Sprung in die Zukunft

Es war einmal eine Insel. Die wurde zur Keimzelle eines schnellen und modernen Hafens und zu einem Ort voller Arbeit und Geschichte. Dann die märchenhafte Wandlung: Heute dient der Grasbrook vielen zur Entspannung und als Heimat für das schon vor seiner Eröffnung gut besuchte neue Wahrzeichen der Stadt.

Der junge Kellner der Kaiserperle ist wirklich geschäftstüchtig: „Nun kommen Sie mir bloß nicht mit einem einfachen Espresso – Sie brauchen doch etwas Richtiges“, begrüßt er die vier Männer, die sich an den freien Tisch direkt am Rande des Dalmannkais setzen. Er macht diverse Getränkevorschläge. Am Ende bestellen drei der Touristen aus der Schweiz einen Rum mit Cola. Nur einer nimmt tatsächlich einen Espresso.

Gute Geschäfte werden am Grasbrookhafen aber nicht erst seit heute gemacht, sondern schon seit mehr als 250 Jahren – und rau ist der Ton hier auch seit eh und je. Das mögen die Besucher aus der Schweiz kaum glauben, wenn sie die modernen Fassaden aus Glas, Stahl und Beton besichtigen – selbst nach dem zweiten Rum mit Cola nicht, an dem im Übrigen auch der Vierte im Bunde nicht vorbeikommt. Die Promenade ist heute eine Flaniermeile der HafenCity. Von der Elbphilharmonie im Westen bis zum Ende des Hafenbeckens im Osten reihen sich diverse neue Restaurants und Cafés aneinander. Dieser Teil der modernen, aufstrebenden HafenCity ist ein Ort voller Hamburger Geschichte und kaum bekannter Geschichten.

In den Jahren 1400 und 1401 sollen auf den Viehweiden und dem Richtplatz vor den Toren der Hansestadt Hamburg die Seeräuber Klaus Störtebeker und Gödeke Michels enthauptet worden sein. Nicht weniger als 428 Piraten, so heißt es, wurden hier hingerichtet. 1878 hat man auf dem Grasbrook zwei Schädel gefunden – einer von ihnen wurde auf das Jahr 1400 datiert. Die Schädel waren offenbar mit großen eisernen Nägeln auf ein Holzgestell genagelt worden. Auch wenn es nie wissenschaftlich bewiesen wurde: Einer der beiden könnte der Kopf von Klaus Störtebeker sein.

Knapp 100 Jahre nach dem Fund wurde – in einer den Piraten ähnlichen Aktion – auf Initiative des Architekten Dieter Groß und des Bildhauers Hansjörg Wagner eine lebensgroße Bronzestatue von Störtebeker am Brooktor aufgestellt. Die Empörung in der Stadt war damals groß. Die Figur wollte man hier im Hafen nicht haben. Und doch: Störtebeker stand jahrelang vor dem damaligen SAP-Gebäude am Ende des Grasbrookhafens und ist bis heute hoch erhobenen Hauptes am benachbarten Magdeburger Hafen zu sehen.

Was man sich im Jahr 2014 überhaupt nicht mehr vorstellen kann: Der Kleine Grasbrook im Süden der Elbe und der Große Grasbrook nördlich des Stroms waren früher einmal eine Insel. Erst zwischen 1568 und 1605 wurde diese geteilt, die Elbe begradigt und so der Hafen für Seeschiffe tauglich gemacht. Im Prinzip war das damals so etwas wie die erste „Elbvertiefung“.

Nachdem 1624 der letzte Freibeuter auf dem Richtplatz sein Leben ließ, erlebte der Grasbrookhafen eine neue Blüte als Zentrum der Hamburger Werften. Ab etwa 1740 entstanden hier Schiffbaubetriebe. Zur Blütezeit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es etwa 60 kleinere und größere Schiffbauer auf dem Großen Grasbrook. Am sogenannten Schiffbauerstrand saßen alle großen Werften – die Somm’sche Werft, Gleichmann & Busse ebenso wie Johns Werft. Nach ihrem Standort wurde die Johns’sche Ecke benannt – einer der markantesten Plätze im Hamburger Hafen. Hier entstand 1848 unter anderem das zweite Segelschiff der jungen Reederei Hapag, der Paketsegler „Nord Amerika“. Und genau hier entsteht derzeit die Elbphilharmonie.

Der Grasbrookhafen ist die Keimzelle des modernen Hamburger Hafens. Über Jahrhunderte machten in der Hansestadt Schiffe an den Pfählen im Strom fest und wurden dort über Leichter entladen. Am Grasbrook entstand eines der ersten modernen Hafenbecken, an dessen Kaimauern Seeschiffe zum Entladen direkt festmachen konnten.

