Leitartikel

Hamburg muss mehr für Menschen bauen

Hamburg setzt bei neuen Wohnungen derzeit zu sehr auf Masse statt auf Klasse

Wenn man das Internet nach Beiträgen zum Bauen in Hamburg durchforstet, stößt man gelegentlich auf ätzende Beiträge. „Ich kann diese Kästen nicht mehr sehen“, heißt es da etwa zu einem geplanten Neubau in Altona. Von „Würfelhusten“ ist an anderer Stelle die Rede, wo es um die HafenCity geht.

Klar ist Kritik im Netz bisweilen unfair überzogen – doch ein gewisses Unbehagen über manche Architektur wird sicher von vielen geteilt.

Muss es wohl auch. Denn der vom Senat so massiv propagierte Wohnungsbau ist an etlichen Ecken der Stadt zu besichtigen; kaum ein Hinterhof in Ottensen beispielsweise, wo inzwischen nicht neue Wohnhäuser gebaut worden sind. Und nicht selten konnte ein Investor mit den Bezirken Ausnahmen vom Baurecht aushandeln, die noch ein bisschen mehr erlauben. Klotzen, nicht kleckern – das scheint die vorgegebene Marschrichtung zu sein.

Ob aber mit dem Klotzen auch immer ein qualitätvolles Bauen einhergeht – darüber lässt sich vielfach eben streiten. Der neue Hamburger Wohnbaupreis soll dabei künftig Orientierung bieten und Beispiele zeigen, wo trotz Kostendruck und schwieriger Grundstücke gelungene Lösungen gefunden werden konnten. Eine solche Richtschnur ist sicherlich hilfreich. Und die jetzige Auswahl lässt sich auch nachvollziehen: Besonders innovative Bauten mit variablen Grundrissen und ungewöhnlicher Fassade wurden da ausgewählt oder wie auf der Uhlenhorst eine ansprechende Kombination aus Alt- und Neubau.

Allerdings löst der neue Preis noch nicht das Problem, dass Publikum und Fachleute in Sachen Architektur oft höchst unterschiedlich empfinden. Immer wieder lässt sich das nach Architekten-Wettbewerben erleben – ob am Domplatz, in der HafenCity oder anderswo in der Stadt. Die Fachwelt jubelt, die Laien schütteln den Kopf.

Das könnte auch diesmal passieren, die Preisträger wurden von renommierten Architekten ausgewählt. Alle drei Gebäude im ersten Preisrang sind – natürlich – eckige Flachdachbauten. Planer mögen dies, das Flachdach ist eben die Moderne, heißt es bei ihnen. Und weil es die Nazis waren, die die Flachdächer der Reform-architektur der 20er- und 30er-Jahre abgelehnt hatten und wieder Spitzdächer forderten, kann man das Unbehagen der Experten auch verstehen.

Trotzdem: Die beliebtesten Stadtteile sind heute die innenstadtnahen Gründerzeitviertel. Mit Stuckverzierungen und Dächern, mit Geschäften im Erdgeschoss und hohen Decken in den Wohnungen. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass diese Viertel in ihrer Entstehungszeit noch nicht unbedingt ein Idealbild zum Wohnen darstellten. Die Vorderhäuser waren großzügig und hübsch gestaltet, viele Menschen dieser Zeit lebten dort aber auch in dunklen, beengten Hinterhof-Bauten. In den 70er-Jahren zog man aus solchen Häusern ausgesprochen gerne in die heute verdammten Plattenbauten wie in Kirchdorf. Dort gab es Zentralheizungen und keine Toiletten in der Zwischenetage mehr. Erst mit der Städtebauförderung, die in dieser Zeit begann, wurden die Gründerzeitviertel modernisiert und erreichten schließlich ihre heutige Beliebtheit.

Ideal wäre es also, wenn Architekten das moderne Bauen mit diesem Wunsch nach Dekor und Wohlfühl-Ambiente der heutigen Gründerzeitquartiere kombinieren könnten. Dazu muss man aber wissen, was künftige Bewohner mögen.

Vielleicht ist es daher an der Zeit, einen Wohnungsbaupreis zu schaffen, der nicht nur von einer Fachjury bewertet wird, sondern auch von denjenigen, die in den neuen Häusern wohnen. Allein die Diskussion zwischen beiden Gruppen könnte neue Sichtweisen schaffen, was gutes Bauen eigentlich ist oder sein sollte.

Der Autor ist Redakteur im Hamburg-Ressort des Abendblatts