Abendblatt-Serie, Folge 1

Wie wollen wir leben? Stadt oder Land?

Hohe Mieten, teures Eigentum, Pendler im Dauerstau, Mängel bei der Bauqualität, nervige Nachbarn – das Wohnen in Hamburg und Umgebung ist ein Dauerbrenner-Thema. In einer fünfteiligen Serie befasst sich das Abendblatt deshalb mit der Frage: Wie wollen wir Leben?

Große gehören in die Großstadt (von Yvonne Weiß)


Ja, ich bin ein Landei. Gülleluft macht mir nichts aus. Süßer Sekt in überhitzten Schützenfestzelten: lecker. Jeden kennen und von jedem gekannt werden: meistens gut (es sei denn, die eigene Mutter hört von der Bekannten der Friseurin, dass ich dem Nachbarn des befreundeten Frauenarztes – einem Architekten – betrunken in die neue Hausmauer gekracht bin). Alle sind Besitzer, kaum jemand Mieter. Riesige Kinderzimmer und Gärten, überall offene Haustüren, Parkplätze ohne Ende.

Je mehr Freifläche, desto mehr Freiheiten für Kinder und Jugendliche: auf frisierten Mofas durch die Gegend heizen, schon mit 15 Jahren in die Disco dürfen, das ganze Jahr schwimmen und Tennis spielen können, und das für einen Betrag, der in Hamburg den einmaligen Besuch im Kellinghusenbad kaum decken würde.

Doch, es war schön auf dem Land, denn ich wusste immer, dass ich in die Stadt ziehe, wenn ich erwachsen bin. Schon die Begriffe beinhalten ja, für welche Klientel die unterschiedlichen Siedlungsformen gedacht sind. Die Großstadt für große, die Kleinstadt für kleine Leute, also für Kinder.

Wer etwas erleben will, muss da hin, wo das Leben stattfindet. Wo Leute flanieren können, anstatt im Auto auf der Landstraße aneinander vorbeizufahren. Wo zahlreiche Cafés, Restaurants und Bars den ganzen Tag geöffnet sind, anstatt nur einer Dorfkneipe mit einer Fritteuse aus den 70ern. Wo man in Läden und Boutiquen einkauft, anstatt online bei Zalando. Wo Musicaldarsteller, Theaterschauspieler und Bands auftreten anstatt einmal im Jahr das plattdeutsche Theater.

In der Stadt gibt es alles, und außerdem ist alles auch noch nah bei. Wenn ich es dienstags nicht zum Isemarkt schaffe, gehe ich donnerstags zum Markt auf dem Marie-Jonas-Platz oder in einen der 1000 Bioläden. Ich fahre mit der U-Bahn zur Arbeit anstatt wie früher per Autostopp ins Gymnasium, das es in meinem Kaff natürlich nicht gab. Ich bin in der Lage, fast Vollzeit zu arbeiten, weil hervorragende Kitas direkt in der Nähe meiner Wohnung Verständnis dafür haben, dass nicht jeder um 16 Uhr Feierabend hat. Hätte mein Sohn einen medizinischen Notfall, gäbe es zwei Krankenhäuser mit den besten Spezialisten in der direkten Nachbarschaft.

Natürlich wohnen wir auf kleinem Raum. In der Stadt gelten Quadratmeter noch als Statussymbol. In meiner Heimat starten die größtenteils in Eigenregie und schwarz gebauten Häuser ab 250 Quadratmetern plus umliegendem Central Park. Doch wer will schon zwei Gästeklos putzen und jeden Sonnabend Unkraut zupfen? Der Buxbaum und der Lavendel auf meinem Balkon erhalten meine ganze Aufmerksamkeit, denn anderes Gestrüpp gibt es nicht. Ich erspare mir viel Zeit und das Gefühl von Spießigkeit dadurch, dass ich nie Rasen mähen muss. Was kosten diese lauten Dinger überhaupt, diese Jetskis der Vorstadt? Für den Preis kann ich mir eine Tonne Rosen beim Blumenladen an der Ecke leisten.

