Prozess

Ex-HSH-Vorstand: „Anklage ist völlig inakzeptabel“

Zweiter Verhandlungstag im Prozess gegen früheren HSH-Vorstand. Ex-Chef Hans Berger weist Vorwürfe zurück. Hans Berger war von Anfang 2007 bis Ende 2008 Vorstandschef.

Hamburg. Der Gang in den Gerichtssaal fällt ihm sichtlich schwer: Hans Berger, Ex-Chef der HSH-Nordbank, wirkt angegriffen. Von den angeklagten sechs Ex-Vorständen ist der 63-Jährige der erste, der sich vor dem Landgericht zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft äußert, sie, die Manager, hätten im Dezember 2007 das Kreditgeschäft Omega 55 genehmigt, ohne die Chancen und Risiken sorgfältig genug abzuwägen. Dadurch hätten sie das ihnen anvertraute Vermögen veruntreut, einen Verlust von 158 Millionen Euro verursacht und die Bank an den Rand des Ruins getrieben. Hans Berger war von Anfang 2007 bis Ende 2008 Vorstandschef. Sein Job war es, die HSH-Nordbank für den geplanten, dann aber doch nicht realisierten Börsengang fit zu machen.

Berger ist ein Vertreter der alten Schule. Jemand, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Das unterscheidet ihn insbesondere vom akademischen Überflieger Dirk Jens Nonnenmacher, der im Gerichtssaal zwei Plätze neben ihm sitzt. Berger lernte Bankkaufmann bei der Sparkasse in Kiel, lange bevor die Finanzmärkte heiß liefen und der glücksspielartige Handel mit Finanzinstrumenten wie „Options“ oder „Futures“ die Spekulationsblase fleißig nährte. Nonnenmacher lernte Mathematik an der Universität und brachte es Anfang der 1990er-Jahre in nur drei Jahren zum Mathe-Professor. Der Zahlenmensch Nonnenmacher war es, der den erfahrenen Instinktmenschen und zähen Karrierearbeiter Berger im November 2008 als Vorstandschef ablöste. Berger hatte zuvor seinen Rücktritt eingereicht und die Verantwortung für einen Verlust von 360 Millionen Euro in den ersten neun Monaten des Krisenjahres 2008 übernommen.

Berger mag angeschlagen wirken, doch er spricht mit fester Stimme, es ist ein reiner Sachvortrag, an dessen Ende nicht etwa eine Rechtfertigung des Omega-55-Deals steht, sondern vielmehr eine Begründung dafür. Der 63-Jährige bestreitet den Vorwurf der Untreue rundherum. Nach der Fusion der Landesbanken von Schleswig-Holstein und Hamburg zur HSH-Nordbank habe sich das Geschäftsmodell gewandelt. „Das Ziel war es, eine gute Wettbewerbsposition zu erreichen vor dem geplanten Börsengang.“ Jahrelang habe die HSH-Nordbank auf ihr Kreditersatzgeschäft gesetzt, ab Ende 2007 sei es jedoch darum gegangen, die aufgelaufenen Risiken (risk weighted assets, kurz RWA) auszulagern, um weniger Eigenkapital zu binden. Auch bei Omega 55 handelte es sich um eine sogenannte „RWA-Entlastung“ – eine von zehn mit einem Gesamtvolumen von 17 Milliarden Euro und einem Entlastungseffekt von 12,6 Milliarden Euro.

An der Vorbereitung der Omega-Transaktion habe er nicht mitgewirkt, „in keiner Weise“, sagt Berger. Bis zur Vorlage des Kreditantrags am 19. Dezember 2007 habe er keine Informationen über das Geschäft gehabt. Zwei andere Vorstandsmitglieder – Rieck und Strauß – hätten ihre Unterschriften unter das als Eilbeschluss deklarierte Dokument gesetzt, seine eigene hinzugefügte habe er als „Kenntnisnahme“ bewertet. Er habe damals keinen Zweifel an einer „wirksamen Risikoentlastung“ durch den Deal gehabt – bekanntlich ist genau das Gegenteil eingetreten.

Dann äußert sich auch sein Nachfolger Dirk Jens Nonnenmacher, Spitzname: Dr. No. Er spricht über seine berufliche Karriere und darüber, dass er als HSH-Finanzchef nicht für das Risiko-Controlling zuständig gewesen sei.

Es wird wohl noch spannend. Für einen der kommenden Prozesstage kündigt sein Verteidiger weitere Angaben des Ex-Vorstandschefs zum Tatvorwurf an. Nonnenmacher und der seinerzeit für das Investmentgeschäft zuständige Jochen Friedrich müssen sich zudem wegen Bilanzfälschung verantworten. Auch Friedrich weist den Untreue-Vorwurf am Montag weit von sich. „Nach Abwägung aller Risiken habe ich Omega 55 als steuerbares Engagement genehmigt“, sagt er. „Hätte ich auch nur den leisesten Verdacht gehabt, dass wir ein unvertretbares Risiko eingehen, hätte ich das nicht getan.“ Vor diesem Hintergrund halte er seine Entlassung Ende 2009 für „nicht nachvollziehbar und akzeptabel“. So wie er lassen fast alle Angeklagten selbst oder über ihre Verteidiger durchblicken, dass sie sich hier nichts vorwerfen lassen müssen.

Omega 55, so der Tenor, schien damals ein probates Mittel zu sein, Bilanzrisiken loszuwerden und die Eigenkapitalquote aufzuhübschen. Friedrich spricht von der „empörenden Anklageschrift“, Bernhard Visker wehrt sich über seine Verteidigerin gegen das Bild des „gewissenlosen Bankers“, und Peter Rieck lässt verlauten: Er habe „stets zum Wohle der HSH-Nordbank gehandelt“. Die Frage, ob der spektakuläre Prozess – erstmals ist ein kompletter Bankvorstand angeklagt – nach 40 Tagen mit einem Urteil oder einem Freispruch endet, scheint zweitrangig zu sein: Die Sache lande so oder so beim Bundesgerichtshof, da ist sich Richter Tully sicher. Um den Prozess zu beschleunigen, würde er gern mit den Angeklagten „in einen Dialog“ treten. Tully: „Dieses Gericht will Sie nicht in die Pfanne hauen, sondern sich der Wahrheit nähern.“