Gerettet vor den Islamisten

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Matthias Gretzschel

Mit einer lebensgefährlichen Aktion bewahrten der malische Schriftenexperte Abdel Kader Haidara und seine mutigen Mitstreiter die berühmten Manuskripte von Timbuktu vor der Zerstörung durch Rebellen. Jetzt war er in Hamburg bei den Wissenschaftlern der Uni, die bei der Restaurierung der unschätzbaren Dokumente helfen

Der 1. April 2012 war für die legendäre Wüstenstadt Timbuktu ein Schicksalstag. Nachdem es kurz zuvor in der malischen Hauptstadt Bamako zu einem Militärputsch gekommen war, brach Chaos im Land aus. Tuareg-Rebellen und radikalislamistische Kämpfer fielen über die im Norden gelegenen Städte her und marschierten auch in Timbuktu ein. Abdel Kader Haidara, Schriftenexperte und Besitzer einer der größten historischen Bibliotheken der Stadt, war just an diesem Tag nach Timbuktu zurückgekehrt und sah nun fassungslos, wie die Aufständischen öffentliche Gebäude zerstörten und in den Straßen randalierten.

Bei seinem Hamburg-Besuch fällt es Haidara nicht leicht, über diesen Tag zu sprechen. Anfang der Woche hat der malische Gelehrte, der ein langes Gewand in strahlendem Weiß und eine dunkelrote traditionelle Kopfbedeckung trägt, in Berlin den Afrika-Preis der Deutschen Afrika-Stiftung entgegengenommen. Nun sitzt er beim Abendblatt-Gespräch in einem schmucklosen Konferenzraum des „Sonderforschungsbereichs Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa“ der Hamburger Uni und erzählt zuerst nachdenklich und stockend, dann aber immer lebhafter über eine Zeit, in der für ihn persönlich, seine Heimatstadt und die Kultur Afrikas ungeheuer viel auf dem Spiel stand.

Das an der nördlichen Biegung des Niger im 12. Jahrhundert entstandene Timbuktu war nicht nur eine wichtige Handelsstadt, die das südliche Afrika mit den Ländern des Maghreb verband, es war auch ein Buchhandelsplatz, ein Zentrum der Gelehrsamkeit, in dem moslemische Intellektuelle geistigen Austausch pflegten und Werke über Theologie und Astronomie, Mathematik und Poesie, Geschichte und Recht, Geografie und Medizin studierten und selbst verfassten.

Die Karawanen brachten nicht nur Salz und Gold, sondern eben auch Manuskripte aus dem mediterranen Raum und Arabien nach Timbuktu, wo damals großartige Bibliotheken entstanden, die bis heute erhalten geblieben sind: literarische Schriften aus dem 13. Jahrhundert, Manuskripte zu täglichen Regierungsgeschäften, diplomatische Botschaften oder Vereinbarungen über den Handel von Salz und Tabak. Bis zum Einmarsch der Islamisten gab es in Timbuktu 35 private Bibliotheken und das staatliche Ahmed-Baba-Institut, in denen ein unermesslicher Schatz verwahrt wurde. Die Mamma-Haidara-Gedächtnis-Bibliothek, deren Direktor Abdel Kader Haidara ist, gehört zu den größten Manuskriptsammlungen der Stadt.

„In der ersten Woche haben wir uns alle in unseren Häusern versteckt. Überall wurde geschossen, man konnte nirgendwo hingehen, alle hatten Angst“, sagt Haidara, der sich in der zweiten Woche der islamistischen Besetzung, als sich die Situation etwas beruhigt hatte, erstmals wieder auf die Straße traute. „Was ich dort sah, hat mich erschüttert. Überall Spuren von Plünderungen und Zerstörungen, und ich sah auch Papiere durch die Luft fliegen. Da dachte ich sofort an die Manuskripte und welche Gefahren ihnen drohten“, sagt der 47-Jährige, der sich sofort zum Handeln entschloss. Er nahm Kontakt zu allen Personen auf, die über Manuskriptsammlungen verfügten und entwickelte mit ihnen eine groß angelegte Rettungsaktion.

Die Dimension war enorm, denn immerhin ging es um knapp 300.000 Manuskripte, die unauffällig geborgen und abtransportiert werden mussten. Zuerst holten Haidara und seine Mitstreiter die historischen Schriften aus den Bibliotheken, in denen sie besonders gefährdet waren, und brachten sie in unauffällige Privathäuser. Aber das war nur ein erster Schritt, denn eine sichere Verwahrung konnte es nur außerhalb des von den Rebellen kontrollierten Gebietes geben, so kam nur die etwas mehr als 700 Kilometer Luftlinie südlich gelegene malische Hauptstadt Bamako infrage. Schon unter normalen Umständen wäre ein Transport so empfindlicher Kulturgüter angesichts der dortigen Infrastruktur ein heikles Projekt, aber unter den Bedingungen des Bürgerkriegs bestand für alle Beteiligten Lebensgefahr.