Ein zu großes Zuhause lädt außerdem zum Horten vollkommen überflüssiger Dinge ein. Wo auf dem Land alte Dartspiele und kaputte Koffer auf dem Dachboden von Ratten angeknabbert werden, entstehen in der Stadt teure Penthäuser. Preisfrage: Wo würde man sich wohl lieber aufhalten?

„Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich“, lautete ein Sprichwort bei uns auf dem Land, das für mich zu einem der besten Argumente für die Stadt wurde. Eine Umgebung, gekennzeichnet von einem Mangel an Neuem und Unerwartetem, senkt Bereitschaft und Akzeptanz für Neues, für Neue! Versuchen Sie mal, als Zugezogener Einlass in ein bestehendes Dorfsystem zu erhalten, ohne dass Sie sich bis zur Erschöpfung im Fußballverein oder der Freiwilligen Feuerwehr engagieren. Viel Spaß.

Das Stadtleben ist entgegen vieler Meinungen das sozialere. Man muss sich arrangieren, miteinander klarkommen, Kompromisse schließen. Man wird unerwartet im Hausflur in Gespräche über angeblichen High-Heel-Terror auf Parkett verwickelt, lernt ungewollt neue, laute Musikrichtungen kennen, aber auch unerwartet neue, tolle Menschen. Unter meinen Nachbarn waren schon einige, die zu Freunden wurden. Auf Socken die Treppe hoch zum Riesling trinken huschen, sich eine Satellitenanlage teilen, füreinander einkaufen oder die Blumen gießen, sich den Kindersitter sparen, weil ein Babyfon reicht: toll. Nähe schafft Nähe.

Umgekehrt gilt leider: Sind Freunde nicht mehr so leicht zu erreichen, weil sie wegen der Kinder und der oben erwähnten Vorteile aufs Land ziehen, sieht man sich nur noch zu Geburtstagen. Wer rauszieht, ist draußen. Das klingt hart, ja. Aber nur die Harten bekommen den Garten.

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Im Grünen vollkommen geerdet (von Angelika Hillmer)


Frühling ist, wenn Hunderte bunte Krokusse im ungepflegten Rasen blühen, gefolgt von Narzissen und Forsythien. Wenn Meisen um Nistkästen zetern. Wenn die Blütenknospen der Obstbäume so stark anschwellen, dass sie schon Ende März an den Wonnemonat Mai erinnern. Seitdem ich auf dem Land wohne, erlebe ich die Jahreszeiten doppelt intensiv – natürlich auch das winterliche Glatteis, das den Arbeits- und sonstige Wege erschwert. Dann blitzt schon mal der Gedanke auf, dass es vielleicht doch ganz schön wäre, zentral in der Hamburger Innenstadt zu wohnen. Aber nur dann.

Ein Leben im Grünen, geerdet im eigenen Garten, schafft Ausgleich zum Bürostress. Es schützt vor zu viel Alkohol auf Partys und Empfängen, bei Abendessen oder Konzerten. Denn am Ende des Tages liegt immer eine Autofahrt vom Park-and-Ride-Bahnhof ins heimische Dorf. Landleben sorgt auch dafür, dass man sich viel an der frischen Luft bewegt (sei es zum Unkrautjäten), und das auch dann noch, wenn das Wetter nicht gerade dazu einlädt. Kurzum: Es hält Körper und Seele fit.

Und was ist mit dem Geist? Neben Esskultur hat meine Wohnumgebung tatsächlich wenig kulturelle und auch keine intellektuellen Höhepunkte zu bieten. Minutenlang zwei Eichhörnchen zu beobachten, wie sie sich in den Baumkronen jagen, oder Fröschen am Gartenteich beim Sonnen zuzusehen: Zugegeben, das sind keine großartigen geistigen Leistungen. Aber gilt das nicht auch für Spaziergänge im städtischen Park, für Computer- und Fußballspiele? All dies schafft Entspannung, und die ist die Voraussetzung, um anschließend wieder aufnahmefähig zu sein. Wofür genau, bleibt dahingestellt. Das gilt für Städter und Landbewohner gleichermaßen.

