Henry-Town – die Stadt, in der nur Kinder leben und arbeiten

Projekt: 200 Schüler lernen, wie das Gemeinwesen funktioniert

Lokstedt. Julian war gestern noch Türsteher, heute ist er arbeitslos. Marlon war gestern noch Angestellter im Arbeitsamt, heute ist er dort Chef. „Ich wollte mal sehen, wie das ist“, sagt der Zwölfjährige. Jetzt ist er dafür verantwortlich, dass die 200 Einwohner von Henry-Town einen Beruf finden. Arbeitslose wie Julian werden von Marlon und seinem Team beraten, außerdem bieten sie Fortbildungen an. Nora ist Bürgermeisterin. Als erste Amtshandlung hat die 14-Jährige Miete und Steuern gesenkt. Ist am Ende des Tages nicht mehr genug Geld im Staatssäckel, könnte es sein, dass die Stadt ihre Angestellten nicht bezahlen kann.

Die Einwohner von Henry-Town, der Kinderstadt des Jugendrotkreuzes auf dem Gelände des Corvey-Gymnasiums, sind zwischen sechs und 14 Jahre alt. Vier Tage lang leben sie selbstverwaltet und nach eigenen Regeln. „Sie übernehmen Verantwortung, treffen Entscheidungen und tragen die Konsequenzen“, sagt Hamburgs DRK-Präsident Wilhelm Rapp. „So erleben sie unmittelbar, wie eine richtige Stadt funktioniert.“ Rund 200 Kinder haben sich für die Veranstaltung angemeldet. Betreut werden sie von 150 ehrenamtlichen DRK-Mitgliedern; Eltern sind höchstens als Touristen zugelassen. Geschlafen wird auf Feldbetten in den Klassenzimmern; tagsüber spielt sich das Leben größtenteils auf dem Schulhof ab, wo viele rote und weiße Zelte aufgeschlagen sind.

Es gibt ein Rathaus, eine Post, ein Krankenhaus, einen Radiosender und eine eigene Zeitung, eine Telefongesellschaft, ein Kaufhaus, einen Beautysalon, eine Recyclingwerkstatt und ein Einwohnermeldeamt. Dort haben die Kinder am Donnerstagmorgen eingecheckt, einen Bürgerausweis erhalten und sich beim Arbeitsamt einen der 80 Berufe ausgesucht. Zur Auswahl stehen unter anderem Friseur, Bäcker, Schneider, Vermessungsbeamter, Online-Redakteur, Telefontechniker, Discjockey, Trickfilmer oder Schmuckdesigner. Um möglichst viele Berufe kennenzulernen, sucht sich jeder Bürger morgens und nachmittags einen neuen Job. Jeder verdient 40 Henrys am Tag. Vor der Auszahlung zieht das Finanzamt Steuern ab und die Wohnungsgesellschaft Geld für Wohnen und Essen. Von dem Rest können die Bürger ins Theater und ins Restaurant gehen, sich ein Telefon oder Naschzeug kaufen.

„Es macht Spaß, in Henry-Town zu leben“, sagen Otto, 9, Paula, 10, Sonia, 7, und Lena, 11, die in ihrem Werbeagenturzelt ein Plakat für den Getränkestand malen. Musik von der Radiostation schallt über den Schulhof, manchmal vom Moderator unterbrochen, der Neuigkeiten verkündet. Während Sara, 11, im buddhistischen Tempel den Drachentanz lernt, tippt Redakteurin Lisa, 9, gerade ein Interview mit der Bürgermeisterin für die Online-Zeitung (www.henrytown.de). Henri, 12, Leiter der Telefongesellschaft, prüft, ob die Leitungen zu Feuerwehr und Tanzschule funktionieren, die seine Techniker gelegt haben. „Hier lernt man wirklich viel“, sagt er zufrieden.