Der Dalmannkai – die nördliche Zunge am Becken des Grasbrookhafens – ist einer der wenigen Orte in der modernen HafenCity, der seinen historischen Namen behalten durfte. Die meisten Kais und Straßen erhielten eher exotische Namen von Entdeckern und weit entfernten Partnerstädten. Johannes Dalmann war kein Entdecker oder Abenteurer wie Ferdinand Magellan, Marco Polo oder Vasco da Gama, nach denen die umliegenden Plätze und Terrassen benannt wurden. Aber der 1823 in Lübeck geborene Dalmann war von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des modernen Hamburger Hafens.

Die Hansestadt tat sich schon damals schwer mit großen Entscheidungen, und so wurde jahrzehntelang darüber diskutiert und debattiert, ob der Hafen nach Londoner Vorbild als Dockhafen oder als offener Tidehafen erweitert werden soll. Beim Dockhafen wird in den Hafenbecken ein immer gleicher Wasserstand gehalten. Das macht das Be- und Entladen der Schiffe zwar einfacher, führt aber gleichzeitig zu langen Wartezeiten, da die Schleusentore vor den Hafenbecken nur zu bestimmten Tidezeiten geöffnet werden können.

Dalmann wurde 1857 zum kommissarischen Wasserbaudirektor der Stadt berufen. Er war ein entschiedener Befürworter des offenen Tidehafens und hatte Untersuchungen zur Elbströmung veröffentlicht, die genau diese Entscheidung befürworteten. Nachdem ihm 1864 das Amt des Wasserbaudirektors endgültig übertragen wurde, baute er den Hamburger Hafen entsprechend aus. Am nördlichen Teil der Landzunge, auf welcher der Dalmannkai liegt, entstand damals zunächst der Kaiserkai. Dort wurde 1872 erstmals eine Schiffsladung direkt auf die Bahn umgeladen. In Hamburg wurde die Eisenbahn damit erstmals an die Nordsee angeschlossen. Der schnelle, moderne Hafen war geboren.

Am Grasbrookhafen stand auch das älteste Hamburger Gaswerk: Rund 130 Jahre lang, von 1844 bis 1976, versorgte es die Stadt mit Licht und Wärme. Die Kohle, die im Hafen ankam, wurde dabei sofort in Gas umgewandelt. An der Elbe stand um 1900 der mit 200.000 Litern Volumen größte Gastank Europas.

Heute werden die Geschäfte am Grasbrookhafen nicht mehr in Holzschuppen gemacht, sondern hinter Glas- und Stahlfassaden. Der Reeder, Hotelier und Immobilienexperte Horst Rahe sitzt hier in seinem Johannes-Dalmann-Haus. Aus seinem Büro im vierten Stockwerk blickt der 74-Jährige über den Hafen und auf die Elbphilharmonie. Die Probleme sieht der Geschäftsmann pragmatisch gelassen: „Die schwierige und teilweise katastrophale Situation der Elbphilharmonie hat trotz allem auch eine positive Seite“, sagt Rahe. „Hamburg überschätzt sich immer leicht hinsichtlich seiner weltweiten Bekanntheit. Die wurde jedoch durch die Elbphilharmonie erheblich gesteigert.“ Wäre der Bau glattgelaufen, hätte er seiner Ansicht nach sicherlich weltweit nicht so viel Aufsehen erregt und für so viel Bekanntheit gesorgt. „Dass jedes Jahr weit über eine Million Stadttouristen sich heute schon die Elbphilharmonie ansehen, zeigt, welche Bedeutung dieses Bauwerk errungen hat“, sagt Horst Rahe. Der Besitzer des traditionsreichen Hotels Louis C. Jacob betreibt direkt gegenüber im Erdgeschoss mit dem Carls ein ebenfalls erfolgreiches Restaurant. In den Stockwerken darüber werden die Arosa Kreuzfahrten und Hotelbetriebe sowie seine Immobilien gemanagt.

Am anderen Ende des Dalmannkais residiert Speditionschef, Hapag-Lloyd-Mitbesitzer, HSV-Fan und Hotelier Klaus-Michael Kühne mit der Deutschland-Zentrale von Kühne + Nagel. Ein eigenes Büro hat der meist in der Schweiz lebende Kühne hier zwar nicht, doch wenn er in Hamburg ist, arbeitet er viel im Konferenzraum im 11. Stockwerk und hat von hier aus die Elbphilharmonie fest im Blick. „Kühne + Nagel war nach SAP das zweite Unternehmen, das in der HafenCity ein modernes Bürohaus für 650 Mitarbeiter baute. Ringsherum war nur Wüste. Viele warnten uns damals, hier ins Brachland zu ziehen“, erinnert sich der 77-Jährige. „Aber innerhalb weniger Jahre wurde dann um uns herum alles zugebaut – eine rasante Entwicklung.“

Der vier Jahre jüngere Harald Baum, der – etwas verkürzt beschrieben – aus dem Verlust der eigenen Jolle bei einem Brand einen der größten Yachtversicherer der Welt machte, sitzt ebenfalls gleich um die Ecke. Der passionierte Segler ließ das Bürogebäude für seine Pantenius-Versicherungsgruppe zwischen Grasbrook- und Sandtorhafen bauen. Der Standort ist ideal für den überzeugten Wassermenschen: Wann immer Baum kann, kommt er mit dem Boot aus Blankenese zur Arbeit. Er hat einen eigenen Liegeplatz im Traditionshafen.