Schließlich ist die Stadt mit all ihren mehr oder minder anspruchsvollen Angeboten auch für die Bewohner des Speckgürtels nicht weit. Wer was nutzt, ist eher eine Frage des Charakters und Interesses als eine des Wohnortes. Das gilt erst recht für Berufstätige, die in der Hamburger Innenstadt arbeiten. Sie begeben sich ohnehin fast täglich in die Stadt – und verstopfen dabei als böse Pendler die Fahrwege. Ich setze auch hier auf Entspannung und reise per S-Bahn an.

In einer Welt, die zunehmend getaktet ist, in der Arbeit kostensenkend „verdichtet“ wird, in der viele Menschen elektronisch immer erreichbar sind (ich nicht), wirkt eine natürliche Umgebung wie Baldrian. Hier ist die Zeit zwar nicht stehen geblieben, aber sie schreitet langsamer voran. Es fällt nicht schwer, beim Alltagstempo zwei Gänge zurückzuschalten. Ein Supermarktbesuch im Ortskern geht selten ohne Klönschnack ab, ich treffe immer ein bekanntes Gesicht oder komme mit dem Vordermann in der Kassenschlange ins Gespräch. Schräg gegenüber residiert die Postagentur. Minutenlanges Warten, obwohl man allein im Laden ist: Das kann stressgeplagte Städter auf die Palme bringen. Ich kalkuliere die Personallücke ein und plane für den Besuch lieber gleich ein paar Minuten mehr ein.

Schlafen mit offenem Fenster und dennoch ohne Lärm, wenig Verkehr auf den Straßen, frische Eier von den Hühnern des Nachbarn, kurze Wege zum Radeln in der Feldmark oder zum Sportplatz im Ort: Das Leben mit Landanschluss ist einfach entspannter. Viele Zeitgenossen haben das längst gemerkt – Landlust ist schwer in Mode gekommen. Erlebnisfasten macht den Kopf frei. Und wer gar nicht anders kann, nimmt sein Smartphone mit auf die Wiese, die zum Sonnenbaden einlädt.

Wer, wie ich, nur einen Steinwurf von der Elbe entfernt wohnt, ist doppelt privilegiert. Ich lebe dort, wohin Städter einen Tagesausflug machen (derzeit sind es sehr viele Städter, denn die Stintsaison läuft auf Hochtouren). Ein Spaziergang zum Fluss ist immer ein Erlebnis. Im Winter treiben Eisschollen vorbei, im Frühjahr balzen die Wasservögel, im Sommer bietet der Strom Abkühlung – direkt im Wasser oder (lieber) im eigenen Boot oder aber im Biergarten am Ufer. Und auf den Deichen grasen die Schafe mit ihren Lämmern. Ihr Geblöke klingt zum Teil so urkomisch, dass ich auf dem gegenüberliegenden Tennisplatz schon so manchen Ball lachend verschlagen habe.

Vor allem im Sommer kann die Frage auftauchen, warum man überhaupt in die Ferne reist, wo doch die heimische Umgebung eigentlich ganz urlaubstauglich ist. Die Antwort ist schnell gefunden: Haus und Garten verleiten dazu, aus der wohlverdienten Freizeit einen Arbeitsurlaub zu machen. Denn Reparaturen und Grünpflege drängen sich immer auf. Wer das nicht ertragen (und auch mal ignorieren) kann, ist in der Stadt tatsächlich besser aufgehoben.

Die Serie im Überblick


Folge 1: Stadt oder Land

Folge 2: Mieten oder kaufen

Folge 3: Haus oder Wohnung

Folge 4: Neubau oder Altbau

Folge 5: Architekt oder Fertighaus