifung der Nazis zeitweise ein wirtschaftlicher Niedergang.

Ehre und Vertrauen zählten bei den Kaufleuten

Die Kaffeekönige in Hamburg und Übersee arbeiteten in ihren Netzwerken auf den Grundlagen des „Ehrbaren Kaufmanns“ zusammen. „Ehre und Vertrauen waren bei hanseatischen Kaufleuten wie den Rohkaffeehändlern langfristige Investitionen in den moralischen Kredit“, sagt Professorin Dorothee Wierling, stellvertretende Direktorin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

Die historischen Arbeiten über den Kaffee seien ein Lehrstück über das Selbstverständnis der „Ehrbaren Kaufleute“, bei denen der bloße Handschlag höchste Verbindlichkeit habe.

Was aus dem Aufschwung von damals geworden ist, lässt sich beispielsweise in Guatemala und Mexiko heute auf vielerlei Weise beobachten. Nachfahren der Nottebohm-Einwanderer sind nach wie vor wichtige Akteure im internationalen Kaffeegeschäft. Und auf der Finca Hamburgo im Süden Mexikos erhalten Touristen Einblicke, wie die Edelmann-Nachfahren bereits in vierter Generation Kaffee anbauen.

Dass der Hamburger Hafen heute der größte europäische Importhafen für Rohkaffee ist – daran haben die Hamburger Tropenlandwirte einst mitgewirkt und es ist ihnen in großen Teilen zu verdanken.