Das erste Gebäude der neuen HafenCity liegt am Ende des Grasbrookhafens: 2003 wurde das SAP-Gebäude der Stuttgarter Architekten Ingrid Spengler und Manfred Wiescholek fertiggestellt. Von innen wirkt das Haus lichtdurchflutet – von außen eher wie ein schwarzer Klotz. Für die düstere Erscheinung wurden die beiden Architekten damals von vielen Hamburgern angefeindet. Nach knapp zehn Jahren in der HafenCity zog die Softwareschmiede SAP an den Dammtorbahnhof. In ihrem ehemaligen Gebäude kann man heute bei und von Kühne alles über die Welt der Logistik lernen.

In der Deutschland-Zentrale von Unilever gibt es hingegen Buchstabensuppe und neue Eissorten zum Testen. Das Café im Erdgeschoss des Bürogebäudes bietet einen wunderbaren Blick auf die am benachbarten Kreuzfahrtterminal liegenden Schiffe. Das Gebäude zeichnet sich durch eine energiesparende, etwas futuristisch anmutende Fassade mit weißer Folie aus. Der angrenzende 56 Meter hohe Marco-Polo-Tower mit seinen teuren Luxuswohnungen wurde mehrfach mit Immobilienpreisen ausgezeichnet. Der Rest der Landzunge zwischen Strandkai und Grasbrookhafen ist noch Brachfläche. Hier sollen in den kommenden Jahren weitere Wohnungen entstehen.

Brian Johns betreibt den ersten Kiosk der HafenCity. 2007 war „Hafencity-Tabak – und mehr“ das erste Geschäft im neuen Stadtteil und 2008 eines der ersten, in dem es „Der Hamburger“ gab. Gegründet wurde der kleine Laden am Kaiserkai 29 damals von Joachim Eckert, der zuvor einen Zeitungskiosk in Harburg betrieb. Seine Devise: Einen Kiosk braucht jeder Stadtteil – und jeder braucht Zeitungen. Also warum nicht den ersten Kiosk im neuen Stadtteil gründen?

Ein Jahr später stieß Brian Johns dazu. Die beiden wurden mit ihrem Kiosk so etwas wie der Treffpunkt und die Seele des neu entstehenden Wohnquartiers zwischen Grasbrookhafen und Sandtorhafen. Im Frühjahr starb Joachim Eckert.

Wer den kleinen Kiosk betritt, der eigentlich eher ein kleiner Tante-Emma-Laden ist, der merkt nach ein paar Minuten, dass hier etwas anders läuft als in den meisten Geschäften in der Stadt. Man kennt und schätzt sich. Ein älterer Mann kommt, hält einen kurzen Schnack, kauft eine Zeitschrift. Anschließend kommt Johns hinter dem Tresen hervor, umarmt den Mann und sagt: „Ich wünsche dir einen schönen Urlaub. Pass auf dich auf.“ Dann wendet er sich wieder dem Reporter zu: „Das ist hier – und das meine ich wirklich nett – schlimmer als in einem Kuhdorf. Hier kennt jeder jeden“, sagt er. Der 41-Jährige arbeitet nicht nur am Grasbrookhafen, sondern lebt auch hier: „Ich wohne direkt hinter dem Laden. Das gibt es ja nur noch selten, aber das ist super.“

Das größte, teuerste und mit Abstand bekannteste Gebäude am Grasbrookhafen ist natürlich die Elbphilharmonie. 110 Meter ragen die gläsernen Wellen über der Elbe empor. Seit 2007 wird gebaut – und werden in regelmäßigen Abständen neue Eröffnungstermine und neue Baukosten bekannt gegeben. Aus ursprünglich 77 Millionen Euro Kosten wurden 789 Millionen Euro. Der Eröffnungstermin verschob sich von 2010 auf 2017. Doch schon die Baustelle zieht die Menschen magisch an. Lange vor seiner Eröffnung zählt das Konzerthaus bereits mehr als 100.000 Besucher. Schon vor dem ersten Paukenschlag wird die Philharmonie als Hamburgs neues Wahrzeichen wahrgenommen: In Deutschland kennt es jeder.