Prozess der Woche

Vergewaltigt: „Wie ein wildes Tier zu seiner Beute“

Eine junge Frau wurde in der Nähe der Uni vergewaltigt. Das Urteil: fünf Jahre Gefängnis für einen 34 Jahre alten Spanier. Er behauptete sogar, das Opfer habe ihn für den Sex bezahlen wollen.

Neustadt. Am Ende war ihr Hilferuf nur noch ein Wispern. Verzweifelt und tränenerstickt, für laute Schreie hatte die 24-Jährige offenbar keine Kraft mehr. Zu tief der Schock, zu bedrohlich die Situation, zu groß die Angst vor dem Mann, der da auf ihr lag. Der sie laut ihrer Schilderung zu vergewaltigen versuchte, der sie mit einem Schraubenzieher-ähnlichen Werkzeug bedroht, traktiert und verletzt habe. Und der sich wie toll gebärdete, als Polizisten ihn von der Frau wegzuzerren und zu bändigen versuchten.

Der Angeklagte behauptet, die junge Frau habe „Spaß am Sex“ gehabt

Ein Kerl wie von Sinnen, bei dem es vier Polizisten und zwei Paar Handfesseln brauchte, um ihn halbwegs ruhigzustellen. „Er wollte immer wieder zu ihr hin – wie ein wildes Tier zu seiner Beute“, schildert ein Zeuge das erschütternde Szenario. Jetzt aber gibt sich Nico N. (Name geändert) ganz zahm. Hier im Prozess vor dem Landgericht scheint der 34-Jährige sich möglichst weit vom Bild eines rasenden, triebgesteuerten Geschöpfes distanzieren zu wollen. Ein ruhiger, eher klein gewachsener und bedächtig sprechender Mann in Strickpulli, der behauptet, mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen nichts zu tun zu haben.

Ja, er habe in jener Nacht Ende August vergangenen Jahres mit einer jungen Frau Sex gehabt, meint der Angeklagte. „Und sie hatte Spaß dabei.“ Aber von einer besonders schweren versuchten Vergewaltigung, wie es ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, könne keine Rede sein, entrüstet Nico N. sich. Laut Anklage hatte der Mann die 24-Jährige zunächst bis in Uni-Nähe verfolgt und ihr Handy zu rauben versucht. Dabei, so die Vorwürfe weiter, drückte er ihr ein längliches, spitzes Werkzeug in den Rücken und drohte: „I will kill you.“ Doch als sie ihr Mobiltelefon tapfer festhielt, habe der Angreifer das Opfer zu Boden gedrückt, ihr einen Teil ihrer Kleidung vom Leib gerissen, sie mit seinem Schraubenzieher wiederholt an Rücken, Bauch und Hals verletzt und sich eine ganze Weile lang bemüht, sie zu vergewaltigen. „Aber es hat bei ihm nicht funktioniert“, sagte die Frau nach Aussage eines Zeugen kurz nach dem Geschehen.

Von einem brutalen Gewaltverbrechen will der Angeklagte indes nichts wissen. „Zu solchen Handlungen bin ich unfähig“, verkündet der 34-Jährige, der bis vor einigen Monaten in seinem Heimatland Spanien unter anderem wegen Raubes insgesamt acht Jahre im Gefängnis saß. Der dunkelhäutige Mann mit dem fliehenden Kinn und der hohen Stirn empfindet sich offenbar eher als unwiderstehlichen Frauentyp, der nach seiner Darstellung von der jungen Studentin gleichsam als Sexualobjekt auserkoren wurde. Sie habe ihn unversehens angesprochen, ob er mit ihr Sex haben wolle, und sogar angeboten, ihm dafür Geld zu zahlen, erzählt Nico N.

„So etwas passiert einem ja nicht jeden Tag.“ Das Angebot zum Akt akzeptierte er laut seiner Schilderung, doch dafür auch noch bezahlt zu werden, lehnte er ab. Gemeinsam seien sie zu einem Baum auf einer Grünfläche in Uni-Nähe gegangen. „Dort haben wir dann Sex gehabt.“ Bis erst ein Mann kam, den sie weggeschickt hätten, und wenig später Polizisten herbeistürmten. „Sie legten mir Handschellen an. Ich war wütend, weil ich nicht wusste, was los war. Hilfeschreie der Frau habe ich jedenfalls nicht gehört.“

Ganz anders sieht das ein Passant, der verzweifelte Rufe der Frau vernahm und daraufhin die Polizei alarmierte. Die junge Frau habe laut geweint und um Hilfe gefleht. Doch der Mann, der auf der Hamburgerin lag, habe sich davon überhaupt nicht irritieren lassen und sogar lautstark behauptet: „It’s okay, she is my baby.“

Einer der von dem Zeugen herbeigerufenen Polizeibeamten erinnert sich an ein Opfer, „das weinte und flüsterte, sie brauche Hilfe“. Wie ein Berserker habe der Mann agiert, mehrere Beamte hätten gemeinsam ihre Kräfte aufbieten müssen, um ihn von der Frau wegzuzerren. „Er war kaum zu bändigen. Und sie war ziemlich durch den Wind.“

Die junge Frau hat die Tat recht gut verarbeitet – oder massiv verdrängt

Doch augenscheinlich hat die 24-Jährige die Tat recht gut verkraftet. Oder sie so massiv verdrängt, dass sie bei ihrer Zeugenaussage, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, relativ gelassen wirkte, wie die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer betont. Sieben Jahre Haft beantragt die Anklägerin für Nico N., der „hartnäckig die Menschenwürde des Opfers missachtet“ habe. Der Verteidiger fordert dagegen Freispruch für seinen Mandanten.

Das Landgericht ist am Ende des Prozesses von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Fünf Jahre Freiheitsstrafe unter anderem wegen besonders schwerer versuchter Vergewaltigung verhängt die Kammer gegen den 34-Jährigen, der in seinem letzten Wort die Anschuldigungen gegen ihn als „verwerflich und unverzeihlich“ apostrophiert hatte. „Verwerflich“ sei indes mitnichten die Art der Anklage, greift der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung die Formulierung auf. „Verwerflich und unverzeihlich ist das, was Sie getan haben“, sagte der Richter abschließend.

Abendblatt-Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher schreibt jede Woche über einen außergewöhnlichen Fall