Umweltbehörde

Weniger Flüge - aber doppelt so viele Beschwerden über Lärm

Mehr als 4500 Proteste gegen Fluglärm innerhalb eines Jahres. Verwaltung macht Baustelle und „Empfindlichkeit“ für den drastischen Anstieg verantwortlich. Umweltausschuss berät über Konsequenzen.

Hamburg. In der Hamburger Bevölkerung regt sich massiver Protest gegen Fluglärm. Im vergangenen Jahr gingen 628 Beschwerden über Starts und Landungen nach 22 Uhr bei den zuständigen Behörden ein - doppelt so viele wie noch im Jahr 2012. Das geht aus einer Senatsantwort auf eine Anfrage der Linke-Fraktionsvorsitzenden Dora Heyenn hervor, die dem Abendblatt vorliegt. Insgesamt belief sich die Zahl der Einzelbeschwerden und Unterschriften auf mehr als 4500, der höchste Stand seit 2007. Am Montagabend beriet der Umweltausschuss bei einer Expertenanhörung über den drastischen Anstieg.

Nach Senatsangaben kamen die meisten Beschwerden über störenden Fluglärm von Anwohnern in Langenhorn, Fuhlsbüttel und Alsterdorf. Diese Stadtteile sind durch ihre Nähe zum Hamburg Airport traditionell besonders stark von der dröhnenden Geräuschkulisse betroffen. Zusätzlich gingen viele Beschwerden aus den Walddörfern und dem weiteren innenstadtnahen Stadtteilen wie Barmbek und Winterhude ein.

„Wir erleben einen außerordentlich konsequenten und artikulierten Protest“, sagte Kerstin Graupner, Sprecherin der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. In der Verwaltung herrscht dennoch Verwunderung über die Protestwelle. Die Statistik hatte für den Hamburg Airport jüngst einen Rückgang der Flugbewegungen um 5,9 Prozent im abgelaufenen Jahr ausgewiesen, die Zahl der Flüge nach 23 Uhr nahm mit 450 Starts und Landungen leicht ab.

Großbaustelle und „höhere Empfindlichkeit“ als Gründe

Die Flughafenleitung macht achtwöchige Bauarbeiten zwischen Juli und September 2013 als Hauptursache für den drastischen Anstieg aus. In dieser Zeit wurde die Oberfläche der sogenannten Ost-West-Bahn des Flughafens erneuert. In der Folge sperrte die Flugsicherung die Anflugroute Niendorf und leitete ein Großteil des Anflugverkehrs über die innenstadtnahen Stadtteile. „Da diese Gebiete wesentlich dichter besiedelt sind, herrscht dort auch ein höheres Beschwerdepotenzial“, sagte die Airport-Sprecherin Stefanie Harder. Hinzu komme, dass die Anwohner in diesen Regionen Fluglärm oft nicht gewohnt seien und sich deshalb schneller an die Behörden wandten.

Die Hamburgische Fluglärmschutzbeauftragte Gudrun Pieroh-Joußen bestätigt, dass in jener Zeit „die Telefone nicht mehr stillstanden“. Der Nachtverkehr wurde dennoch nach Vorschrift fast ausschließlich über die nördliche Bahn gelenkt. Von 23 bis 0 Uhr dürfen in Hamburg nur noch verspätete Flugzeuge im Linien- und Pauschalreiseverkehr starten und landen, für die Fluggesellschaften wird in diesen Fällen eine vierstellige Sondergebühr fällig. Für Flüge nach Mitternacht bedarf es einer Ausnahmegenehmigung - etwa für den Transport von Organen oder Verletzten. Eine solche Erlaubnis wurde im Jahr 2013 nur 15 mal erteilt.

Die Lärmschutzbeauftragte hält eine „höhere Empfindlichkeit“ dafür mitverantwortlich, dass sich die Zahl der Beschwerden über Nachtflüge verdoppeln. „Studien des Umweltbundesamtes belegen, dass dies ein gesellschaftliches Phänomen ist“, sagt Pieroh-Jousen. Obwohl die Lärmbelastung faktisch nicht zunehme, fühlten sich die Anwohner stärker gestört - und stuften die Flugzeuggeräusche als Bedrohung ein. „Aus einer subjektiven Sicht ist diese Haltung sehr nachvollziehbar“, so Pieroh-Jousen. Die gesetzlichen Grenzwerte wurden bei Messungen im Jahr 2013 nicht überschritten.

Linke und Grüne wollen Reaktionen prüfen

Grüne und Linke in der Bürgerschaft fordern den Senat auf, die Beschwerden der Anwohner und die Belastung durch Fluglärm ernst zu nehmen. Es sei klar, dass es bei einem innerstädtischen Flughafen keine einfachen Lösungen gebe, so der Grünen-Abgeordnete Anjes Tjarks. „Aber es ist ernüchternd, dass der Senat sich bisher noch nicht mit den laufenden Bundesratsinitiativen für einen verbesserten Fluglärmschutz auseinandergesetzt hat.“ Die Fraktion der Linke fordert in einem Antrag ein generelles und striktes Verbot von Nachtflügen.

Am Mittwochabend sollen Experten von Flughafenleitung, Wissenschaft und der Deutschen Flugsicherung und die Folgen der Fluglärmbelastung und mögliche Reaktionen bei einer Anhörung im Umweltausschuss darlegen. Für die städtische Beauftragte Gudrun Pieroh-Joußen müssten die Folgen von Bahnsperrungen besser prognostiziert und abgemildert werden. „Im vergangenen Jahr hatten wir einen heißen Sommer, offene Fenster - und dann ständig rauschende Flugzeuge über dem Innenstadtbereich. „Dieses Szenario sollte in Zukunft unter allen Umständen verhindert werden.“

Die komplette Beschwerdestatistik hat die Umweltbehörde auf ihrer Internetseite veröffentlicht.