Die schöne Seite des Klimawandels

Experten und Laien treffen sich zum 9. Extremwetterkongress in der HafenCity. Sie informieren bis Freitag über Folgen des Klimawandels, die meistens, aber nicht immer negativ sind

Hamburg. Sonnenbaden an Alster und Elbe von Mai bis Oktober, laue Nächte und wenig Regen – im Raum Hamburg war der Sommer 2014 ein Supersommer und reichte mühelos bis in den Oktober. Das Wort „Super“ lässt sich auch anders deuten: als extremes Wetterereignis, das zu den Szenarien des Klimawandels passt. Damit ist der Hamburger Sommer nur eine, die schöne Seite einer Medaille. Auf der anderen Seite stehen heftige Sommergewitter mit Hagel und Regengüssen, die Keller und Straßen unter Wasser setzen. Mit diesen unangenehmen Begleiterscheinungen der Klimaerwärmung befasst sich der 9. Extremwetterkongress in der HafenCity. Er wurde am Montag eröffnet. Die Organisatoren erwarten bis Freitag rund 5000 Besucher.

„Beim Klimawandel muss man mit beidem rechnen, mit warmen und trockenen Perioden, aber eben auch mit extremen Niederschlägen“, sagt Prof. Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) in Kiel. „Es gibt ein Wechselspiel zwischen beiden Extremen, das in einem einzigen Sommer oder auch in verschiedenen Jahren auftreten kann. Dieses Jahr haben wir hier in Hamburg Glück.“ Ganz anders in Nordrhein-Westfalen: Zahlreiche schwere Gewitter suchten den Westen Deutschlands heim, überfluteten Straßen und Keller. Am 9. Juni kamen in Düsseldorf bei dem Gewittersturm namens „Ela“ drei Menschen ums Leben – die „Bild“-Zeitung schrieb von „Tropen-Pfingsten“ in Deutschland, die mit Unwettern endeten. Und am 28. Juli fielen in Münster 292 Liter Regen auf jeden Quadratmeter. Innerhalb von sieben Stunden.

„In Nordrhein-Westfalen käme die Frage, ob der Klimawandel die Chancen auf solche Supersommer erhöht, gar nicht gut an“, sagt Dr. Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes. Und es liege nur ein Jahr zurück, als auch der Norden die hässliche Seite der Klimamedaille zu spüren bekam. Anhaltend starke Niederschläge im Einzugsgebiet ließen im Juni 2013 den Elbpegel auf Rekordwerte steigen, elf Jahre nach der „Jahrhundertflut“ von 2002. Die größten Schäden gab es elbaufwärts im Raum Magdeburg, wo bei Sommerhitze große Landstriche überflutet wurden – von Badespaß keine Spur. Die Elbbrücke der ICE-Trasse Hannover–Berlin wurde so stark beschädigt, das erst nach mehreren Monaten wieder Züge über das Bauwerk rollen durften.

Doch selbst ein besonders sonniger und trockener Sommer hat seine Schattenseiten. „Wenn die Elbe sich stärker erwärmt, sinkt der Sauerstoffgehalt und die Gefahr steigt, dass Fische sterben“, sagt der Hamburger Meteorologe Frank Böttcher, Chef des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation und Organisator des Extremwetterkongresses. „Kleinere Gewässer können austrocknen. So führte die Saselbek in diesem Jahr drei Wochen lang kein Wasser. Dadurch verendeten Fische, Muscheln und andere Wasserbewohner. Im Jahr 2002 war die Saselbek nur eine Woche lang trocken.“

Während ungewöhnlich warme Sommer in unseren mittleren Breiten – zumindest bei ausbleibenden Unwettern – eher als angenehm empfunden werden, sind sie für die Bewohner der Arktis ein Problem. Davon berichtet der Hamburger Expeditionsleiter Arved Fuchs, der gerade mit seinem Segelschiff „Dagmar Aaen“ aus Ostgrönland zurückgekommen ist. „Die Küstenbewohner jagen Walrosse und Robben von der Eiskante aus. Diese Jagd funktioniert nicht mehr, weil das Eis verschwunden ist. Die Jäger beobachten sehr genau die Natur. Sie erzählen von fremden Tieren und Pflanzen, die plötzlich auftauchen, zum Beispiel Insekten, die in dem wärmeren Klima nun überleben können.“

Ostgrönland sei dafür bekannt, dass es selbst im Sommer aufgrund von Packeis (mehrjähriges Seeeis) schwer zugänglich ist. Fuchs: „Der Ostgrönlandstrom expediert enorme Eismassen von Nord nach Süd. Das mehrjährige Eis war so hart, dass selbst Eisbrecher darin stecken blieben. Als wir in diesem Jahr an die Küste fuhren, sahen wir überhaupt kein Packeis mehr. 1997/1998 haben wir im Scoresbysund, dem größten Fjord der Welt, überwintert. Im Sommer 1998 war es fast unmöglich, aus dem Fjord herauszukommen. Irgendwann drehte sich der Wind und öffnete uns eine schmale eisfreie Rinne“, erinnert sich der Polarexperte.

