Abendblatt-Serie

Früher Kiezparty, heute Kuhweide in Seevetal-Maschen

Abendblatt-Serie: Wohin zieht es uns in Hamburg? Menschen berichten über ihre Lebensreise durch die Stadt. Teil 4: Anwältin Wiebe Buschmann, die heute vor den Toren Hamburgs in Seevetal-Maschen.

Hamburg. Wiebe Buschmann sitzt auf ihrem großen, hellen Sofa und blinzelt in die Sonne, die dank der großen Fensterfront keine Schwierigkeiten hat, das Wohnzimmer zu durchfluten. Auf dem flauschigen Teppich hat es sich Leon, ein 72 Zentimeter großer und 45 Kilo schwerer Rhodesian-Ridgeback, gemütlich gemacht. Er zerlegt genüsslich einen Knochen. Die Wiesen um das Mehrfamilienhaus an diesem Frühlingstag hier in Seevetal-Maschen leuchten grün, Kühe grasen.

Nach vielen Stationen in Hamburg wohnt Wiebe Buschmann jetzt wieder draußen vor den Toren der Stadt. Vor fünf Jahren zog sie mit ihrem Freund in diese 84-Quadratmeter-Wohnung. Leon zog sechs Wochen später ein. „Es ist die erste eigene Wohnung, in der ich wirklich zu Hause bin“, sagt Wiebe Buschmann nachdenklich und lehnt sich auf ihrem Sofa zurück.

Wenn die selbstständige Anwältin von ihrem Büro in der Hamburger City auf der A 1 Richtung Süden die Stadt verlässt, wenn sie dann zwischen Wiesen und Feldern hindurchfährt, der Blick endlich in die Ferne schweifen kann – dann spürt sie, wie sie sich entspannt, innerlich ruhig wird. „Ich komme raus aus dem Stadtverkehr, und alles fällt von mir ab.“ Weite, Raum, Natur. Das sind Dinge, die Wiebe Buschmann seit Beginn ihres Lebens in vollen Zügen genießt. Das Haus ihrer Eltern ist riesig, hat hohe Decken und große Fenster. Und es steht direkt am Waldrand in Hamburg-Hausbruch. Drinnen haben Wiebe und ihre zwei Brüder – der zwei Jahre ältere Claas und der drei Jahre jüngere Thees – jeweils ein eigenes Zimmer. Plus ein Zimmer für ihre Playmobil-Landschaft mit Straßen und Schlössern, Ritterburg und Ranch.

Wiebe, Claas und Thees sind ein vergleichsweise harmonisches Geschwistertrio. „Wir haben eigentlich nie richtig gestritten“, sagt die heute 34-Jährige. Sie toben lieber zusammen. Draußen im Wald oder beim Wettschaukeln im großen Garten, durch den auch eine Spielzeugeisenbahn fährt. Eine Wilde sei sie gewesen, erinnert sich Wiebe Buschmann: „Ich hatte immer aufgeschürfte Knie.“

Und ein Pferd hat sie. Bis heute. Das Reiten und die Tiere – das ist seit Kindestagen Wiebes große Leidenschaft. Als sie mit 22 Jahren das Elternhaus fürs Jura-Studium verlässt, bleibt sie südlich der Elbe in einer zentral gelegenen Wohnung in Harburg. Auch wegen des kurzen Weges zu ihrem Pferd, das im Süden Hamburgs steht. Erst Paragrafen pauken, dann Stallbesuch – so sieht Wiebe Buschmanns Studentenleben aus: „Ich war jeden Tag bei meinem Pferd. Das war ein toller Ausgleich.“

In der Wohnung selbst fühlt sich die Studentin dagegen nicht so wohl. Weite und Raum gibt es auf den 40 Quadrametern nicht. Stattdessen einen Nachbarn unter ihr, der ständig zu laut Fernsehen guckt. Entsprechend wenig ist sie in der Wohnung. Über den Herd legt sie eine Glasplatte und nutzt ihn als Ablagefläche. Für warmes Essen fährt sie lieber die Viertelstunde nach Hausbruch zu ihren Eltern. Als sie 2005 nach Bahrenfeld in eine 30-Quadratmeter-Wohnung im vierten Stock zieht, wird das Wohngefühl nicht besser. Die Wohnung ist der zu diesem Zeitpunkt 26-Jährigen aber auch herzlich egal, sie ist eh kaum zu Hause. „Das war meine Partyzeit. Ich war die ganze Zeit mit dem Fahrrad auf dem Kiez und in der Schanze unterwegs“, erzählt sie. Die Einrichtung ihrer Bude beschränkt sich entsprechend auf das Wesentliche: Bett, Schrank, Schreibtisch. Keine Pflanzen, keine Kerzen oder sonstige Deko. „Eine Freundin, die mich öfter in der Wohnung besuchen kam, sagte: ‚Du wohnst hier, aber du bist hier nicht zu Hause.’“

Auch als sie 2008 zu ihrem Freund in seine Wohnung in Eimsbüttel zieht, stellt sich das Zuhausegefühl nicht ein, im Gegenteil: „Das war eine harte Zeit.“ Zum einen, weil Wiebe Buschmann nicht mehr allein wohnt – eine schwierige Umstellung für sie: „Ich bin total launisch und absolut keine Teamwohnerin.“

Das andere Problem: Eigentlich ist dem Paar von Anfang an klar, dass die 40 Quadratmeter für die beiden nicht reichen, dass sie eine andere Wohnung brauchen. Doch es dauert dann doch bis zum August 2009, bis sie schließlich finden, wonach sie suchen: die doppelt so große Wohnung in Seevetal. Mit Wiesen und Kühen in unmittelbarer Nachbarschaft.

Hier geht die Anwältin in ihrer Freizeit spazieren, fährt Fahrrad mit Hund Leon, „dem entspanntesten Zeitgenossen der Welt“, wie sie sagt. Hier ist sie in 15 Minuten bei ihrem Pferd. Und, das Wichtigste: Weite, Raum und Natur sind zurück in ihrem Leben. „Hier fühle ich mich nicht eingesperrt“, sagt Wiebe Buschmann. Manchmal, wenn sie als Anwältin wieder einen dieser Tage hinter sich hat, an dem in ihrem Büro das Telefon nicht still steht, geht sie abends zu Hause in Seevetal erst einmal raus in den Wald. Dort bleibt sie irgendwann stehen. Und lauscht. „Da hört man nichts“, sagt sie und lächelt.

Teil 5: Linda Strauch lebt in Niendorf, Eimsbüttel, Bergedorf und auf Finkenwerder – aber heimisch wird sie erst in Farmsen.