Arbeitsmarkt

630 neue Jobs in der norddeutschen Luftfahrt

Airbus bis 2018 voll ausgelastet. Auftragslage der Branche verbessert sich. IG Metall kritisiert hohe Zeitarbeitsquote. Mit knapp 14 Prozent ist der Anteil der Frauen an den Beschäftigten jedoch relativ gering.

Hamburg. Die norddeutsche Luftfahrtindustrie behält ihre Rolle als Jobmotor: Fünf Unternehmen wollen bis zum nächsten Jahr zusammen 631 Mitarbeiter zusätzlich einstellen. Das geht aus einer Befragung der IG Metall unter Betriebsräten von 13 Betrieben der Branche im Bezirk Küste mit insgesamt gut 25.500 Beschäftigten hervor. Nur zwei der Firmen rechnen mit einem Abbau. Seit dem März 2012 haben die befragten Unternehmen 1574 Personen neu eingestellt, darunter waren 931 bisherige Zeitarbeitskräfte.

„Wir sind sehr froh, wie sich die Beschäftigung entwickelt“, sagt Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste, zu den Resultaten der Studie. Sie zeigt, dass der Aufwärtstrend in der Branche ungebrochen ist: Neun der Betriebe gehen sogar noch von einer Verbesserung der Auftragslage im nächsten Jahr aus und sechs von ihnen können bereits absehen, dass sie bis zum Jahr 2018 zu 100 Prozent ausgelastet sein werden. Das gilt auch für Airbus. Der Flugzeugbauer verfügt aktuell über ein Auftragspolster von mehr als 5200 Jets; das bedeutet rein rechnerisch Arbeit für mehr als acht Jahre in den Werken.

Allerdings haben acht der befragten Firmen Probleme, offene Stellen zu besetzen – vor allem wenn es um Ingenieure geht. „Statiker bekommt man am Markt nicht mehr“, sagt Jan-Marcus Hinz,Betriebsratsvorsitzender bei Airbus in Hamburg. Es sei daher geboten, frühzeitig dafür zu sorgen, Studenten für das Unternehmen zu gewinnen: „Die Kooperation mit Hochschulen muss ausgebaut werden.“

Auch Geiken weist auf das Risiko hin, dass fehlender Nachwuchs die prinzipiell hervorragenden Perspektiven der Branche dämpfen könnte: „Die Unternehmen müssen sich noch mehr ins Zeug legen, damit es ihnen in den nächsten Jahren nicht an Fachkräften mangelt.“ Unzufrieden ist er mit der Ausbildungsquote von 4,2 Prozent. „Diese Quote ist zu gering, um den zukünftigen Herausforderungen begegnen zu können“, so Geiken. Er wünscht sich eine Quote von acht Prozent. Airbus hat im „Zukunftstarifvertrag“, den die Geschäftsführung im Februar 2012 mit den Arbeitnehmervertretern unterzeichnete, eine Ausbildungsquote von fünf Prozent festgeschrieben.

Mit knapp 14 Prozent ist der Anteil der Frauen an den Beschäftigten der Luftfahrtindustrie im Norden relativ gering – im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt liegt er immerhin bei rund 25 Prozent. Auch in dieser Hinsicht gibt es nach Auffassung des IG-Metall-Bezirksleiters erheblichen Raum für Verbesserung: „Wir glauben, dass Frauen in dieser spannenden Branche einen guten Job machen würden.“ Bei Airbus zeigen die Bemühungen, vermehrt auch weibliche Bewerber für das Unternehmen zu interessieren, bereits Wirkung: Unter den 290 jungen Menschen, die Anfang August eine Ausbildung oder ein duales Studium aufgenommen haben, ist der Anteil der Frauen auf 27 Prozent weiter gestiegen; im Vorjahr waren es 24 Prozent.

Unabhängig vom Geschlecht gehe es jedoch darum, das Arbeitsleben so zu gestalten, dass es auch mit Kindern zu bewältigen ist, sagt Hinz: „In Zukunft werden sich die Beschäftigten den Arbeitgeber nicht zuletzt auch danach aussuchen, ob es dort möglich ist, Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren zu können.“

Angesichts des demografischen Wandels müssen die Firmen nach Ansicht der Gewerkschaftler aber auch darauf achten, dass ältere Beschäftigte ihrer Arbeit weiter nachgehen können. „Die Arbeitsbedingungen müssen passen“, so Geiken. Bei Airbus in Hamburg wurde nach Angaben von Hinz vor wenigen Wochen ein „Demografieprojekt“ ins Leben gerufen, das Ideen hierfür liefern soll. Hinz kann sich unter anderem „Musterarbeitsplätze“ in der Produktion vorstellen, die zeigen könnten, wie auch Menschen über 60 ohne allzu große körperliche Belastung im Flugzeugbau einsetzbar seien. In der norddeutschen Luftfahrtindustrie liegt der Altersdurchschnitt derzeit bei 43,8 Jahren. Zum Vergleich: Arbeitnehmer aller Branchen in Deutschland sind im Schnitt knapp 42 Jahre alt.

Ein Reizthema für die IG Metall ist weiter die Zeitarbeit. In den befragten Betrieben liegt sie im Schnitt bei knapp 19 Prozent. „Wir können es uns nicht leisten, in dieser Zukunftsbranche eine so hohe Quote zu haben“, sagt Geiken. „Zeitarbeit bedeutet immer Angst um den Arbeitsplatz – und das hemmt die Kreativität.“ Für eine Branche mit prall gefüllten Auftragsbüchern gebe es keinen Grund, „die Menschen in unsichere, oft schlechter bezahlte Arbeitsverhältnisse zu drängen“, so Geiken. „Wer neue Mitarbeiter gewinnen will, muss ihnen auch einen festen und fairen Arbeitsvertrag bieten.“

Dem IG-Metall-Bezirksvorsitzenden zufolge gibt es eine Tendenz, Zeitarbeitsverträge in Werkverträge umzuwandeln. Die Umfrage zeigt eine Werkvertragsquote von 4,1 Prozent. Zwar sei gegen solche Verträge nicht grundsätzlich etwas einzuwenden, erklärte Geiken. Sie dürften jedoch nicht zum Lohndumping führen, indem man den Auftrag immer weiter an Subunternehmer durchreiche und die Arbeit schließlich durch schlecht bezahlte Kräfte etwa aus Osteuropa ausgeführt werde. „Ich glaube aber nicht, dass es sich bei Airbus so verhält“, sagt Geiken.