Während sich das gefrorene Meereis rarmachte, trieben der Crew der „Dagmar Aaen“ in manchen Fjorden Massen von Süßwassereis entgegen. Sie stammen von schmelzenden Gletschern. „Die Gletscher sind aktiver geworden und schieben unglaubliche Mengen an Inlandeis ins Meer hinaus“, schildert Arved Fuchs seine Beobachtungen. Meteorologe Böttcher liefert die Zahlen dazu: „Jedes Jahr verliert Grönland zwischen 100 und 350 Milliarden Tonnen Eis, in diesem Jahr sogar 375 Milliarden Tonnen. Das stellten Forscher des Alfred-Wegener-Instituts anhand von Satellitendaten fest.“ Zusammen mit den Gletschern der Antarktis sind sogar 500 Milliarden Tonnen Eis ins Meer geflossen. Diese Menge entspricht einer Eisschicht, die rund 600 Meter dick ist und sich über das gesamte Stadtgebiet Hamburgs erstreckt.

Arved Fuchs ist die Arktis ans Herz gewachsen, und er ist durch die Veränderungen am Polarkreis alarmiert. Aber er ist es leid, immer wieder vor dem Klimawandel zu warnen. „Viele Menschen schalten inzwischen ihre Ohren auf Durchzug. Ich setze bei den jungen Menschen an und habe vor acht Jahren die ,Ice Climate Education‘-Jugendcamps ins Leben gerufen. Wir fahren jedes Jahr mit einer kleinen internationalen Schülergruppe, mit zehn bis zwölf Teilnehmern, ins Eis. Die Jugendlichen sollen Gletscher sinnlich erfahren. Diese emotionale Komponente ist mir wichtig. Die Schülerinnen und Schüler berichten anschließend von ihren Erfahrungen, rütteln Freunde, Lehrer und Eltern auf. Es ist zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber wenn jeder Einzelne in seinem Lebensbereich das Thema transportiert, ließe sich viel Verständnis für den Klimawandel wecken.“

Dieser schreite – ungeachtet gegenteiliger Aussagen mancher Klimaskeptiker – weiter voran, betont Mojib Latif. „Die Treibhausgase führen dazu, dass mehr Energie im Erdsystem vorhanden ist. 93 Prozent der seit 1970 angefallenen zusätzlichen Energie haben die Weltmeere aufgenommen, nur vier Prozent das Land und die Atmosphäre, weitere drei Prozent die Eisschmelze. Die Meere nehmen weiterhin Energie auf und erwärmen sich weiter, das zeigt der konstante Anstieg des Meeresspiegels. Die Pause des Klimawandels findet nur an der Landoberfläche statt.“

Dem Ozeanografen Latif macht ein weiteres Phänomen Sorgen: die Versauerung der Ozeane. Neben der Energie nehmen die Weltmeere auch das Treibhausgas Kohlendioxid auf. Im Wasser wird daraus Kohlensäure. Sie setzt vor allem kalkbildenden Organismen wie Korallen, Muscheln und winzigen Kalkalgen zu. Latif bezeichnet die Versauerung als „Sargnagel“ der Ozeane. Allein ihretwegen müsse der CO2-Ausstoß drastisch reduziert werden.

Während sich die Veränderungen in den Meeren im Stillen vollziehen, trifft der Wandel in der Atmosphäre die Menschen direkt. „Deutschland war schon 2013 Weltmeister. Allerdings nicht im Fußball: Wir hatten mit den Überschwemmungen im Mai/Juni global die teuerste Naturkatastrophe des Jahres“, sagt Prof. Peter Höppe vom Rückversicherer Munich Re. Der Versicherer der Versicherungen beobachtet in einer eigenen Forschungsabteilung die Entwicklung der Schäden durch Extremwetter. Die Hochwasser vor allem der Elbe und Donau verursachten 2013 Schäden von acht Milliarden Euro, davon seien 1,8 Milliarden versichert gewesen, so Höppe. „Und am 27./28. Juli riefen Hagelschläge Schäden von 3,6 Millionen Euro hervor – die teuersten Hagelschläge überhaupt.“ Die größten Hagelkörner hatten damals Durchmesser von bis zu acht Zentimetern und waren damit größer als Tennisbälle.

Höppe hält es für notwendig, dass sich die Entscheidungsträger, aber auch die Bevölkerung mehr um Vorsorge kümmern. Als vorbildliches Beispiel nennt er den Hamburger Sturmflutschutz: „Nach der Katastrophe von 1962 investierte die Stadt gut 2,2 Milliarden Euro in den Überschwemmungsschutz. Seitdem wurde der Pegelstand von 1962 – 5,70 Meter – neunmal überschritten, ohne dass größere Schäden entstanden. Die Investitionen in Schutzmaßnahmen haben Schäden von rund 20 Milliarden Euro verhindert.“

„Extremwetter/Klimawandel und Verkehr“ lautet das Schwerpunktthema des diesjährigen Kongresses in der HafenCity. Wie sehr die Verkehrsinfrastruktur vom Wetter abhängt, zeigt sich bei Eis- und Hitzeschäden an Straßen, bei Problemen mit Klimaanlagen in überhitzten ICE, wenn die Binnenschifffahrt wegen Hoch- oder Niedrigwassers eingestellt werden muss oder bei Unwetterlagen, die den Flugverkehr lahm legen.

Die Region Hamburg erlebte in diesem Jahr bislang nur die glänzende Seite der Klimamedaille. Nach Aussagen der Wetter- und Klimaexperten ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Kehrseite zeigt. Sie appellieren an die Verantwortlichen, sich darauf vorzubereiten, damit die Hamburger und allgemein die Bundesbürger auch mit extremen Hitzeperioden oder sommerlichen Unwettern möglichst gut leben können.