Aber es galt auch praktische Probleme zu lösen. Da man die Manuskripte in aller Eile in Säcken aus den Bibliotheken gebracht hatte, mussten nun geeignetere Transportbehälter gefunden werden. Haidara kam auf die Idee, dafür jene Blechkisten zu verwenden, in denen die Menschen in Afrika ihre persönlichen Gegenstände zu transportieren pflegen. Um die gewaltige Menge an Manuskripten wegzuschaffen, waren weit mehr als 2000 Kisten erforderlich, was niemand hätte bezahlen können.

„Da mir die Ford Foundation für Westafrika ein Stipendium gestiftet hatte, mit dem ich in London Englisch lernen sollte, verfügte ich über 12.000 US-Dollar. Ich habe bei der Stiftung in Lagos per Mail angefragt, ob ich das Geld für die Rettung der Manuskripte verwenden darf, was sofort genehmigt wurde“, sagte Haidara, der den Scheck aber in Timbuktu nicht einlösen konnte, weil das Bankensystem zusammengebrochen war. Schließlich half ihm ein Bekannter, der außerhalb der Stadt noch eine funktionierende Bank entdeckt hatte. Dann endlich konnten die Bibliothekare alle in Timbuktu und Umgebung verfügbaren Blechkisten aufkaufen, am Ende waren es 2400.

Doch wäre es unmöglich gewesen, die Bücher einfach in Kisten zu packen und per Lkw nach Bamako zu transportieren. Um kein Aufsehen zu erregen, mussten sie auf Eseln oder einfachen Karren, in Einbäumen oder anderen Booten aus der Stadt an sichere Plätze gebracht werden, wo sie umgeladen und in privaten Personenwagen in die Hauptstadt gefahren werden konnten.

Um nicht aufzufallen, durften nur zwei Kisten pro Auto transportiert werden. Nachdem Abdel Kader Haidara die Lagermöglichkeiten in Bamako geklärt und von verschiedenen Stiftungen finanzielle Unterstützung erhalten hatte, konnte die Rettungsaktion im Juli 2012 starten. Im Lauf der nächsten Monate wurden insgesamt 285.000 Manuskripte in 2400 Metallkisten abtransportiert. Dafür waren etwa 1200 Touren von jeweils 14 Stunden notwendig. Auf die Frage, ob die Islamisten die ganze Zeit über keinen Verdacht schöpften oder ob er sie hätte bestechen müssen, reagiert der sonst eher sanfte Haidara ungewohnt heftig: „Nein, wir hatten nicht ein einziges Mal Kontakt zu ihnen. Das lief alles geheim und nur zwischen Menschen, die Vertrauen zueinander hatten“, sagt er, erwähnt aber ein anderes Probleme.

Noch während der Rettungsaktion gab es in der internationalen Presse zahlreiche Stimmen, die sich besorgt über die Situation der berühmten Manuskripte von Timbuktu äußerten. „Über meine Kontakte zur Unesco habe ich darum gebeten, dass man darauf Einfluss nehmen sollte, in der Öffentlichkeit möglichst nicht darüber zu spekulieren, denn dadurch wurden die Islamisten erst auf den Wert der Bibliotheken aufmerksam“, sagt Haidara, dessen Befürchtungen sich am Ende bestätigen sollten: Kurz bevor die Rebellen vor den anrückenden französischen und malischen Truppen im Januar 2013 flohen, setzten sie noch die Ahmed-Baba-Bibliothek in Brand. Zu diesem Zeitpunkt war die Aktion glücklicherweise schon abgeschlossen, sodass nach aktuellen Schätzungen mindestens 95 Prozent der Timbuktu-Manuskripte gerettet worden sind.

Doch mit der Verlagerung nach Bamako und einigen weiteren südlich gelegenen Orten drohten den empfindlichen Handschriften Gefahren ganz anderer Art. Nachdem sie sich über Jahrhunderte im trockenen Wüstenklima des Nordens befunden hatten, sind sie 800 km weiter südlich in Bamako nun tropisch-feuchter Hitze ausgesetzt. Auch der Transport in den Metallkisten und die anschließende zwangsläufig unsachgemäße Lagerung setzten den Schriften teilweise gewaltig zu. Deshalb begann die Nichtregierungsorganisation, zu der sich die Manuskriptbesitzer zusammengeschlossen hatten, in Kooperation mit mehreren internationalen Partnern die dringlichsten Maßnahmen zu prüfen, um die Objekte dauerhaft zu erhalten.

Zu den acht internationalen Unterstützern gehören auch die in Düsseldorf ansässige Gerda Henkel Stiftung und das Auswärtige Amt. Die deutschen Partner sorgten schließlich auch dafür, dass die Hamburger Universität mit ihrem Sonderforschungsbereich Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa beteiligt wird, das international als Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC) firmiert.

