Schüler machen Zeitung

„Mit dem Abendblatt fühle ich mich zu Hause“

Eine Neuntklässlerin hält ein flammendes Plädoyer für die gedruckte Zeitung

Kaum wegzudenken ist die Tageszeitung am morgendlichen Frühstückstisch in Deutschland. Oder etwa doch? Obwohl etwa 46 Millionen Menschen regelmäßig Zeitung lesen, und das ungefähr 36 Minuten am Tag? Die Verkaufszahlen von gedruckten Zeitungen sinken kontinuierlich. Ganz im Gegensatz zu den Onlineportalen, von denen es täglich mehr zu geben scheint. Schon etwa 600 deutsche Zeitungen bieten ihre Inhalte online an, Artikel, Meldungen, immer aktuell, immer schnell. Ist das die Ursache?

Müssen die Leser der gedruckten Zeitung umschalten? Mithalten? Mitmachen? Online lesen?

Im 17. und 18. Jahrhundert verkauften Zeitungen in Deutschland kaum mehr als 300 Exemplare am Tag, mit der Industrialisierung stieg diese Zahl rapide an. Und jetzt? Ist unsere Industrialisierung also das Internet? Vorteile bietet das Internet reichlich, für Leser wie für Autoren. Das Internet kennt kein Zeitfenster, Informationen kann man rund um die Uhr bekommen. Radio und Fernsehen sind nicht mehr aktueller als die ins Netz getippten News. Zeitunglesen braucht Zeit.

Ein Blick ins Internet kostet sehr viel weniger Zeit, und Kommentare lassen sich schnell eintippen und abschicken. „Ein Teil des Geschehens zu sein“, das verbinden viele Jugendliche mit dem Begriff Informationen. Im weltweiten Netz mitzumachen bedeutet für viele auch, näher am Geschehen dran zu sein. Zudem ist das Format beim digitalen Lesen immer genau richtig – mit dem Handy, Tablet oder Laptop. Für viele Jugendliche spielt es daher keine Rolle, ob die Eltern eine Zeitung abonniert haben oder die gedruckte Zeitung am Kiosk ausliegt.

Trotzdem! Ich persönlich mag es nicht glauben, dass Onlineportale die klassische Zeitung auf gedrucktem Papier verdrängen. Wenn ich mich morgens an den Frühstückstisch setze, ist Zeitungszeit. Ich frage mich jeden Morgen, wie das Titelblatt wohl aussieht, und manche Artikel finde ich so interessant, dass ich sie ausschneide und aufhebe.

Ein Blick auf die Zeitung verrät mir, welcher Tag heute ist und was in der Welt passiert ist. Wenn ich das Hamburger Abendblatt in der Hand halte, dann bin ich zu Hause. Ein Blick auf eine Scheibe kann mir dieses Gefühl nicht vermitteln. Ich bin Teil des Ganzen, weil diese Zeitung auf meinem Tisch liegt. Jeden Morgen – und bekanntlich macht der Morgen den Tag. Vielleicht halten Sie mich jetzt für altmodisch, nostalgisch, einen Rebell gegen die Zeit. Und vielleicht hat das Internet schon längst gesiegt. Aber wissen Sie, was wir brauchen? Ein bisschen Ruhe, jeden Tag. Und um eine gedruckte Zeitung zu lesen, braucht es Ruhe.