Trotz Protests: Vorfahrt für Räder an der Alster

Behörden starten Umbau des Harvestehuder Wegs. Anwohner sind dagegen, Händler befürchten Einbußen – und auch die Handelskammer hat Einwände

Harvestehude. An der Außenalster formiert sich bei Geschäftsleuten und teilweise auch bei Anwohnern massiver Protest gegen die Einrichtung der Fahrradstraßen. Die Handelskammer ist ebenfalls irritiert über das schnelle Vorgehen beim Bauvorhaben. „Selbstverständlich begrüßt die Handelskammer eine Verbesserung der Radwege-Infrastruktur. Mit dem Ausbau des ersten Abschnitts wurden aber Fakten geschaffen, die den Anforderungen der Besucher und des Lieferverkehrs nicht umfassend Rechnung tragen“, sagt Christine Beine, Leiterin des Geschäftsbereichs Infrastruktur bei der Handelskammer. „Man muss nicht ohne Not bestehende Radwege auf die Straße verlegen.“

Am Dienstag gab die Wirtschaftsbehörde offiziell den Startschuss für die Bauarbeiten des ersten Teilstücks – der Harvestehuder Weg wird seit einigen Tagen im Abschnitt von der Alten Rabenstraße bis zum Anglo-German Club in eine Fahrradstraße umgewandelt. Die Fahrbahn erhält durchgängig eine Breite von 6 bis 6,50 Meter. Kosten: 1,5 Millionen Euro. Am 9. Dezember sollen die Arbeiten beendet sein, geplant ist der Ausbau weiterer Teilstrecken rund um die Außenalster.

„Es gibt doch am Harvestehuder Weg schon einen wunderschönen Radweg, der Ausbau ist teuer, vollkommen überflüssig und verursacht ein Verkehrschaos“, sagt Olaf Thomas, Mitinhaber des Inneneinrichtungsgeschäfts „Interieurs“ an der Milchstraße, die in den Harvestehuder Weg mündet. „Es ist viel ruhiger in Pöseldorf geworden und durch die umständliche Verkehrsführung viel schwieriger für Kunden, hierher mit dem Auto zu kommen“, sagt er.

Viele Kollegen fürchten durch die Baumaßnahmen Einbußen. Einer von ihnen ist Maurits van Heyst, Chef des Herrenbekleidungsgeschäfts Barons & Bastards an der Milchstraße 10. „Relativ schnell“ sei man vor vollendete Tatsachen gestellt worden, durch einen lapidaren Brief vor Wochen, der wie billige Werbung aufgemacht gewesen sei, sagt er. „Ich befürchte durch die Baumaßnahmen Einbußen.“ Auch der Wirt eines italienischen Restaurants sagt: „Der Ausbau des Radwegs kostet den Steuerzahler viel Geld, unverständlich, weil es schon einen Radweg gibt. Dann werden weniger Touristen kommen.“

Ortstermin gestern nahe des Anlegers Bodo's Bootssteg. In einem kleinen, eigens für die Medienvertreter aufgebauten Pavillon wird eine Karte aufgehängt, sie zeigt die Ausbau-Pläne. Der jetzige Ausbau sei ein deutliches Signal und zeige, „dass der Senat es mit der Radwegförderung ernst meint“, sagt Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof, der von drei Bezirksamtsleitern Andy Grote (Mitte), Harald Rösler (Nord) und Torsten Sevecke (Eimsbüttel) begleitet wird.

Rieckhof begründet den Ausbau mit einer steigenden Zahl der Radfahrer, die Infrastruktur müsse sich darauf einstellen. Das Ziel sei, den Anteil des Radverkehrs in den kommenden Jahren von derzeit zwölf auf 18 Prozent zu heben. Am Harvestehuder Weg gebe es derzeit pro Tag 4400 Radfahrer, aber nur 3500 Kraftfahrzeuge; an einem Abschnitt am Alsterufer, dem nächsten Ausbauteil, seien es täglich 4300 Radfahrer, aber nur 1200 Autos.

Die drei Bezirkschefs betonen, dass es bisher nur vereinzelt Beschwerden von Anwohnern gegen die Fahrradstraßen gegeben habe. Die Öffentlichkeit sei mit einbezogen worden, an Infocontainern rund um die Außenalster habe die Möglichkeit bestanden, mit den Planern zu diskutieren und Anregungen und Ideen für die Förderung des Radverkehrs entlang der Außenalster zu äußern. Anwohner, Lieferverkehr und alle Personen mit einem Anliegen in der Straße dürften die Fahrradstraße auch künftig mit dem Auto befahren, sagt Rieckhof. Jedoch müssen sie sich an die Geschwindigkeit der Radfahrer anpassen. Es gilt maximal 30 Kilometer pro Stunde für alle, Parkplätze blieben hier bestehen, heißt es.

Trotz durchaus gravierender Einschnitte sei außer einem Info-Container seitens des SPD-Senats kein Format geplant, mit dem die Anlieger an den Planungen beteiligt würden, kritisiert indes die Hamburger CDU. Sie forderte daher per Antrag im bezirklichen Verkehrsausschuss, eine Planungswerkstatt einzurichten, mit der interessierte Bürger in die Planungen einbezogen werden. Die SPD und die Grünen erteilten dieser Initiative eine Absage. Christoph Ploß, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Bezirksfraktion: „Die Ablehnung von angemessener Bürgerbeteiligung bei den geplanten Fahrradstraßen durch SPD und Grüne zeigt: Beide Parteien haben anscheinend von den aktuellen Entwicklungen beim Busbeschleunigungsprogramm nichts gelernt.“

Till Steffen, dem verkehrspolitischen Sprecher der Grünen-Bürgerschaftsfraktion, geht der jetzt begonnene Ausbau am Harvestehuder Weg längst nicht weit genug: „Was der Senat an der Alster betreibt, ist Radverkehrsförderung extra light. Nachdem der Senat drei Jahre beim Radverkehr geschlummert hat, entwickelt er nun drei Monate vor der Wahl eine hektische Aktivität.“ Doch vieles sei dabei nur die Minimalversion des Möglichen. „Anstatt dort anzufangen, wo hamburgweit der größte Handlungsbedarf in Sachen Radverkehr herrscht, nämlich am Ostufer der Außenalster, beginnt er bei der einfachsten Maßnahme, den Fahrradstraßen am Harvestehuder Weg“, so Grünen-Politiker Steffen.