Im April 2013 reisten der Manuskript-Experte Dmitry Bondarev und die Restauratorin Eva Brozowsky von Hamburg nach Bamako, um die Situation vor Ort zu erkunden Gemeinsam mit den Besitzern, einheimischen Experten und internationalen Partnern wurden konkrete Pläne für die Rettung der Manuskripte entwickelt. Ziel war es zunächst, in Bamako ein Archiv zu errichten, in dem die Timbuktu-Manuskripte nicht nur gelagert, sondern auch konservatorisch behandelt, katalogisiert und anschließend digitalisiert werden können, damit sie der Forschung zugänglich werden.

Inzwischen stellten die Hamburger Wissenschaftler eine Art „Erste-Hilfe-Set“ zusammen, das Ausrüstungen und Werkzeuge umfasst und erste konservatorische Maßnahmen ermöglicht. Besonders wichtig war die Bereitstellung von säurefreien Umschlägen und Kartons, in denen die Manuskripte gelagert werden können. Im September und Dezember 2013 reiste Eva Brozowsky erneut nach Bamako, half in dem inzwischen hergerichteten Archivgebäude bei der Installation von 16 mit deutschen und schweizerischen Mitteln erworbenen Luftentfeuchtern, die ihre Energie aus einer Solaranlage erhalten, um vom täglich gestörten öffentlichen Stromnetz unabhängig zu sein. Vor allem aber schulte sie in Workshops die örtlichen Mitarbeiter, die die konservatorische Sicherung vornehmen.

„Wir sind schon sehr weit gekommen, stehen aber noch vor einer enormen Aufgabe“, sagt Abdel Haidara, der den Zustand der Manuskripte in drei Kategorien einteilt: Etwa 60 Prozent seien stabil, 20 Prozent stark beschädigt und weitere 20 Prozent darüber hinaus äußerst fragil. Nach und nach werden die Oberflächen der Papiere nun gereinigt, Risse und Bruchstellen repariert, Schimmel und andere Ablagerungen entfernt und die Manuskripte anschließend in säurefreien Kartons gelagert.

Das Archiv in Bamako soll aber auch zu einem Zentrum für Digitalisierung ausgebaut werden. Mit einer Spiegelreflexkamera, Makrolinsen, Tageslicht-Flächenleuchten und einem höhenverstellbaren Kamerastativ konnte die entsprechende Ausrüstung bereits angeschafft werden. Erst wenn die Dokumente digitalisiert sind, stehen sie einem größeren Forscherkreis überhaupt zur Verfügung. Auch für diese Aufgabe werden vor Ort Mitarbeiter geschult.

Abdel Haidara lebt zurzeit nicht in seiner Heimatstadt, sondern begleitet die Arbeit an den Manuskripten in der malischen Hauptstadt. Sollten die berühmten Handschriften nicht irgendwann an ihren Ursprungsort zurückkehren? „Selbstverständlich gehören sie nach Timbuktu. Ich hoffe sehr, dass sich die Lage irgendwann einmal wieder so stabilisiert, dass wir es verantworten können, dieses wichtige Kulturgut wieder dorthinzubringen, wo es hingehört“, sagte der malische Schriftenexperte. Als ich ihn am Ende unseres Gesprächs danach frage, welche Botschaft die Manuskripte der Welt mitzuteilen haben, lächelt er und sagt: „Unsere Schriften zeugen von uraltem Wissen, von Weisheit und auch von Toleranz. Gerade die alten religiösen Texte berichten zwar auch von vielen Konflikten, weisen aber stets einen Weg, sie friedlich zu lösen.“

Mythos Timbuktu

Die geheimnisvolle Wüstenstadt am Rand der Sahara in Mali hat jahrhundertelang die Fantasie der Europäer beschäftigt. Das im 11. Jahrhundert gegründete Handelszentrum entwickelte sich zu einem geistigen und kulturellen Mittelpunkt mit weitreichenden Verbindungen. Vor allem im frühen 19. Jahrhundert glaubte man in Europa, dass in dem für Christen unzugänglichen Timbuktu märchenhafter Reichtum sei.

Der erste Europäer, der Timbuktu besuchte und unbeschadet zurückkehren konnte, war 1828 der Franzose René Caillié. Vom einstigen Glanz der Stadt konnte er nicht mehr viel entdecken. Ähnlich ging es dem in Hamburg geborenen Afrika-Forscher Heinrich Barth, der Timbuktu 1853 erreichte. Zeugnisse der Blütezeit sind drei Moscheen, 16 Friedhöfe und Mausoleen, die die Unesco 1988 in die Welterbeliste aufnahm. Einige dieser Bauwerke wurden von den Islamisten 2012 zerstört.

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