Schifffahrt

Die „Johann Hinrich Wichern“ ist die Barkasse Gottes

Seit mehr als 140 Jahren ist die Binnenschifferseelsorge eine wichtige Aufgaben der Flussschifferkirche. Zweimal in der Woche schippert ein Team ehrenamtlicher Helfer und Diakone durchs Hafengebiet.

Hamburg. Der Schiffsdiesel dröhnt, die himmelblaue Flagge mit dem Ankerkreuz flattert im Wind. Barkassenführer Charly, ein Original mit Ringel-T-Shirt, Kapitänsmütze und weißem Vollbart, steuert die „Johann Hinrich Wichern“ flott über die glatte Elbe. Vor zehn Minuten ist er vom Ankerplatz im Sportboothafen losgetuckert, jetzt fährt die Barkasse in die Billwerder Bucht. Hier warten mehrere Schiffe aufs Entladen oder neue Aufträge. Charly nimmt Gas raus. Das Binnenschiff „Enok“ ist die erste Station der Tour, die das Seelsorge-Team der Flussschifferkirche – heute bestehend aus Diakonin Christel Zeitler und Vorstandsmitglied Manfred Jahnke – an diesem Tag zu den Binnenschiffern im Hafen unternimmt.

Seit mehr als 140 Jahren ist die Binnenschifferseelsorge eine wichtige Aufgaben der Flussschifferkirche. Unter dem Motto „Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen können, muss die Kirche zu den Menschen kommen“ schickte Rauhes-Haus-Gründer Johann Hinrich Wichern 1870 den ersten Hafenmissionar auf einem kleinen Boot zu den Binnenschiffern. 1905 wurde für die Flussschiffer eine eigene Gemeinde geschaffen, die seit 1952 ein zur Kirche umgebautes Schiff besitzt. Für den mobilen Einsatz auf dem Wasser gibt es seit 1962 die „Joh. H. Wichern“, die vorher Hafenarbeiter transportierte.

Nun schippert sie zweimal in der Woche ein Team ehrenamtlicher Helfer und Diakone durchs Hafengebiet und sucht Binnenschiffer an ihrem Arbeitsplatz auf. Die sind, oft mit ihren Familien, wochenlang unterwegs auf den Flüssen Europas, kämpfen um Aufträge, mit widrigen Arbeitsbedingungen, steigenden Dieselpreisen und sinkenden Frachtraten. Häufig haben sie keine Möglichkeit, von Bord zu gehen, wenn sie auf Reede liegen. Wenn die „Wichern“ anleg, ist das eine willkommene Abwechslung. „Wir werden immer sehr freundlich begrüßt und treffen oft sogar auf Binnenschiffer, die auf unserem Kirchenschiff getauft oder konfirmiert wurden“, sagt Christel Zeitler.

Charly stoppt die Barkasse längsseits der „Enok“, hinter deren Fenstern Topfpflanzen stehen. „Aha, Frau an Bord“, sagt die Diakonin. Während Manfred Jahnke, der heute den Job des Festmachers übernimmt, die „Wichern“ in Position hält, schnappt sie sich eine der Tüten, die sie während der Fahrt mit Äpfeln, Schokolade, Abendblatt und HafenCity-Zeitung gefüllt hat. Dann steigt sie auf die Plattform an Heck und wartet darauf, bemerkt zu werden. Tatsächlich tritt eine Frau aus der Tür. Mit ihren kurzen blonden Haaren und der kräftigen Figur sieht Anke Kramer aus wie jemand, der zupacken kann – wichtige Voraussetzung für eine Binnenschifferin. Sie begrüßt die Besatzung der Seelsorge-Barkasse und nimmt die „guten Gaben“ von Christel Zeitler dankend in Empfang. „Die regelmäßigen Besuche sind eine nette Geste, über die wir uns besonders in der Adventszeit und an Ostern sehr freuen“, sagt sie.

Anke Kramer und ihr Mann Michael kommen mit Raps aus Hitzacker. Weil die Ernte gerade in vollem Gange ist, müssen sie zwei Tage auf einen Termin fürs Entladen warten. Für Eigner wäre das eine ärgerliche und teure Verzögerung. Doch die Kramers sind angestellt, ihnen macht das Warten nichts aus. Zumal sie es mit ihrem Liegeplatz gut getroffen haben: Sie können an Land, haben sogar ein Auto an Bord.

Man plaudert ein bisschen über dies und das, dann geht es weiter. Auf einer Tour werden bis zu 20 Schiffe angefahren, da ist für langen Klönschnack keine Zeit – es sei denn, ein Binnenschiffer hat Gesprächsbedarf. „Bei einem Trauerfall in der Familie, einem Unfall an Bord oder Ärger mit dem Chef werden wir oft an Bord gebeten“, sagt Manfred Jahnke. „Dafür nehmen wir uns natürlich mehr Zeit.“

Die Binnenschifffahrt gehört zu den Stärken des Hamburger Hafens und ist für Massen- und Gefahrgüter sowie zunehmend auch für Container eine kostengünstige und umweltfreundliche Transportalternative. Seit der Hafen durch die Wiedervereinigung Deutschlands sein natürliches Hinterland wiedergewonnen hat, sind Binnenschiffe auf der Unter-, Mittel- und Oberelbe Richtung Brunsbüttel, Cuxhaven, Berlin, Magdeburg, Dresden und bis nach Tschechien unterwegs. Daher hat die „Wichern“ auch tschechische Zeitungen an Bord, außerdem Nachrichten in polnischer und englischer Sprache, die vom Server der Lübecker Seemannsmission stammen.

Zwei weitere Schiffe werden in der Billwerder Bucht angefahren: die „Norderstedt“ von Sabine und Wolfgang Becker, die seit 25 Jahren auf den Flüssen unterwegs sind und jetzt Getreide aus Magdeburg geladen haben, und die „Dettmer Tank-52“, die Schwefelsäure für die Kupferhütte Aurubis bringt. Auf ihrem Weg durch Peutekanal, Spreehafen, Reiherstieg, Rethe und Köhlbrand besucht die „Wichern“ noch 14 weitere Schiffe. Sie haben Kohle, Kies, Erz oder Getreide geladen und wirken im Vergleich zu den benachbarten Containerriesen winzig. Seelsorge braucht heute niemand, doch ihre Tüten wird Christel Zeitler alle los. Bei jeder Übergabe erkundigt sie sich nach der Zahl der Besatzungsmitglieder und ihrer Nationalität. Heute sind fast alle deutsch. Trotz der Strapazen mögen sie ihren Beruf: Martin Lüders, der wie die Kramers mit Raps aus Magdeburg kommt und sich bald selbstständig macht; Michael Wegener, seit 38 Jahren Binnenschiffer und mit Erz aus Brunsbüttel hier; Steven Brandt, dessen Getreide-Ladung gerade gelöscht wird; David Plaul, der die „Nordland VII“ zwei Wochen auf Reede hüten wird, weil die Eigner Urlaub haben; und der 17-jährige Felix Hildebrandt, der gerade eine Ausbildung zum Binnenschiffer macht.

Im Laufe der Jahre hatten Manfred Jahnke und Christel Zeitler zu den meisten von ihnen bereits Kontakt. Nicht an alle können sie sich erinnern. Denn im vergangenen Jahr hat die „Wichern“ an 982 Schiffen festgemacht und 2389 Mann Besatzung mit Schokolade, Äpfeln, Nachrichten und freundlichen Worten versorgt.